Brasilien kämpft um Embraer


Boeing und der brasilianische Flugzeugbauer Embraer verhandeln über eine enge Zusammenarbeit oder Fusion. Beide Unternehmen bestätigten am Freitag, dass Gespräche geführt werden. Die Aktie von Embraer legte zuvor zeitweise um bis zu 30 Prozent zu, nachdem das „Wall Street Journal“ am Donnerstag über den möglichen Deal berichtet hatte.

Doch es ist ziemlich unwahrscheinlich, dass bei den Verhandlungen schon bald etwas herauskommen wird. Der Grund: Der brasilianische Staat hält bei dem Regionalflugzeugbauer mit Sitz in São Paulo das Vetorecht. Mit ihrer goldenen Aktie kann die Regierung jede strategische Entscheidung verhindern, also auch einen Verkauf oder Zusammenschluss mit Konkurrenten. Dieses Einspruchsrecht wird die Regierung zweifelslos nutzen.

Präsident Michel Temer hat bereits verkündet, dass es unter ihm keinen Verkauf von Embraer geben wird. Politisch ist eine Abgabe der Kontrolle bei Embraer kaum durchsetzbar: Derzeit beginnt in Brasilien der Wahlkampf, der im Oktober kommenden Jahres mit den Präsidentschafts- und Kongresswahlen endet. Kein brasilianischer Politiker, der gewählt werden möchte, wird bereit sein, den Verkauf des Flugzeugbauers abzunicken. Allein die Tatsache, dass Boeing und Embraer verhandeln, dürfte die Wahlchancen von Regierungsmitgliedern reduzieren.


Embraer ist in Brasilien eine Art nationales Heiligtum. Seit seiner Privatisierung 1994 ist es eines der wenigen international erfolgreichen Unternehmen. Dem Unternehmen ist es gelungen, in zwei Jahrzehnten den Markt für Regionalflugzeuge zwischen 70 und 130 Sitzen umzukrempeln, zum drittgrößten Flugzeugbauer der Welt aufzusteigen und eine Marke zu etablieren. Gleichzeitig ist Embraer auch erfolgreich auf den Rüstungsmarkt.

Embraer ist also so etwas wie der unternehmerische Nationalstolz der Brasilianer. Es ist deswegen wahrscheinlich, dass das Gerücht über die Verhandlungen von beteiligten Personen innerhalb von Embraer den Medien gesteckt wurde, um jede Annäherung im Keim zu ersticken. Die Regierung schien aus der Presse von den Vorgängen erfahren zu haben.

Andererseits zeigt der Kurssprung, dass die engere Zusammenarbeit zwischen den beiden Unternehmen durchaus Sinn machen könnte. Mit einem Joint-Venture etwa bei den Regionaljets würde Boeing seine Angebotspalette nach unten ausweiten. Embraer könnte von der Einkaufsmacht des Giganten aus Chicago und den besseren Finanzierungen mit dem Partner profitieren.

Damit würden Boeing und Embraer dem Konkurrenten Airbus gleichziehen, der vor zwei Monaten die Kontrolle von Bombardiers C-Serie übernommen hat. Vermutlich passen die Portfolios der Brasilianer sogar noch besser zu Boeing, als es bei Airbus und Bombardier der Fall ist. Während sich die C-Serie noch nicht endgültig im Markt als Erfolg bewiesen hat, hält Embraer bereits die nächste Generation des E-Jets bereit, die etwa bei der Lufthansa eingesetzt werden.


Zudem könnte Embraer auch mit seiner Rüstungssparte vom großen Partner profitieren: Das Schulungs- und Aufklärungsflugzeug Tucano hat es bereits an die US-Luftwaffe verkauft. Ein militärisches Transportflugzeug, das gerade zertifiziert wird, soll die Position der Brasilianer im Rüstungssektor zudem festigen – und könnte ebenfalls über Boeing auch in den USA mit guten Erfolgsaussichten vertrieben werden.

Auch wenn sie jetzt als Konkurrenten auftreten – eigentlich ziehen die vier beteiligten Flugzeugbauern an einem Strang. Es geht ihnen darum, möglichen Konkurrenten die Latte für einen Einstieg in den Regionalflugzeugmarkt möglichst hoch zu legen. Vor allem nach China blicken die amerikanischen und europäischen Unternehmen: Das größte Wachstumspotenzial für den Flugzeugmarkt erwartet die Branche im pazifisch-asiatischen Raum. Den Markt wollen sie neuen Konkurrenten aus der Region nicht kampflos überlassen.