Warum das britische Pfund abgestürzt ist

Das britische Pfund kommt nicht aus dem Tief heraus. Nachdem die Währung am Donnerstag einen deutlichen Kurssturz erfuhr, ging es auch am Freitag weiter abwärts. Der Brexit wirft seinen Schatten voraus, sagen Analysten.


Die Entscheidung der britischen Notenbank, angesichts unsicherer Konjunkturaussichten die Zinsen nicht zu erhöhen, hat auf dem Devisenmarkt für Turbulenzen gesorgt. Der Kurs des Pfund Sterling ließ deutlich nach. Am Donnerstag ging es gegenüber dem Dollar um mehr als 0,6 Prozent abwärts, zum Euro um über 0,7 Prozent. Beides ist auf dem Währungsmarkt eine sehr starke Bewegung innerhalb eines Tages.

Auch am Freitag erholte sich der Kurs nicht. Das Pfund notierte am Nachmittag erneut 0,4 Prozent schwächer bei 1,3079 Dollar und zur europäischen Gemeinschaftswährung 0,2 Prozent schwächer bei 1,1045 Euro.

Grund für den Absturz war aus Analystensicht vor allem das Ergebnis der Ausschusssitzung der Bank of England am Donnerstag. Die britische Notenbank beließ den geldpolitischen Schlüsselsatz auf dem Rekordtief von 0,25 Prozent und hielt auch den Umfang ihres Anleihenkaufprogramms bei 435 Milliarden Pfund (485,7 Milliarden Euro) konstant. Zuletzt hatten mehrere Währungshüter laut über eine Erhöhung des Leitzinses in der zweiten Jahreshälfte nachgedacht.



Seit dem Brexit-Votum im Juni 2016 verdüstert sich die Stimmung auf der Insel: Die Wirtschaft wuchs von Januar bis Juni so langsam wie seit fünf Jahren nicht mehr. Viele Großbanken haben angekündigt, Tausende Mitarbeiter von London aufs europäische Festland abzuziehen. Als Reaktion auf das Anti-EU-Votum hatte die Bank of England den Schlüsselzins auf das aktuelle Niveau gesenkt und das Anleihenkaufprogramm aufgestockt, ein Ende ist nach der jüngsten Sitzung weiter nicht in Sicht.

Bei Anlegern und Analysten kam die Entscheidung nicht gut an. Sie sorgen sich um die relativ hohe Inflation. Die Notenbank strebt eigentlich eine Rate von annähernd zwei Prozent an, mit zuletzt 2,6 Prozent lag sie deutlich darüber. Die Pfund-Abwertung nach der Brexit-Abstimmung hatte bereits in den vergangenen Monaten Importe verteuert, was die Inflation anheizt. Eigentlich sollten die britischen Exporteure vom schwachen Pfund profitieren, die Zeichen stehen aber auf Abschwung. Die Bank of England erwartet weniger Investitionen auf der Insel und senkte ihre Wachstumsprognose für dieses und das kommende Jahr.


„Damit dürfte das Ende der lockeren Geldpolitik weiter in die Ferne rücken“, sagt Ulrich Stephan, Chefanlagestratege für Privat- und Firmenkunden der Deutschen Bank. „Dass Notenbankchef Mark Carney während seiner Pressekonferenz auch noch einen Moment damit zögerte, eine Frage nach den künftigen britischen Handelsbeziehungen zu beantworten, mindert die Unsicherheit an den Märkten nicht gerade.“ Diese spreche zusammen mit der schwachen Währung und Konjunktur zurzeit eher gegen ein Engagement in Großbritannien, meint Stephan.

Mit einer raschen Erholung des Pfund-Kurses ist also wohl nicht zu rechnen. Thu Lan Nguyen, Devisenstrategin bei der Commerzbank, sieht sogar weitere Abwärtsrisiken überwiegen: „Einerseits könnte die Brexit-Unsicherheit die Konjunktur stärker belasten als bisher angenommen. Und bis die Brexit-Verhandlungen abgeschlossen sind, besteht ein Risiko, dass diese scheitern und Großbritannien im März 2019 ohne ein neues Abkommen und eine Übergangsregelung aus der EU austreten muss.“ Nguyen rechnet zwar damit, dass sich die EU und Großbritannien am Ende auf eine Freihandelszone oder sogar eine Zollunion einigen: „Das Pfund dürfte sich daraufhin erholen. Allerdings wird sich eine Einigung wohl erst sehr spät abzeichnen.“

Mit einer Zinserhöhung, die an den Märkten nun nicht vor dem dritten Quartal 2018 erwartet wird, könnte die Notenbank dem Pfund schon früher Auftrieb verleihen. „Wir erwarten aber, dass die Notenbank für die Dauer der EU-Austrittsgespräche stillhalten wird“, prophezeit Unicredit-Chefökonom Erik Nielsen. Großbritannien will der EU am 29. März 2019 Goodbye sagen.

Mit Material von Reuters.

KONTEXT

Welche Banken vor dem Brexit nach Frankfurt flüchten

Frankfurt oder Paris - Hauptsache EU

Nach dem geplanten EU-Austritt Großbritanniens brauchen in London ansässige Finanzinstitute eine eigene Gesellschaft mit Banklizenz in einem Land der Europäischen Union, um ihre Produkte und Dienstleistungen in den verbleibenden 27 Mitgliedstaaten vertreiben zu dürfen. Paris, Frankfurt, Dublin und andere buhlen um die Brexit-Flüchtlinge. Insbesondere Frankfurt profitiert. Unter anderem haben sich vier der fünf größten US-Investmentbanken nach eigenen Angaben oder Informationen aus Finanzkreisen bereits entschieden, wichtige Teile ihres Geschäfts an den Main zu verlagern. Was bisher über die Planungen der Banken bekannt ist.

Quelle: Reuters

Wie viele Banker ziehen um?

Wie viele Arbeitsplätze verlagert werden, hängt insbesondere von den Vorgaben der Aufsichtsbehörden und der Ausgestaltung des Brexit ab. Die deutsche Finanzaufsicht BaFin fordert von den Banken, bei einem Umzug auch wesentliche Teile ihres Managements von Großbritannien nach Deutschland zu verlagern. Auch der EU-Finanzaufsicht ESMA sind Briefkastenfirmen ein Dorn im Auge, bei denen Banken nur formal ihren Sitz verlagern, aber der Vorstand, die IT und das Controlling weiter in London oder einem anderen Land außerhalb der EU sitzen.

Der Verband der Auslandsbanken erwartet, dass durch den Brexit in den nächsten zwei Jahren 3000 bis 5000 Arbeitsplätze in Frankfurt entstehen. Der Standortvermarkter Frankfurt Main Finance rechnet damit, dass bis 2021 rund 10.000 Stellen von der Themse an den Main verlagert werden, falls auch die Europäische Bankenaufsicht (EBA) von London nach Frankfurt sowie das Euro-Clearing - also die Abwicklung von auf Euro lautenden Derivategeschäften - verlagert werden.

Deutsche Bank - Frankfurt

Die Deutsche Bank stellt sich in ihren Brexit-Planungen auf den Extremfall ein. "Es ist wichtig, dass wir nicht bis zur letzten Minute warten", sagte Vorstandschef John Cryan vor wenigen Tagen in einer Videobotschaft an die Mitarbeiter. Das Geldhaus will Teile des Wertpapiergeschäfts nach Frankfurt verlagern. Am Firmensitz soll ein Buchungszentrum entstehen, in dem große Teile des Europa-Geschäfts mit institutionellen und Firmenkunden verarbeitet und abgewickelt werden. Die Bank werde die Londoner Infrastruktur in Frankfurt kopieren und an dieser Doppelstruktur zumindest während einer Übergangsphase festhalten, um flexibel auf den Brexit reagieren zu können, sagte Cryan.

Er ließ offen, wie viele Jobs von den Veränderungen betroffen sein werden. Vorstandsmitglied Sylvie Matherat hatte bereits im Mai eine Zahl von rund 4000 Mitarbeitern genannt, die nach dem Austritt Großbritanniens aus der EU aus London abgezogen werden könnten. Dort arbeiten derzeit fast 8600 Menschen für die Deutsche Bank.

Citigroup - Frankfurt

Die US-Großbank will eine bestehende Tochter in Frankfurt mit einer Handelslizenz ausstatten. Bisher betreibt Citi das Handelsgeschäft über ihre britische Tochter. Für das normale Bank-Geschäft in Europa soll die irische Citibank Europe plc (CEP) zuständig bleiben. Wie viele Stellen wegen des Brexits verlagert werden, steht noch nicht fest. Unter Umständen müssten etwa 150 Jobs in der EU geschaffen werden, hieß es in einem Mitarbeiterschreiben.

JP Morgan - Frankfurt

Die größte US-Bank wird sich wohl für Frankfurt als rechtlichen Sitz für sein Europageschäft entscheiden, da die Tochter am Main die erforderlichen Lizenzen schon besitzt. "Aber die Mitarbeiter könnten in Paris, den Niederlanden oder Madrid sitzen. Wir haben uns noch nicht entschieden", sagte JP-Morgan-Chef Jamie Dimon am 11. Juli.

Goldman Sachs - Frankfurt

Die US-Investmentbank hat Banklizenzen in Deutschland und Frankreich sowie Niederlassungen in weiteren Städten Europas. "In den nächsten 18 Monaten werden wir diese Standorte ausbauen, wir werden in einigen davon zusätzliche Flächen anmieten, und wir werden dort Stellen und Fähigkeiten aufbauen", sagte Europa-Chef Richard Gnodde Ende März. Die Bank beschäftigt in London rund 6000 Mitarbeiter, in Frankfurt sind es lediglich rund 200. Es sei sehr wahrscheinlich, dass sich die Zahl der Stellen in Frankfurt wenigstens verdoppeln werde, sagte Gnodde Mitte Juni.

Morgan Stanley - Frankfurt

Die US-Investmentbank will einem Insider zufolge ihren Standort in Frankfurt ausbauen. Künftig sollten 400 Banker am Main angesiedelt sein, sagte eine mit der Angelegenheit vertraute Person. Bislang arbeiten dort 200 Menschen für das US-Institut.

Standard Chartered - Frankfurt

Die britische Großbank will den Standort Frankfurt zu ihrer Europa-Basis ausbauen. "Die Wahl ist wie selbstverständlich auf Frankfurt gefallen, da wir dort eine Niederlassung haben und da auch das Euro-Clearing machen", begründete Chairman Jose Vinals im Mai die Entscheidung. Bislang hat das Geldhaus in Frankfurt rund 100 Mitarbeiter. Wie viele Beschäftigte das Institut am Ende in der Main-Metropole haben wird, hängt vom Ausgang der Brexit-Verhandlungen ab.

Mizuho Financial - Frankfurt

Die japanische Großbank will den Wertpapierhandel in der Europäischen Union künftig vom Main aus steuern. Die Bank hat angekündigt, die dafür nötige Lizenz für eine neue Tochter zu beantragen.

Sumitomo Mitsui Financial Group - Frankfurt

Das japanische Institut will eine eigene Tochter in Frankfurt gründen. Wie viele der rund 1000 Sumitomo-Financial-Mitarbeiter in London an den Main umziehen, ist noch offen.

Nomura - Frankfurt

Auch die japanische Investmentbank hat sich für Frankfurt als künftigen EU-Standort entschieden. Sie hat eine Lizenz für eine neue Tochtergesellschaft am Main beantragt. Nomura zählt 3000 Beschäftigte in Europa, die meisten davon in London. Die Bank wollte sich nicht dazu äußern, wie viele Jobs nach Frankfurt verlagert werden. Die meisten Banker dürften aber auch nach dem Brexit in London bleiben.

Daiwa Securities - Frankfurt

Der japanische Wertpapierhändler will ebenfalls eine neue Tochter am Main gründen und eine entsprechende Lizenz in Deutschland beantragen. Das Unternehmen zählt etwa 450 Beschäftigte in Großbritannien. Unklar ist bislang, wie viele Mitarbeiter nach Frankfurt wechseln, wo Daiwa bereits seine Sparte Investmentbanking angesiedelt hat.

HSBC - Paris

Das Institut will bei einem "harten" Brexit, bei dem Großbritannien seinen freien Zugang zum europäischen Binnenmarkt verliert, rund 1000 Jobs nach Paris verlagern. Die britische Großbank beschäftigt 43.000 Menschen in ihrer Heimat.

Societe Generale - Paris

Das französische Geldhaus könnte rund 400 Jobs aus dem Investmentbanking und den Firmenkundengeschäft (CIB) aus London verlagern, die meisten davon nach Paris, sagte Vorstandschef Frederic Oudea am 11. Juli. In London zählt Societe Generale bislang 2000 Beschäftigte in diesen Sparten.

BNP Paribas - Paris

Die französische Großbank könnte einem Insider zufolge bis zu 300 Investmentbanker aus London nach Frankreich verlagern. Ende 2016 zählte BNP Paribas gut 3.100 Beschäftigte in der Investmentbank in London.

Credit Agricole - Paris

Das französische Institut könnte nach eigenen Angaben rund 100 seiner 1000 Jobs in London nach Paris verlagern.

Barclays - Dublin

Die britische Großbank will ihren Standort in Dublin ausbauen. Sie spricht mit den Aufsichtsbehörden, um ihre Produkte auch künftig in den verbleibenden 27 EU-Länder anbieten zu können, wie Barclays Mitte Juli mitteilte. In der irischen Hauptstadt hat das Institut bereits eine Tochter mit Banklizenz, die bislang aber nur bestimmte Produkte anbieten darf. Die Barclays Bank Ireland zählt rund 100 Beschäftigte.

Citigroup - Dublin

Die US-Großbank hatte ihre Tochter in Dublin bereits im vergangenen Jahr ausgebaut. Die irische Citibank Europe plc (CEP) beschäftigt inzwischen fast die Hälfte der Citi-Mitarbeiter in der EU. Darüber will Citi auch künftig das normale Bank-Geschäft in Europa betreiben, für das Handelsgeschäft soll dagegen eine Tochter in Frankfurt zuständig sein.