Boxenfunk: Können F1-Fahrer sagen, was sie denken?

Stefan Ehlen
·Lesedauer: 4 Min.

Mit seinen Äußerungen hat Max Verstappen einen Sturm der Entrüstung losgetreten. Und Lando Norris entschuldigte sich öffentlich für etwas, das man hätte falsch auffassen können. Das sind nur zwei von vielen Beispielen aus der Formel-1-Saison 2020, in denen Fahrer-Funk-Aussagen Folgen hatten. Aber soll das auch so sein?

Den Formel-1-Fahrer selbst ist klar, "dass alles, was wir sagen, auch ausgestrahlt wird", sagt Norris. Man wisse also um das Publikum. "Wir gehen nie davon aus, es ist privat. In der Garage ist es das, aber nicht auf der Strecke. Da ist es öffentlich."

Trotzdem rutscht den Fahrern gelegentlich eine flapsige Formulierung, ein derber Fluch oder eine wüste Beschimpfung raus. Das zieht schon mal einen Shitstorm in den sozialen Medien nach sich.

Sainz wirbt um Verständnis für die Formel-1-Fahrer

Carlos Sainz aber meint: "Im Eifer des Gefechts denkst du nicht darüber nach, ob du jemanden verärgerst. Wir sind Sportler und stehen gerade unter größtmöglichem Druck. Man muss verstehen: In dem Moment sind wir voller Adrenalin."

Und dann auch noch Zuhörer am Funk haben? Romain Grosjean, der zuletzt ebenfalls mit markigen Sprüchen aufgefallen ist, kann diesem Konzept nicht viel abgewinnen.

Er sagt: "Das Cockpit, der Funkverkehr mit dem Team, das ist dein Bereich. Mir schmeckt es nicht, dass die Funksprüche ausgestrahlt werden."

Von außen betrachtet ist vieles anders ...

"Man darf natürlich immer sagen, was man denkt, aber man muss auch Respekt zeigen. Da sind wir nicht perfekt. Ich bin es nicht, weit gefehlt."

"Man muss aber bedenken, wir bewegen Autos mit über 330 Sachen am Limit. Und da ist auch ein gewisses Risiko im Spiel. Es ist anders, wenn man zuhause auf dem Sofa sitzt, ein Glas Rotwein in der Hand, und von außen kommentiert, was passiert. Da sieht nämlich auch alles viel langsamer aus", so meint der Formel-1-Fahrer.

Laut Sainz schafft dieser besondere Einblick aber auch eine gewisse Faszination. Der (teilweise) offene Funkverkehr der Formel 1 sei sogar ein "Vorteil" für die Rennserie, glaubt er. "Man kriegt mit, was die Fahrer fühlen, ihre Emotionen."

Das Anschwärzen anderer Fahrer

"Fluchen wir mehr oder weniger als andere Sportler? Wir haben halt ständig das Mikrofon unter der Nase", sagt Sainz. "Das macht es aber auch attraktiv. Und da kommen schon ein paar News und lustige Momente in den Medien rüber."

Mitunter aber hagelt es auch Kritik. Zum Beispiel, wenn ein Fahrer eifrig meldet, dass ein anderer gerade in der Schikane abgekürzt und einen unfairen Vorteil erlangt habe. Dieses "Anschwärzen" gefällt nicht allen Zuschauern.

Norris wirbt um Verständnis für die Fahrer: "Das macht doch jeder. Und uns ist natürlich bewusst, dass die Kommissare zuhören. Wenn also jemand was anstellt, dann betont man das vielleicht nochmals, um sicherzugehen, dass sie auch wirklich zuhören. Jeder nutzt das zu seinem Vorteil."

Grosjean: In der Formel 1 kannst du nicht alles sagen

Und wie ehrlich geht es generell zu? Grosjean hat seine Zweifel und sagt: "Ich wünschte, ich könnte ganz offen sprechen und so aufrichtig sein wie im echten Leben. In unserer Welt aber musst du immer vorsichtig sein, was du sagst und wie du es sagst. So tickt unsere Gesellschaft heute einfach."

Kevin Magnussen stimmt zu und meint: "Die Leute sind heute leicht beleidigt, bei allem, vor allem in den sozialen Netzwerken. Jeder hat dort eine Plattform, um seine Meinung kundzutun, oder um zu sagen, dass er sich an etwas stört."

Deshalb beschäftige er sich fast gar nicht mit Social Media. Er erklärt: "Ich habe die Apps nicht auf meinem Handy, weil ich nicht ständig nachschauen will. Manchmal sagt mir meine Frau, es seien viele gute Wünsche und dergleichen eingegangen. Dann sehe ich mir das auch an."

Magnussen hält sich fern aus der Social-Welt

"Warum aber sollte ich mir das ganze negative Zeug, was über mich gesagt wird, anschauen? Das kommt schon häufig vor, wenn man auch nur ein bisschen kontrovers tickt. Dann brausen die Leute sofort auf."

Als Formel-1-Fahrer müsse man lernen, damit umzugehen. "Es gehört eben dazu, wenn du in der Öffentlichkeit stehst", sagt Magnussen. "Das ist aber schon seltsam an unserer Gesellschaft."

Weitere Co-Autoren: O. Karpow. Mit Bildmaterial von Motorsport Images.