Pirelli kehrt mit Verlusten auf das Parkett zurück

Pirelli ist zurück an der Mailänder Börse, doch der erste Handelstag startet mit Schwierigkeiten. Der hoch verschuldete Reifenkonzern kann die Anleger zunächst nicht überzeugen. Die Aktie notiert im Minus.


Ein Selbstläufer ist sie nicht, die Pirelli-Aktie an der Mailänder Börse. Gleich nach dem Startschuss am Mittwochmorgen bei der Rückkehr an die Börse nach zwei Jahren verliefen die ersten Stunden im Handel sehr bewegt. Um bis zu gut drei Prozent brach die Aktie zeitweise ein und notierte unter dem Ausgabepreis von 6,50 Euro, um sich dann gegen Mittag bei 6,30 Euro einzupendeln.

Pirelli-Chef Marco Tronchetti Provera gab sich dennoch gelassen: „Warten wir ein paar Monate ab“, sagte er am Morgen in der Börse, „in den ersten Tagen gibt es immer viel Volatilität. Wir wissen, dass das Unternehmen solide ist.“ Kurze Zeit später kam eine Mitteilung des Mailänder Unternehmens, die ihm und seinen 25 Top-Managern nicht gefallen kann: Der ihnen zugesagte Bonus fällt weg, weil die Eigenkapitalziele Ziel nicht erreicht wurden. 

Am frühen Morgen hatte Tronchetti Provera im Palazzo Mezzanotte, dem Sitz der Mailänder Börse, die Glocke geläutet und den fünftgrößte Reifenhersteller zurück an die Börse gebracht. „Wir haben mehr als 250 internationale Investoren allerersten Ranges mitgebracht und mehr als 30.000 italienische Sparer“, sagte er bei der kurzen Zeremonie. „Wir sind auf einem kontinuierlichen Weg: Wir werden die Zukunft weiter gestalten ­– für uns und für unsere Aktionäre.“  

Inszeniert wurde der Börsengang mit den Produkten des Hauses: Aufgefahren werden auf dem Parkett ein Formel-1 -Rennwagen, ein Motorrad, zwei Fahrräder und natürlich jede Menge Reifen. Der Rennwagen ist ohne Logo und gehört Pirelli, das der einzige Ausrüster für alle Formel-1 -Teams ist. Der Vertrag läuft bis 2019.



Für Pirelli ist es eine Rückkehr an die Börse. Vor zwei Jahren hatte das chinesische Staatsunternehmen Chem China  die Mehrheit beim Reifenhersteller übernommen und das Unternehmen  von der Börse genommen. 65 Prozent zu einem Preis von 7,1 Milliarden Euro waren damals der größte Firmenkauf  von Chinesen in Italien. Das Geschäft mit Lkw-Reifen wurde an eine Tochter des chinesischen Chemiekonzerns abgegeben.

CEO Tronchetti Provera, seit 1992 an der Spitze des Unternehmens, richtete die Strategie auf  das „High-Value-Geschäft“ aus. „Wir schaffen ein reines Consumer-Unternehmen, das auf Reifen für Autos und Motorräder fokussiert ist“, sagte er dem Handelsblatt. Mit den Chinesen habe sich nichts geändert, die Wurzel des Unternehmens sei und bleibe Italien.



Vorsprung vor den Wettbewerbern


Die Rechnung des Managers scheint aufzugehen: Pirelli ist mit einer operativen Umsatzrendite von 20 Prozent profitabler als die Konkurrenten Michelin und Continental. Im ersten Halbjahr machte Pirelli einen Gewinn von 67,6 Millionen Euro und strebt bis 2020 ein jährliches Umsatzplus von durchschnittlich neun Prozent an. Erst vor kurzem wurde der 69-jährige Tronchetti Provera vom Verwaltungsrat in seinem Amt bis 2021 bestätigt.

Jetzt senken die Chinesen ihren Anteil auf unter 50 Prozent. Der Pirelli-CEO und die Großbanken Unicredit und Intesa bauen von zusammen 22 Prozent der Anteile auf etwa die Hälfte ab. Und auch die Beteiligungen der italienischen Holding Camfin sowie des russischen Fonds LTI schrumpfen. Rosneft, der russische Energieriese, war 2014 bei Pirelli eingestiegen. 



Der Reifenhersteller aus Mailand, der nach Umsatz fünftgrößte der Welt nach Bridgestone, Michelin, Goodyear und Continental, hat 40 Prozent des Kapitals an die Börse gebracht. Die Marktkapitalisierung zum Verkaufspreis von 6,50 Euro pro Aktie liegt bei 6,5 Milliarden Euro. Der Preis lag am unteren Ende der ursprünglichen Skala, die von 6,50 bis 8,30 Euro reichte. Als Gründe nennen Analysten die hohe Verschuldung und die Sorge vor einem weiterhin großen Einfluss der Chinesen. In einer Tranche für italienische Privatanleger wurden 35 Millionen Aktien platziert, 90 Prozent entfallen auf institutionelle Investoren.

Pirelli ist stolz auf seine Geschichte. Giovanni Battista Pirelli gründete 1872 eine Gummiwarenfabrik, die schnell wuchs. 1922 ging das Unternehmen erstmals an die Börse. „Unser Produkt ist zwar auf den ersten Blick einfach, nämlich rund und schwarz“, so Tronchetti Provera im Handelsblatt-Interview, „aber Innovation ist das Herz unseres Unternehmens“.



Entwickelt werden Breitreifen, farbige Flanken und eine Sensorik an der Innenseite eines Reifens, die Druck und Temperatur misst und an den Bordcomputer oder auf das Handy des Fahrers schickt. Das Engagement im Motorsport gehe über die Formel 1 hinaus, so der CEO, bis zu Motorrad- und Radrennen. „Für uns ist der Motorsport wie ein Labor unter offenem Himmel.“

Sehr viele Börsengänge gibt es nicht im Mailand. Aber alle erinnern sich noch an den spektakulären  Börsengang  von Ferrari zu Beginn des Jahres 2016. Vor der Börse standen in einer langen Reihe rote Sportwagen des Hauses und neben Verwaltungsratspräsident John Elkann  und CEO Sergio Marchionne war sogar der damalige Ministerpräsident Matteo Renzi aus Rom angereist. Doch der Start auf dem Parkett war ebenfalls holprig. Wegen unruhiger Märkte in China lief der erste Börsentag gar nicht gut. Doch dann holte Ferrari auf. Pirelli kann es nachmachen.


KONTEXT

Marco Tronchetti Provera - zur Person

Der Manager

Der Mailänder ist mit Pirelli eng verbunden. Seit 1992 steht der 69-Jährige als CEO an der Spitze des Reifenherstellers. Von 1969 bis zum Einstieg der Chinesen 2015 war er Verwaltungsratsvorsitzender. In erster Ehe war er mit der Urenkelin des Firmengründers verheiratet. Trochetti Povera entscheidet, wer den berühmten Kalender fotografiert und wer ein Exemplar bekommt, denn käuflich ist er nicht. Aus einer alten Pirelli-Fabrik in Mailand schuf er den Hangar Bicocca, eine Halle für zeitgenössische Kunst.

Das Unternehmen

Der Hersteller von Reifen für Autos, Motorräder und Fahrräder ist das fünftgrößte Reifenunternehmen weltweit mit einem Nettoumsatz von 6,06 Milliarden Euro, einem Gewinn vor Steuern (Ebit) von 724 Millionen und 37.000 Mitarbeitern (2016). Pirelli ist der einzige Ausrüster für alle Teams der Formel1. Der Vertrag läuft bis 2019.