Briten hoffen heimlich auf Amerika


Viele Brexit-Befürworter hoffen nach dem Abschied Großbritanniens aus der Europäischen Union (EU) auf lukrative Geschäfte mit der großen, weiten Welt – vor allem mit den USA. „Wir haben mit Amerika eine ganz besondere Beziehung“, wird die Premierministerin Theresa May nicht müde zu betonen. Sie war Anfang des Jahres auch als eine der ersten Regierungschefs nach Washington gereist, um dem neuen US-Präsidenten Donald Trump die Hand zu schütteln. Etwas weniger als ein Fünftel der Exporte aus Großbritannien geht in den USA, während gut ein Zehntel der britischen Importe aus den USA stammt.

Kein Wunder also, dass einem Zeitungsbericht zufolge nun eine Arbeitsgruppe des Ministeriums für Internationalen Handel den Beitritt zur Nafta sondiert. Man wolle sich vorbereiten für den Fall, dass in den Brexit-Verhandlungen mit der EU keine Lösung gefunden werde, berichtete der „Telegraph“. Das Ministerium für Internationalen Handel war zunächst nicht zu einer Stellungnahme bereit. Am Vortag hatte Premierministerin May im britischen Parlament betont, dass man zwar eine Lösung mit der EU bevorzuge, sich aber auf „alle Eventualitäten“ einstelle.

Derzeit läuft in Brüssel die fünfte Verhandlungsrunde zwischen der EU und Großbritannien. Ein Durchbruch zeichnet sich nicht ab – beide Verhandlungsteams sind offenbar der Meinung, die andere Seite müsse sich stärker engagieren.

Das Freihandelsabkommen Nafta (North American Free Trade Agreement) wurde 1994 zwischen den USA, Kanada und Mexiko geschlossen. US-Präsident Trump steht dem Bündnis jedoch nicht sehr positiv gegenüber: Er hat im Zuge seiner „America-first“-Politik mit dem Austritt aus dem Bündnis gedroht. An diesem Mittwoch trifft er den kanadischen Ministerpräsident zu Gesprächen. Sollte Trump tatsächlich den Abschied aus der Nafta einläuten, dürften auch die Briten das Interesse verlieren.


Vor allem Brexit-Befürworter hoffen darauf, dass die britische Wirtschaft nach dem Brexit mit den USA gute Geschäfte machen wird und verweisen auf die „besondere Beziehung der beiden Länder“. Dabei beruht diese Einschätzung der „besonderen Beziehung“ nicht auf Gegenseitigkeit, sagte ein ehemaliger Regierungsbeamter der USA laut „Times“: Bei einer Veranstaltung erzählte Jeremy Shapiro, stellvertretender Staatssekretär in der US-Regierung bis 2013, dass zwar bei offiziellen Anlässen die Freundschaft betont wurde, doch hinter den Kulissen habe man darüber Witze gemacht. Die so genannte besondere Beziehung der beiden Länder sei „nie etwas gewesen, dass den USA wirklich wichtig” gewesen sei.

„Es war eine enge Beziehung, eine gute Beziehung und eine produktive Beziehung“, zitiert die Zeitung Shapiro. „Aber es war eine Beziehung, wie wir sie auch mit anderen Ländern hatten“. Trump nutze die verklärte Sicht der Briten um einen Deal mit Großbritannien zu erreichen, der für Amerika von Vorteil sei. Daher müssten sich die Briten darauf einstellen, die berühmt-berüchtigten Chlorhühnchen aus den USA auf dem Teller zu haben. Von denen, warnte er, werde dann es in Großbritannien „sehr viele“ geben.

Dass Trump nicht davor zurückschreckt gegen die Interessen der Briten vorzugehen, wurde dieser Tage deutlich: Die Zoll- und Strafgebühren, die das US-Handelsministerium auf Maschinen des kanadischen Flugzeugbauers Bombardier ankündigte, sorgen auch in Großbritannien für Empörung – schließlich hat Bombardier in Nordirland große Produktionsstätten, in denen unter anderem Flugzeugtragflächen hergestellt werden. Über 4000 Arbeitsplätze sollen in Gefahr sein. Premierministerin May erklärte, sie sei „bitter enttäuscht“ über die US-Strafzölle. Am Dienstag wurde über die Folgen der Zölle gegen Bombardier im britischen Parlament diskutiert.