Boxen: Vom Containerschiff zum Box-Olymp

Geboren in Armenien, aufgrund des damals herrschenden Bürgerkriegs aus der Heimat nach Deutschland geflüchtet, im Asylheim gelebt, ohne Geld und Aussicht auf eine bessere Zukunft - Artem und Robert Harutyunyan mussten in ihrer Vergangenheit schon einiges durchmachen. Ihr Ziel haben sie aber nie aus den Augen verloren: Eines Tages als Profiboxer im Ring zu stehen. Nun stehen die beiden kurz vor der Verwirklichung ihres Traums.

Geboren in Armenien, aufgrund des damals herrschenden Bürgerkriegs aus der Heimat nach Deutschland geflüchtet, im Asylheim gelebt, ohne Geld und Aussicht auf eine bessere Zukunft - Artem und Robert Harutyunyan mussten in ihrer Vergangenheit schon einiges durchmachen. Ihr Ziel haben sie aber nie aus den Augen verloren: Eines Tages als Profiboxer im Ring zu stehen. Nun stehen die beiden kurz vor der Verwirklichung ihres Traums.

"Wir werden niemals gegeneinander antreten, das haben wir unser Mutter versprochen", sagt Robert Harutyunyan. "Wir", das sind er und sein Bruder Artem. Dem Mantra ihrer großen Vorbilder Wladimir und Vitali Klitschko folgend, wollen sie sich nicht gegenseitig die Fäuste ins Gesicht schlagen.

Das Projekt Weltmeister-Brüder 2.0 - ein bewährter Vermarktungsansatz. Doch auch Manager Ismail Özen denkt: "Ich könnte mir sehr gut vorstellen, dass die beiden Nachfolger der Klitschkos werden." Am Samstag geben sie gemeinsam ihr Profi-Debüt in Hamburg - blickt man auf ihr bisheriges Leben, gleicht das einem Box-Märchen, wie es im Buche steht.

Denn der Weg dorthin war lang und steinig. In Armenien geboren, ergriffen die Eltern mit den beiden Brüdern bereits ein Jahr später die Flucht. Die Heimat vom Bürgerkrieg zerstört, sollte Deutschland das neue Zuhause werden.

Vater Aram war schon damals Taekwondo-Lehrer für das Armenische Militär und hatte seine eigene Taekwondo-Schule. So war der Herr Papa seit Beginn an Trainer und Förderer seiner beiden Jungs - das Boxen eigneten sie sich in einem Verein in Hamburg an.

Zehn Jahre Asyl: im Heim und auf dem Containerschiff

Als die Familie in der Hansestadt ankam, lebten sie zunächst für ein Jahr in einem Container-Schiff. Anschließend verbrachten die Harutyunyans sechs Jahre in einem Asylheim. "Es hat ungefähr zehn Jahre gedauert, bis wir aus dem Asylleben heraus kamen", erinnert sich Artem rückblickend. Sogar Hartz IV musste die geflüchtete Familie beziehen, es stand kein Geld zur Verfügung - das sieht heute anders aus.

Gemeinsam organisieren die beiden Trainingseinheiten für Jugendliche aus Syrien. "Wir möchten ihnen zeigen, dass der Boxsport einem helfen kann - und dass man sogar für sein Land eine Medaille holen kann", so die Brüder: "Wir wissen, wie es ist, in ein fremdes Land zu kommen und verstehen, wie die Flüchtlinge sich fühlen."

Aufstieg der Harutyunyan-Brüder bis hin zu Olympia

Dass die beiden Hamburger Vorzeige-Migranten einiges hinter den Fäusten haben, zeigte sich schon im jungen Alter. Die beiden räumten in ihrer jeweiligen Gewichtsklasse (Artem bis 64 Kilogramm, Robert bis 60 Kilogramm) schon in der Jugend sämtliche Titel ab und waren schnell unter Aufsicht des sogenannten "Weltmeister-Macher"-Trainer Michael Timm.

In Schwerin trainierten die beiden im Olympia-Stützpunkt zusammen mit Timm und lernten vom erfahrenen Ex-Champion alles, was essentiell für die Zukunft sein sollte. Timms Spitzname sollte sich wenig später erneut bestätigen, als Artem den Weltmeister-Titel der AIBA Pro Boxing (APB) abräumte und sich gleichzeitig für Olympia in Rio 2016 qualifizierte.

Sein Bruder Robert wollte ursprünglich auch bei den Spielen in Rio teilnehmen, schied jedoch bei der Euro-Quali aus und konnten bei der Welt-Quali in Aserbaidschan aufgrund seiner Herkunft nicht teilnehmen: "Zu der Zeit war es für Armenier politisch heikel in Aserbaidschan. Für mich war es lebensgefährlich dort hin zu reisen", verriet die Nummer Eins im Leichtgewicht in Deutschland bei Oriental Night.

Die Aufmerksamkeit richtete sich also zunächst ganz auf Artem. Box-Legenden wie Marco Huck wünschten diesem mit Sicht auf Rio gegenüber dem SID nur das Beste: "Ich glaube an ihn, er hat was drauf. Viel Erfolg!"

Und tatsächlich nahm der 27-jährige eine Medaille aus Brasilien mit, die erste für Deutschland im Boxen seit zwölf Jahren. Artem boxte sich mit mutiger Kampfgestaltung und teils spektakulären Auftritten ins Halbfinale von Rio, wo er sich am Ende dem 13 Zentimeter größeren Gegner Sotomayor aus Aserbaidschan erst nach Punkten geschlagen geben musste.

"Ich bin froh, nach so einer langen Zeit wieder eine Medaille für Deutschland zu gewinnen. Ich habe das alles meiner Familie und meinem Trainer zu verdanken", sagte der überglückliche Bronze-Gewinner nach seiner Niederlage in Rio dem SID. Im November 2016 erhielt Artem für seine Bronze-Medaille das silberne Lorbeerblatt.

Erster Profi-Kampf steht bevor

Seit diesem Erfolg ist jedoch viel Zeit vergangen. Nicht alles lief dabei wie geplant, vor allem die Heim-WM Ende August in Hamburg endete für die Brüder als Enttäuschung. Artem schied bereits umstritten im Viertelfinale aus, sein Bruder wurde gar nur als Ersatz-Boxer eingesetzt. Umso mehr pochte das Duo nun auf eine Veränderung - und entschied sich, den Einstieg ins Profi-Boxen zu wagen.

"Das ist ein Verlust. Auch als Persönlichkeit war Artem und Robert ein Aushängeschild für den Verband", sagte Michael Müller, Sportdirektor des Deutschen Boxsport-Verbandes (DBV). Ex-Weltmeister Artur Grigorian, der seitdem neuer Trainer der Harutyunyans ist, sah bereits bei der WM, dass Artem mehr als nur drei Runden, wie im Amateur-Boxen üblich, kämpfen sollte.

Am 25. November ist es nun soweit, vor 400 geladenen Gästen bestreiten die beiden im Rahmen des Projekts "Kämpf um dein Leben", das Kindern mit Migrationshintergrund hilft, sich besser in der Gesellschaft einzufinden, ihren ersten Profi-Fight.

Olympia ist immer noch ein Thema, steht nun aber nicht mehr im Vordergrund, finden die beiden Boxer: "Klar ist der Traum von Olympia noch da. Aber erst mal wollen wir uns auf das Profiboxen konzentrieren."

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