„Brexit ist ein Fall von De-Globalisierung“


Der Ausstieg aus der EU werde der Wirtschaft erheblich schaden, warnte der britische Notenbankchef Mark Carney am Montag in einer Rede beim Internationalen Währungsfonds in Washington. Der Brexit werde die Inflation in Großbritannien in den kommenden Jahren in die Höhe treiben, und die Zinsen würden folgen.

Carney dämpfte Hoffnungen, Großbritannien könne den Verlust des EU-Binnenmarkts durch den Aufbau neuer Handelsbeziehungen mit dem Rest der Welt schnell ausgleichen. Es werde dauern, bis die neuen Verbindungen aufgebaut seien, sagte er. Der Brexit sei „ein Fall von De-Globalisierung“: Die Wirtschaft werde zumindest zeitweise weniger offen für Güter und Arbeitnehmer sein, das führe zu höheren Preisen. Dieses Experiment sei „einzigartig“ in den Industrieländern.


Die ernüchternde Diagnose dürfte Brexit-Hardlinern wie Außenminister Boris Johnson nicht gefallen, die von einer „glorreichen Zukunft“ außerhalb der EU träumen. Carney nahm in seiner Analyse kein Blatt vor den Mund. Die Finanzmärkte hätten am schnellsten auf das Brexit-Votum reagiert: Das Pfund habe abgewertet, britische Aktien und Anleihen im Vergleich zu anderen Industrieländern unterdurchschnittlich abgeschnitten. Inzwischen sehe man die Wirkung auch bei Haushalten und Unternehmen: Die Verbraucher hätten ihre Ausgaben zurückgefahren, Unternehmen investierten weniger aggressiv als zu erwarten wäre.

In der Folge werde auch das Produktivitätswachstum getroffen, prognostizierte Carney. Das Ausmaß hänge davon ab, wie schnell das Land den EU-Handel ersetzen könne. Der Brexit sei ein Beispiel dafür, erst einen Schritt zurückzumachen, in der Hoffnung, dann zwei Schritte nach vorn zu machen.


Der Kanadier wiederholte die bereits auf der Sitzung am Donnerstag vermittelte Botschaft der Zentralbank, dass die Leitzinsen wohl bald steigen werden. Angesichts des inflationären Drucks sei geldpolitisches Handeln „in den kommenden Monaten wahrscheinlich angemessen“. Die nächste Sitzung der Währungshüter ist am 2. November. Bis zur vergangenen Woche hatten die meisten Ökonomen erwartet, dass die Bank of England ihren Leitzins erst 2019 anhebt.