Die bräsige Republik Deutschland

Kalendarisch ist Wahlkampf. Aber keiner kämpft. Nicht nur Kanzlerin Merkel, das ganze Land ist vor lauter Wirtschaftswachstum und Jobwunder in einen Dämmerschlaf der Zufriedenheit verfallen. Das könnten wir bald bereuen.


2013 war es die Raute, mit der Angela Merkel die Wähler überzeugen konnte. „Deutschlands Zukunft in guten Händen“ stand darunter, es war das Bild zu alledem, was die Deutschen damals an ihrer Kanzlerin schätzten: Die ruhige Hand in unsicheren Zeiten. Seitdem sind vier Jahre vergangen.

Von den unsicheren Zeiten ist nicht viel geblieben, das Land schwimmt auf einer Welle des Erfolges. Die Arbeitslosigkeit erreicht immer neue Niedrigrekorde, das Wachstum steigt und steigt. Selbst den Zustrom hunderttausender Flüchtlinge hat die Republik scheinbar mühelos verdaut. Und so könnte Merkel diesmal der triviale Satz „Für ein Deutschland, in dem wir gut und gerne leben“ zur Wiederwahl genügen.

Merkel weiß: Viele Wähler legen ihr die Negation jedes Gestaltungsanspruchs längst als sympathische Bescheidenheit, als eine Art höhere Einsicht in die beschränkte Wirkkraft politischen Handelns aus. Vor vier Jahren, in krisenhaften Zeiten, haben die Deutschen ihr nicht die Lösung der Banken-, Finanz- und Euro-Desaster abverlangt, wohl aber deren ständige Bearbeitung: daher die Raute. Diesmal, in Zeiten einer wohlstandssatten Selbstzufriedenheit ist es Merkel wichtig, die Deutschen möglichst gar nicht zu behelligen, eine Stimmung der schulterzuckenden Bejahung zu erzeugen, für das Verschwinden von Politik zu sorgen“. Es ist die Kernaussage der Regierung: Dem Land geht es maximal gut, daher gibt es minimal zu tun. Alarm herrscht in Amerika und Afrika, in Russland und Südeuropa, nicht aber in Deutschland.




Statistische Indikatoren gibt es dutzende, um das aktuelle Wohlergehen des Landes zu belegen. Blickt man aber nach vorne, dann wird das Bild schon trüber. Stellen wir heute schon die Weichen, damit es dem Land auch morgen und übermorgen gut geht?
In dieser Wohlfühlblase steckt eigentlich die große Chance, genau solche Fragen anzugehen. Nie wäre es einfacher möglich, die unangenehmen Reformen zu wagen als auf dem Gipfel der Glückseligkeit.

Doch wer mit den führenden Köpfen des Landes spricht, erlebt nicht von diesem Elan. Dem Land gehe es gut, weil es strukturell so gut dastehe. Die Universitäten auf der Höhe der Zeit, die Unternehmen voll auf die Zukunft eingestellt. Der Arbeitsmarkt, ein international bewundertes Muster an Flexibilität, die Städte so multikulturell und global attraktiv wie nie zuvor. Reformen? Würden die Sache höchstens schlechter machen.

Dabei hält kaum eine dieser Thesen dem Abgleich mit der Realität stand. Die meisten internationalen Beobachter sind sich längst einig: Deutschland ist nicht nur so reformbedürftig wie lange nicht mehr, es dürfte auch nicht mehr lange dauern, bis diese Reformmüdigkeit dem Land auf die Füße fällt.




Lesen Sie in der neuen WirtschaftsWoche, wie die Eliten des Landes ihren Elan verloren haben und welche Reformen sie dabei so lange verschleppt haben, bis wir sie fast vergessen. Mit dem WiWo-Digitalpass erhalten Sie die Ausgabe 36 bereits am Mittwochabend in der App oder als eMagazin. Alle Abo-Varianten finden Sie auf unserer Info-Seite.