Darum flüchten die Briten aus London


London ist teuer, und trotzdem zieht die Stadt Menschen seit jeher magisch an. Die Bevölkerung ist inzwischen auf 8,8 Millionen gewachsen – Rekord seit dem Zweiten Weltkrieg. Dafür sind jedoch allein die Zuwanderer aus dem Ausland verantwortlich, die auf die große Karriere oder auch nur ein paar spannende Jahre in der Metropole hoffen.

Die Briten hingegen flüchten aus ihrer Hauptstadt. Seit 1999 ziehen jedes Jahr unterm Strich durchschnittlich 37.000 Bürger aus London weg, heißt es in einer Studie der Denkfabrik Resolution Foundation.

Die interne Migration hat sich zuletzt noch beschleunigt, wie Zahlen der nationalen Statistikbehörde zeigen. In den zwölf Monaten bis Juni 2017 sind 106.607 mehr Londoner weggezogen, als Menschen aus dem Rest Großbritanniens zugezogen sind.


Die größte Gruppe, die das Weite suchte, waren die 30- bis 39-Jährigen, typischerweise junge Familien mit kleinen Kindern. „Wenn die Kinder kommen, ziehen die Leute weg“, sagt Lindsay Judge von der Resolution Foundation. Gerade Mieter wollten dann nicht länger in der Unsicherheit leben, jederzeit die Kündigung vom Vermieter bekommen zu können. Und im Umland könnten sie sich eher ein Haus kaufen.

Attraktives Birmingham

Oliver Knight von der Maklerfirma Knight Frank sieht drei Gründe für die Abwanderung. Erstens können sich viele angesichts der hohen Immobilienpreise ein Haus oder eine Wohnung in London nicht leisten. Zweitens sollen die Kinder mit mehr Platz und Grün aufwachsen. Und drittens gibt es mehr gut dotierte Jobs auch außerhalb Londons. 

Letzteres ist neu. London ist immer noch mit Abstand der größte Motor der britischen Wirtschaft, aber kleinere Städte holen auf. Im anderthalb Stunden entfernten Birmingham etwa siedelten sich viele große Unternehmen und Organisationen an, sagt Knight. Die britische Großbank HSBC und das Finanzamt hätten dort Tausende Stellen geschaffen. In Oxford und Cambridge seien neue Tech-Standorte entstanden. Und auch weiter entfernte Städte wie Manchester und Edinburgh erlebten eine Renaissance. 

Birmingham, die zweitgrößte Stadt Englands, ist laut der nationalen Statistik die erste Anlaufstelle für London-Flüchtlinge, gefolgt vom Uni-Städtchen Brighton an der englischen Südküste. Aus beiden Städten kann man zur Not auch mit dem Zug nach London pendeln. Und die Immobilien sind deutlich erschwinglicher: In Birmingham liegt der durchschnittliche Hauspreis bei 178.000 Pfund, in Brighton bei 360.000 Pfund. In London hingegen kostet die durchschnittliche Immobilie 478.000 Pfund. 


Aus Käufersicht wird der Londoner Markt gerade attraktiver: Die Preise fallen seit Februar, wenn auch moderat. Die Beratungsfirma Pricewaterhouse Coopers erwartet einen Rückgang um 1,7 Prozent in diesem und 0,2 Prozent im kommenden Jahr. Unterstützende Faktoren wie die Niedrigzinsen und die staatlichen Subventionen für Erstkäufer dürften in den folgenden Jahren wegfallen. 

Mit einem drastischen Verfall der Immobilienpreise rechnet aber niemand. Denn es herrscht weiterhin akuter Wohnraummangel, die Nachfrage und damit der Druck auf die Preise bleiben hoch. Knight glaubt daher auch nicht, dass sich die Abwanderung aus London umkehren wird. Wer mehr Platz für seine Familie wolle, ziehe ins Umland, sagt er. Und je mehr hochwertige Jobs in anderen britischen Städten entständen, desto mehr Gründe gebe es für einen Umzug.