Brisante Corona-Diskussion bei Maischberger: Wie viele Todesopfer müssen wir akzeptieren?

teleschau
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Es waren ethisch hochbrisante Fragen, die am Mittwochabend bei "maischberger. die woche" verhandelt wurden: Was ist uns wichtiger - die Wirtschaft oder das Leben von Menschen?

Geld oder Leben - wer will, kann die Diskussion, die Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble kürzlich in einem Interview mit dem "Tagesspiegel" angestoßen hat, auf diese Schlagwörter reduzieren. "Wenn ich höre, alles andere habe vor dem Schutz von Leben zurückzutreten, dann muss ich sagen: Das ist in dieser Absolutheit nicht richtig", hatte Schäuble gesagt. "Grundrechte beschränken sich gegenseitig. Wenn es überhaupt einen absoluten Wert in unserem Grundgesetz gibt, dann ist das die Würde des Menschen. Die ist unantastbar. Aber sie schließt nicht aus, dass wir sterben müssen." Es waren unter anderem diese gewichtigen Worte, die am Mittwochabend die Diskussion bei "maischberger. die woche" bestimmten.

Eröffnet wurde die Diskussion von Alexander Kekulé. Der Virologie ist einer der Unterzeichner eines im "Spiegel" abgedruckten Aufrufs, in dem die Autoren, so Kekulé zusammenfassend, einen "vernünftigen Übergang vom Lockdown in eine neue Phase" fordern. Man müsse natürlich auf die Sterberaten achten, so das Plädoyer des Mediziners nun, dürfe aber die "wirtschaftlichen, sozialen, psychologischen Folge" nicht aus den Augen verlieren. Heißt: Schutz von Leben ja, aber nicht um jeden Preis. Ein Impfstoff sei schließlich noch nicht da und stünde wohl erst in frühestens einem Jahr bereit. Bis dann alle Deutschen geimpft seien, könne durchaus noch ein weiteres Jahr vergehen. So lange könne man den derzeitigen Lockdown auf keinen Fall aufrechterhalten. Und ein "Rein-Raus" aus Lockdown und Lockerungen sei auch keine Option.

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Was also tun? "Die Gesellschaft muss entscheiden, in welcher Situation sie leben will", forderte Kekulé. "Wir machen uns was vor, wenn wir glauben, dass wir Tote verhindern können." Man könne etwa eine normale Grippe als Maßstab nehmen, auch wenn diese viel harmloser sei als das Coronavirus. Aber auch Grippe-Tote - bisweilen ja 20.000 allein hierzulande in einer Saison - nehme die Gesellschaft doch in Kauf. Warum also, so Kekulés Gedanke, versucht man also, jeden Corona-Toten zu verhindern?

Um das Virus dennoch halbwegs unter Kontrolle zu halten, brauche es drei Maßnahmen, die Kekulé unter dem Stichwort "Smart Distancing" zusammenfasste: ein Schutz der älteren Risikobevölkerung, das Tragen von Masken sowie das Verfolgen von Infektionsketten. "Epidemiologisch ist es sinnvoll, die Jüngeren weniger zu schützen als die Alten", sagte er. Dann würde sich die Sterblichkeitsrate von Covid-19 etwa auf der Höhe der normalen Grippe-Sterblichkeit bewegen. Denn für das Coronavirus gelte, so Kekulé: "Menschen zwischen Null und 20 sterben fast nie".

"Ich definiere mein Leben nicht über das Risiko"

Der Autor und Produzent Hubertus Meyer-Burckhardt, ebenfalls im Studio zu Gast, brachte noch andere Zahlen in die Diskussion mit ein: Jedes Jahr gebe es in Deutschland bis zu 20.000 Tote wegen Krankenhauskeimen und knapp 3.000 Verkehrstote. "Ich nehme dennoch am Autoverkehr teil", sagte Meyer-Burckhardt, und ins Krankenhaus gehe er auch, sofern nötig. Es folgte ein Satz, der die aktuelle Diskussion auf den Punkt brachte: "Ich definiere mein Leben nicht über das Risiko, das ich eingehe, sondern über die Möglichkeiten." Seine Eigenverantwortung wolle er sich von niemandem nehmen lassen und mit ansehen, dass die deutsche Wirtschaft "den Bach heruntergeht", auch nicht. Freiheit sei ein Wert an sich, die momentane Selbstdisziplinierung der Deutschen hingegen "unheimlich".

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Bei so viel Einigkeit war es an Cerstin Gammelin, Journalistin der "Süddeutschen Zeitung", das Gesagte einzuordnen. Freiheit, sagte sie, habe eine Kehrseite - nämlich den Schutz anderer. Außerdem gebe es durchaus noch andere Grundrechte als die von Wolfgang Schäuble hochgehaltene Menschenwürde. Das Recht auf Leben nämlich, außerdem sehe das Grundgesetz vor, dass alle Menschen gleich behandelt werden müssten. Und das gelte selbstverständlich auch für die ältere Bevölkerung.

Bei all den wortgewandt vorgetragenen Argumenten: In Deutschland sind es dann auch in diesen Zeiten nicht die Virologen, Journalisten und Autoren, die die Entscheidungen treffen. Sondern die Politik. Und die schaltete sich schließlich in Gestalt von Vizekanzler und Finanzminister Olaf Scholz in die Diskussion ein.

"Es ist unsere verdammte Pflicht, den Schutz unserer Bürger hinzubekommen", sagte Scholz im Einzelgespräch mit Sandra Maischberger in ungewohnt markigen Worten und wischte damit vieles von dem, was zuvor gesagt worden war, vom Tisch. Es sei zwar falsch, nur die Wirtschaft im Blick zu haben, aber: "Gleichzeitig müssen wir herausfinden, wie wir wirtschaftliche Aktivität und soziales Leben unter diesen Bedingungen ermöglichen können." Jetzt aber einen konkreten Fahrplan für die Zukunft aufzustellen, sei nicht seriös.

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