Branchenverband: Auswirkungen von möglichem Gasmangel weiter unklar

BERLIN (dpa-AFX) - Die Auswirkungen eines möglichen ernsthaften Gasmangels im Winter für die deutsche Wirtschaft sind nach Angaben des Branchenverbands Zukunft Gas noch nicht absehbar. "Es ist weiterhin unklar, welche Unternehmen oder Branchen zurückstehen müssten, falls die Regierung die Notfallstufe ausrufen sollte", sagte der Vorstand des Verbands, Timm Kehler, der Deutschen Presse-Agentur in Berlin. "Auch die genauen Kriterien, nach denen die Bundesnetzagentur dann priorisieren würde, sind noch unklar."

Derzeit gilt Stufe zwei des so genannten Notfallplans Gas der Bundesregierung, die Alarmstufe. Hier liegt zwar eine Störung der Gasversorgung vor, der Markt kommt aber noch damit zurecht.

Wenn es zu einer erheblichen Störung der Gasversorgung kommen sollte, die der Markt nicht mehr bewältigen kann, könnte die Regierung die Notfallstufe ausrufen. Der Staat müsste einschreiten, um die Versorgung insbesondere privater Haushalte oder zum Beispiel sozialer Einrichtungen sicherzustellen. Dann könnten es auch zu Anordnungen zur Abschaltung von Industriekunden kommen oder Vorgaben für End- und Großverbraucher, den Verbrauch zu verringern. Die Bundesnetzagentur orientiert sich bei dieser Priorisierung unter anderem an den erwarteten volks- und betriebswirtschaftlichen Schäden.

"Die Bundesnetzagentur hat im Mai Unternehmen deutschlandweit dazu befragt, wie sie im Notfall über eine Sicherheitsplattform zu Einsparungen im großen Stil beitragen könnten", sagte Kehler. Rückmeldungen hätten die Unternehmen aber noch nicht bekommen, obwohl die Plattform schon zum 1. Oktober in Betrieb gehen solle. "Die Zeit drängt", mahnte Kehler. "Ende September, Anfang Oktober liegt der Gasverbrauch erfahrungsgemäß beim Dreifachen des heutigen." Derzeit sei es warm, viele Unternehmen hätten Betriebsferien, was den Verbrauch drücke.

Als Alternative zum russischen Erdgas sucht die Bundesregierung nach Lieferländern für Flüssiggas (LNG), was aber neue Infrastruktur erfordert. Das Emirat Katar wird kaum einspringen, was laut Kehler auch an langfristigen Lieferverpflichtugen in Asien liegt. "Norwegen produziert bereits am Anschlag und könnte eventuell noch mehr fördern. Das wird aber nicht geschehen, solange es keine langfristige Lieferperspektive für Europa gibt." Afrika wiederum werde zunehmend selbst zum Gas-Importeur werden, weil dort der Eigenbedarf wachse. Kanada, das auch Flüssiggas ausführt, werde den Fokus beim Bau neuer Export-Terminals weiter auf die West- statt auf die Ostküste legen, sagte Kehler. "Kanadisches Flüssiggas wird deshalb vor allem über die USA nach Europa gelangen. Die USA werden künftig der wichtigste Lieferant sein."