Brüskiert, desillusioniert, kampfbereit – So stehen die G7-Chefs nach dem Chaos-Gipfel da

Turbulenter hätte das G7-Treffen kaum enden können. Dennoch nehmen die Teilnehmerländer durchaus unterschiedliche Erkenntnisse mit. Was vom Gipfel in Kanada bleibt.


Mit nur einem Tweet hat US-Präsident Donald Trump die seit mehr als 40 Jahren bestehende G7-Staatengruppe in eine Existenzkrise gestürzt. Über den Kurznachrichtendienst zog er am Sonntag nachträglich seine Unterstützung der G7-Erklärung zurück. Die Schuld dafür sieht er bei Kanadas Premierminister Justin Trudeau. Dieser sei unehrlich und würde falsche Behauptungen aufstellen. Die Teilnehmer-Staaten nahmen den Gipfel unterschiedlich wahr – ein Überblick.

Deutschland – Merkel ist Trumps Gegenspielerin

Es ist vor allem eine Sache, die in Deutschland vom G7-Gipfel in Kanada hängen bleibt: Das Foto, das zeigt, wie Angela Merkel ihre Hände auf den Tisch stützt und auf den dahinter sitzenden US-Präsidenten Donald Trump einredet, der die Arme verschränkt hat und trotzig guckt.


Die Kanzlerin ist dabei umringt von ihren anderen Kollegen. Merkel als Anführerin der freien Welt, als Gegenspielerin von Trump in der Gruppe der westlichen Industriestaaten – das ist die Botschaft. Und es war Merkel selbst, die diese aussenden wollte. Schließlich hat der Fotograf der Bundesregierung das Bild gemacht und Merkels Sprecher Steffen Seibert hat es verbreitet.

Merkel hatte sich in den vergangenen Monaten viel Mühe gegeben, Trump zu überzeugen. Doch Erfolg hatte sie dabei nicht, weder beim Iran-Abkommen, noch beim Klimaschutz noch jetzt beim Handelskonflikt. Deshalb scheint die Kanzlerin nun auf mehr Konfrontation zu setzen. Frankreichs Präsident Emmanuel Macron setzt schon länger auf klare Kante. Nun schließt sich Merkel an. „Wir lassen uns nicht ein ums andere Mal da irgendwie über den Tisch ziehen. Sondern wir handeln dann auch“, sagte sie nach dem Eklat beim G7-Gipfel. Europa will sich nun mit Gegenmaßnahmen auf Trumps Zölle reagieren.

Die Hoffnung, den Konflikt noch in Kanada zu entschärfen, hat sich nicht erfüllt. Der G7-Gipfel wird deshalb in Deutschland als das Treffen in Erinnerung bleiben, als der Bruch im westlichen Bündnis endgültig offengelegt wurde.


Großbritannien – May muss sich mit Trump gutstellen, doch der ignoriert sie

Mit seinem krassen Solo stieß Donald Trump alle G7-Partner in Kanada vor den Kopf, doch für Theresa May hatte er noch eine besondere Demütigung parat: Er ignorierte sie. Weder traf der US-Präsident sie zu einem bilateralen Gespräch, noch erwähnte er sie, als es um sein Verhältnis zu den anderen Regierungschefs ging. Er habe eine wunderbare Beziehung zu Angela, Emmanuel und Justin, sagte er. Kein Wort zu Theresa.


Ob Absicht oder nicht – solche kleinen Symbole werden in London genau registriert. Die Briten haben sich bislang immer eingebildet, eine besondere Beziehung zu den USA zu haben. Insbesondere die Brexit-Befürworter hatten darauf gehofft, dass sich die Beziehung zu den USA wieder verbessern, zumal Trump die britische Abkehr von der EU von Anfang an unterstützt und einen schnellen bilateralen Freihandelsdeal in Aussicht gestellt hatte. Doch die Hoffnung darauf ist inzwischen verflogen.

Die Strafzölle, die die USA auf Stahl- und Aluminiumimporte erheben, stellen May vor ein Dilemma: Zwar schaden die Strafabgaben derzeit auch ihrem Land. Doch Großbritannien wird nach dem Brexit stärker auf die USA angewiesen sein als je zuvor. Aus diesem Grund kann sie es sich nicht leisten, allzu laut gegen Trump zu protestieren.

Verglichen mit Macron oder Trudeau fiel ihre Reaktion deshalb eher zahm aus: Sie nannte das unilaterale Vorgehen „nicht gerechtfertigt“, mahnte aber zugleich an, dass die Antwort der EU „verhältnismäßig“ sein müsse. Trotz allem habe Großbritannien eine gute Beziehung zu den USA, betonte sie. „Wir arbeiten eng mit Präsident Trump zusammen.“

Erschwerend kommt hinzu, dass Trump und May persönlich nicht gut miteinander können. Zwar war die Premierministerin nach seinem Amtsantritt als erste westliche Regierungschefin ins Weiße Haus geeilt und wurde Hand in Hand mit ihm fotografiert, doch es wurde schnell klar, dass die Chemie zwischen den beiden nicht stimmt.

Trump stoße sich an Mays oberlehrerhaftem Ton, zitierte der „Telegraph“ einen ehemaligen Mitarbeiter des Präsidenten. Mehrfach wies sie ihn öffentlich zurecht – etwa, als er Teile Londons als „No-Go-Areas“ bezeichnete. Die Kritik aus London dürfte auch ein Grund sein, warum Trump seinen Antrittsbesuch in Großbritannien immer wieder aufschiebt. Mitte Juli soll es nun so weit sein – wenn der sprunghafte Präsident es sich nicht doch noch anders überlegt.


Frankreich – Macron zeigt sich desillusioniert

In Frankreich hatte der Elysée am Sonntag noch einmal nachgelegt und darauf hingewiesen, dass die G7 in Kanada „gute Ergebnisse und Engagements erreicht habe“. Frankreich stehe auch weiter dazu, wer sich davon abwende und den Schlussfolgerungen den Rücken zukehre, zeige damit nur „seinen Mangel an Kohärenz und Konsistenz.“


Im staatlichen französischen Fernsehen Antenne zwei wurde die Frage aufgeworfen, was übrig bleibe von der früheren intensiven Beziehung des Staatspräsidenten Emmanuel Macron mit Donald Trump.

Generell wird in den französischen Medien interessanterweise die deutsche Haltung intensiver dargestellt und diskutiert als die französische. Breiten Raum nehmen Berichte über die Reaktion von Bundeskanzlerin Angela Merkel und Bundesaußenminister Heiko Maas ein.

Vor allem zwei Aussagen stoßen auf großes Interesse: Merkels Hinweis, Europa müsse nun noch stärker zusammenrücken und werde sich nicht ein ums andere Mal von den USA über den Tisch ziehen lassen. Sowie Maas' Hinweis, dass man in ein paar Sekunden mit einem Tweet Vertrauen zerstören könne, das anschließend sehr viel längere Zeit brauche um wieder aufgebaut zu werden.

Das liegt natürlich auch an den laufenden Verhandlungen der beiden Regierungen über einen gemeinsamen Vorstoß zur Stärkung der EU und der Eurozone.

Macron selber hatte schon im Vorfeld des G7 Gipfels anklingen lassen, dass er keine großen Hoffnungen mehr darauf setzt, mit Trump zu tragfähigen Ergebnissen zu kommen. Unter Hinweis auf die ständigen Schwierigkeiten mit Trump, von den Strafzöllen bis zum gekündigten Iran Abkommen, fand er nur die tröstenden Worte: „Kein Politiker hält sich ewig an der Macht.“


Italien – Conte und Trump sind sich sympathisch

„Das Verhältnis zu Trump war vom ersten Augenblick an sehr herzlich“, sagte Giuseppe Conte gleich zu Beginn seiner offiziellen Pressekonferenz beim G7-Treffen in Charlevoix. Das war dem italienischen Premier, der erst seit einer Woche im Amt ist, wichtiger als die kontroversen Inhalte des verkorksten Gipfels der Industriemächte. Der US-Präsident sei sehr interessiert gewesen an der neuen Regierung in Rom.


Trump selbst twitterte, dass er den neuen italienische Premier getroffen habe – und Conte ein guter Typ sei. Auch ein baldiges Treffen zwischen den beiden Staatsmännern stellte Trump in Aussicht. Den italienischen Journalisten, die mit ihm nach Kanada zum Gipfel gereist waren, vertraute Conte auf dem Rückflug an, sein wichtigstes Ziel sei es gewesen, eine privilegierte Beziehung zu den USA zu schaffen.

Beim Thema Russland legte Conte dagegen einen perfekten Zickzackkurs hin. Erst erklärte er, er sei einverstanden mit Trump, dass es im Interesse aller sei, dass Russland in den Kreis der führenden Industrienationen zurückkehrt. Dann ruderte er zurück: „Was die Sanktionen anbelangt, so ist das Abkommen von Minsk über die Ukraine noch nicht umgesetzt. Wir haben aber allen deutlich gemacht, dass es für niemanden gut ist, dass Russland isoliert ist.“

Da hatte der französische Präsident Macron schon längst offiziell mitgeteilt, dass die europäischen G7-Mitgliedsstaaten einstimmig gegen eine Wiederaufnahme Russlands in den Kreis der führenden Industrienationen seien. Es war der erste Auftritt des Juryprofessors ohne Politik-Erfahrung auf internationalem Parkett. Eine Schonfrist gab es für ihn nicht, wenn auch das dramatische Ende des Gipfels die Aufmerksamkeit von Italien ablenkte.

Offene Kontroversen und Kritik am neuen Kurs in Rom wurden tunlichst vermieden. Bei bilateralen Begegnungen mit der Kanzlerin, EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker und Europaratschef Donald Tusk wurde Conte aber wieder auf Europa-Kurs gebracht. „Unsere Beziehung zu Washington ist strategisch, aber wir sind und bleiben im europäischen System verankert, wie auch in der Nato, und das ist kein Widerspruch. Die Gefahr, dass wir in einen Konflikt mit den europäischen Partnern kommen, existiert nicht“, sagte der Premier in seiner Abschlusspressekonferenz.



Noch warten alle Partner ab, welche Politik aus Rom kommt. An diesem Montag ist Nato-Generalsekretär Jens Stoltenberg bei Conte in Rom. Die italienische Presse, die durchgehend kritisch ist gegenüber der neuen Regierung, berichtet, dass Contes Gesprächspartner in Kanada erstaunt gewesen seien über dessen Offenheit: Er habe Juncker, Tusk und den anderen sofort gesagt, dass er einen Regierungsvertrag habe, geschlossen von den Koalitionspartnern Bewegung 5 Sterne und Lega. „Es gibt eine perfekte Übereinstimmung mit den Anführern der beiden politischen Kräfte“, so Conte.

Die wird sich in Kürze in Brüssel beim EU-Gipfel zeigen, bei dem es auch um die Flüchtlingspolitik geht. „Dann wird Italien mal die anderen beurteilen“, sagte Conte vor dem Rückflug, „unser Land ist ständig unter Beobachtung, diesmal wird das Gegenteil der Fall sein.“


Japan – Abe stellt sich hinter die Europäer

Japans Ministerpräsident Shinzo Abe, der Trump nicht einmal nach dessen Kriegsdrohungen gegen Nordkorea von der Seite wich, machte beim Thema Handel gemeinsame Sache mit den Europäern. Denn wenn es darum geht, kennt Trump weder Freund noch Feind. So belegten die USA Japan aus Gründen nationaler Sicherheit mit Strafzöllen auf Stahl und Aluminium.


Abe erklärte selbst auf Twitter: „In diesem Jahr gab es einen heftigen Meinungsaustausch über den Handel“. Doch er ließ keine Zweifel daran, wo er steht. Die Rolle der G7 sei es, den Freihandel zu fördern, meinte er nach dem Gipfel. Die Uhr dürfe nicht zurückgedreht werden. In Japan wird allerdings realistisch eingeschätzt, dass dies nicht einfach wird.

Die G7 seien der Gnade Trumps ausgeliefert, kommentierte der Europa-Experte Akihiko Yasui vom Mizuho Research Institute, einem Wirtschaftsforschungsinstitut der Finanzgruppe Mizuho. „Für Japan nimmt die Notwendigkeit zu, mit Europa zusammenzuarbeiten.

Kanada – Trudeau zieht die Samthandschuhe aus

Die dramatischen Entwicklungen auf dem Gipfel in La Malbaie haben den Kanadiern gezeigt, dass nun die Samthandschuhe ausgezogen werden. Premierminister Justin Trudeau hatte seit dem Amtsantritt Trumps deutlich gemacht, dass er ein gutes Verhältnis mit dem US-Präsidenten sucht, weil kein anderes Land wichtiger für Kanada ist als die USA, ob in der Wirtschafts- oder der Verteidigungspolitik.

Für Trudeau war es nicht leicht, die Beziehungen zu Washington zu pflegen, gleichzeitig aber auch deutlich die Interessen Kanadas zu betonen, so deutlich, dass es auch jeder hört. Dies ist nun geschehen. Am Tag nach dem Gipfel müssen die Kanadier erst einmal verdauen, was sich in La Malbaie abgespielt hat.

Trudeau steht zur Zeit in Umfragen nicht besonders stark da. Der Konflikt mit Trump dürfte nach Einschätzung politischer Beobachter seine Position etwas festigen, wie sich dies aber entwickelt, sollte bei einem Handelskrieg Kanada wirtschaftliche Nachteile und Arbeitsplatzverluste hinnehmen müssen, ist offen. Im Herbst 2019 wird in Kanada gewählt.



Interessanterweise erhielt Trudeau Zustimmung für seine feste Position gegenüber den US-Strafzöllen von einem Politiker, von dem dies nicht unbedingt zu erwarten war. Jason Kenney, Vorsitzender der Konservativen Partei in Alberta, schrieb auf Twitter: „Ich stimme vollständig mit der Stellungnahme des Premierministers überein.

Eine vernünftige, ausgeglichene und feste Aussage, dass Kannada sich nicht mobben lässt und dass wir reagieren werden, wenn die US-Administration nicht ihre Attacken auf unsere Stahlexporte beendet.“


USA – Politik und öffentliche Meinung sind tief gespalten

Für Trumps konservativen Lieblingssender spielte das G7-Drama schon am Morgen nach dem Gipfel keine Rolle mehr. Fox News konzentrierte sich ausschließlich auf die Mission, die nun vor Trump lag: sein Treffen mit dem nordkoreanischen Diktator Kim Jong Un in Singapur.

Schon während des Gipfels hatte Fox allenfalls ein umrahmendes Pflichtprogramm gezeigt, das die Bedeutung des internationalen Gesprächsformats herunterdimmte, anstatt es mit zu viel Aufmerksamkeit zu adeln.

Ganz anders die rechtspopulistische Krawallseite Breitbart, die Trumps frühzeitigen Abgang und seine Kampfansage an enge Verbündete ausgiebig feierte: „Trump erteilt Globalisten eine Lektion in Sachen ‘America First’“, titelte Breitbart über Stunden.



Der krebskranke republikanische Senator John McCain richtete einen persönlichen Appell an „unsere Verbündeten“ und schrieb: „Die Mehrheit der Amerikaner hält weiterhin an Freihandel, Globalisierung und Unterstützung von Bündnissen fest, die auf 70 Jahren gemeinsamer Werte beruhen. Amerika steht an eurer Seite, auch wenn es unser Präsident nicht tut.“

Den politischen Graben, der sich durch die amerikanische Gesellschaft zieht, konnte man an hunderttausenden Kommentaren von Bürgern dazu ablesen. Nach wie vor scheinen die USA gespalten in diejenigen, die Trump für seinen rabiaten, kompromisslosen Stil verehren – und diejenigen, die er angesichts eine zunehmenden Entfremdung von Partnern auf der ganzen Welt entsetzt.

Dass Trumps Verhalten auf dem G7-Gipfel einen Wendepunkt bringt, ist eher unwahrscheinlich. Zuletzt zogen seine Beliebtheitswerte wieder an, auch in seiner Partei genießt er hohen Rückhalt. Und letzten Endes markiert sein Bruch mit den G7 kein neues Verhalten, sondern die radikalisierte Fortsetzung eines Weges, den Trump schon vor langer Zeit eingeschlagen hat.