Wir brauchen Freiheitszonen des Unternehmertums

Deutsche Unternehmen setzen zu sehr auf bewährtes. Eine innovationsfreundliche Politik sollte nach dem Vorbild anderer Länder Regionen mit besonders günstigen Rahmenbedingungen schaffen.


Erfolgreich im Jetzt, strategisch dagegen mit großem Fragezeichen. Laut Umfragen haben 38 Prozent der deutschen Unternehmen keine Strategie für die Digitalisierung, 63 Prozent haben dafür nicht einmal einen Verantwortlichen. Viele Unternehmen unterschätzen die Tipping Points, die Wendepunkte, an denen sich nach langen, winzigen Veränderungsschritten sprunghaft Neues durchsetzt, das Altes hinwegfegt.


Es hat 75 Jahre gedauert, bis das Telefon 50 Millionen Nutzer hatte. Auf dieselbe Zahl kam das Internet in vier Jahren, Pokémon Go in zehn Tagen.

Und nicht nur die kalifornische Disruption droht unserer klassischen Industrie. Auch das Maschinenhaus China. Schon lange keine verlängerte Werkbank mehr. Sondern ein selbstbewusster Staat, der sich, notfalls mit gefüllter Kriegskasse, an den Tisch der Innovatoren und Hightech-Nationen setzen will – und setzen wird.


Erschwerend haben wir in Deutschland mit dem automobilen Klumpenrisiko zu kämpfen: Ganze Regionen werden dominiert von Automobilzulieferern. Gleichzeitig sind unsere Eco-Systeme der Gründungen und Start-ups unterentwickelt. So stehen wir aktuell im Spagat, pars pro toto, zwischen „Digital & Diesel“.

Freiheitszonen wie Shenzhen und Sophia Antipolis

Ein Lösungsweg liegt aus meiner Sicht in der konsequenten Ausweitung des Prinzips der Ambidextrie, der Beidhändigkeit: Eine Hand steht für das Optimieren des gut laufenden Bestandsgeschäfts im Betriebssystem 1. Die andere für den Aufbruch in die Zukunft im Betriebssystem 2. Mit diesem ambidextren Prinzip balancieren nicht wenige Unternehmen bereits zwischen Aufbruch und Bewahrung – wie bei Spielbein und Standbein. Genau dies brauchen wir auch in industriell geprägten Regionen und High-Tech-Clustern.


Nicht nur in Schwellenländern, auch in Frankreich, den USA oder Großbritannien gibt es inzwischen mehr als ein Dutzend Enterprise Zones, in denen Investitionen erleichtert werden, etwa im Arbeits-, Steuer-, Bau- und Umweltrecht. So hat China in Shenzhen den Kapitalismus erprobt. So reüssierte der südfranzösische Technologie-Campus Sophia Antipolis – 1350 Unternehmen, 34.000 High-Tech-Arbeitsplätze, 60 Bildungszentren, innovationsstark, steuerlich reizvoll, attraktiv für Experten aus aller Welt. Regionale Ambidextrie.

Warum haben wir das nicht in Deutschland? Ja, es gibt Erfolgscluster mit Hidden Champions – etwa die Feinmechanik im Schwarzwald, die intelligenten Produktionssysteme in Ostwestfalen-Lippe, Göttingens Measurement Valley oder Hannovers Rubber Valley.


Im Sandwich zwischen Maschinenhaus China und Digital House USA?

Doch all’ diese High-Tech-Cluster stehen vor der digitalen Herausforderung: Von smart factory zu smart products mit embedded software und schließlich zu den neuen digitalen Wertschöpfungspotenzialen der smart services: digitale Plattformen mit dem Kerngeschäft big-data-basierter Dienstleistungen. Aus der Hardware wird ein Hybrid, am Ende dominiert die Software. Wer das nicht schafft, wird zwischen dem Maschinenhaus China und dem Digital House USA eingequetscht.


Damit ein echter kommerzieller Wirkungshebel aus den Clustern wird, brauchen wir ein nachhaltiges, nicht nur projektgefördertes Design einer ambidextren Region. Also regionale Innovations-Plattformen mit besonders günstigen Rahmenbedingungen für junge, forschungsintensive High-Tech-Gründungen verzahnt mit innovativen Mittelstand-Töchtern oder Spin-offs. Eine Kombination aus industrieller Struktur und industriellem Management mit Gründungsdynamik und digitalem Unternehmertum. So könnten unsere Regionen der Sandwich-Position entkommen.

Katalysator für Mentalitätswandel in Wirtschaft und Bildung

Konkret: Die öffentliche Hand sollte Unternehmen in den „Freiheitszonen“ günstiges Bauland und Gebäudeinfrastruktur zur Verfügung stellen, Sport-, Freizeit- und Community-Infrastruktur fördern. Schnelles Internet ist unverzichtbar.

Außerdem Vorschriften zeitlich befristet aussetzen oder vereinfachen. Neugründungen dürfen nicht an der falschen Deckenoberbeleuchtung oder zu wenigen Toiletten scheitern. Reduzierte Einkommens- Körperschafts- und Gewerbesteuern für neu gegründete Unternehmen. Steuerliche Innovationsförderung für etablierte wie frische Unternehmen durch Tax Credits.


Regionale Bildungsstätten brauchen kreative Lernräume und modernstes Equipment, um Zukunftsskills – High Tech und High Touch – gepaart mit unternehmerischer Mentalität zu bilden. Innovations-Valleys sind immer auch Hotspots qualifizierter Einwanderung, für die es weder Vorrangprüfung noch Einkommensuntergrenzen geben soll.

Die „jungen und alten Wilden“ aus den Valleys könnten zum Katalysator eines allgemeinen Mentalitätswandels in Wirtschaft und Bildung werden. Und der würde Flügel verleihen.



KONTEXT

Zum Autor

Thomas Sattelberger

Thomas Sattelberger war Vorstandsmitglied der Deutschen Telekom. Er wurde von der FDP als Direktkandidat für die Bundestagswahl 2017 im Wahlkreis München–Süd aufgestellt und kandidiert auf Platz fünf der Landesliste der FDP Bayern.