Bosz‘ Schicksalsspiel: Das heißeste Derby seit Jahren

Christoph Küppers
Das Revierderby gegen Schalke 04 könnte das letzte Spiel von Peter Bosz an der Dortmunder Seitenlinie sein

An diesem Samstagnachmittag (ab 15 Uhr im LIVETICKER) steht fast alles auf dem Spiel: Wenn um 15.30 Uhr in Dortmund das 173. Revierderby angepfiffen wird und Borussia Dortmund den FC Schalke 04 empfängt, geht es um nicht weniger als den vorläufigen Status der Nummer eins im Pott.

"Dieses Mal ist die Konstellation eine besondere, denn nach ewigen Zeiten steht Schalke gerade wieder einmal vor uns. Aber mit einem Sieg können wir die Verhältnisse schon wieder zurechtrücken", bringt der frühere BVB-Profi Karl-Heinz Riedle im Gespräch mit SPORT1 die brisante Ausgangslage auf den Punkt.

Die Derby-Rechnung ist für beide Vereine relativ simpel: Wer siegt, steht vorn - was traditionell für beide Lager ja fast alles bedeutet. SPORT1 beleuchtet vor dem Aufeinandertreffen die Ausgangslage bei beiden Teams.

BVB: Es geht um Bosz' Job 

Ungewöhnlich ausführlich beantwortete Peter Bosz am Freitagmittag die Fragen der Journalisten auf der Pressekonferenz. Der Niederländer wirkte dabei ruhig und gefasst, vermittelte allerdings auch den Eindruck, als wisse er ganz genau worum es in diesem Derby geht: Das Spiel ist wohl seine letzte Chance!

Dafür spricht, dass sogar Vereinspräsident Dr. Reinhard Rauball in einem Interview mit der Funke-Mediengruppe ein klares Bekenntnis zu seinem Trainer vermissen ließ: "Er (Bosz) hat nach dem Tottenham-Spiel selbst gesagt, dass das Derby ein ganz wichtiges für ihn persönlich ist."


Fest steht: Peter Bosz braucht einen Sieg - oder zumindest ein sauber erspieltes Remis, will der Niederländer auch übers Wochenende hinaus im Amt bleiben.

Zwar erklärte der Niederländer, Debatten um seine Zukunft würden ihn nicht interessieren. Die Kritik beschrieb er aber selber als "verständlich, normal und logisch. Ich versuche das auszuschalten".

Bei Teilen der vor dem Derby besonders leidenschaftlichen Dortmunder Fangemeinde hat der Trainer seinen Kredit verspielt - mit zum Teil unerklärlichen Personalrochaden oder dem langen Festhalten am Wunsch-System, das viele Spieler überfordert. Aber auch mit einer für viele Beobachter unverständlichen Wohlfühloase für die schlecht spielenden Profis.

Der besondere Derby-Effekt

Nur ein Beispiel: Trotz der zuletzt schwachen Leistungen gab Bosz seinen Spielern auch an diesem Donnerstag frei. "Man braucht auch in so einer Woche einen freien Tag, um sich zu erholen. Das ist meine Verantwortung. Wenn wir am Donnerstag trainiert hätten, könnten die Spieler gegen Schalke müde sein", erklärte Bosz am Freitag.


Ex-Profi Karl-Heinz Riedle glaubt im Gespräch mit SPORT1 weiter an den Trainer. Der BVB-Markenbotschafter: "Peter Bosz, und das ist für mich entscheidend, hat eine klare Vorstellung vom Fußball, die Spieler äußern sich ausschließlich positiv über ihn und seine Philosophie."

Darüber hinaus setzt der Ex-Profi auf den ganz besonderen Derby-Effekt. "Dieses Spiel elektrisiert die Leute mehr als alles andere. Es kann noch so viel gerade nicht gut gelaufen sein - wenn du das Derby gewinnst, verzeihen sie dir eine Menge", erklärt Riedle.

Auf diese Konstellation hoffen auch die Vereinsoberen. Nur ein Derbysieg würde die Stimmung in Dortmund beruhigen und die BVB-Bosse vor der Mitgliederversammlung am Sonntagmorgen nicht unter Zugzwang setzen. Verliert die Borussia dagegen, könnte das schwarzgelbe Pulverfass schon am Samstagabend explodieren.

S04: Zum ersten Mal seit Jahren auf Augenhöhe

Während es beim BVB kriselt, herrscht auf Schalke demonstrative Einigkeit. Über 2000 Fans stimmten sich und die Mannschaft am Freitagnachmittag beim Abschlusstraining noch einmal aufs Derby ein. Nähe statt Abschottung - dieser Kurs schweißt den Verein weiter zusammen und spiegelt die aktuelle Situation wieder: Es könnte für S04 kaum besser laufen.


Schalke hat keines der letzten fünf Bundesligaspiele verloren (vier Siege, ein Remis). In der Tabelle der vergangenen fünf Spieltage belegt Königsblau insgesamt den zweiten Platz. Symptomatisch: der BVB ist Letzter. Zählt man den Saisonstart hinzu, kommt es zum ersten Mal seit Jahren zu einem Derby auf Augenhöhe.

Der Schalker Höhenflug hängt vor allem mit dem neuen Trainer zusammen. Mit Akribie und Einsatz hat Domenico Tedesco die Königsblauen zur vorläufigen Nummer eins im Pott gemacht.

Aus einem Haufen (teilweise egoistischer und kriselnder) Einzelspieler formte der 32-Jährige nach kurzen Anlaufschwierigkeiten eine eingeschworene Mannschaft und machte sogar vor unpopulären Entscheidungen wie der Absetzung von Dauer-Kapitän Benedikt Höwedes keinen Halt.

Legende lobt Tedesco

Lob für diese Arbeit kommt von höchster Stelle: "Domenico Tedesco hat bei Schalke einen hervorragenden Job gemacht, sich in diesem schwierigen Umfeld sehr gut eingebracht und seine Philosophie erfolgreich umgesetzt", sagte Trainer-Legende Ottmar Hitzfeld im exklusiven SPORT1-Interview.


Zur neuen Schalker Tedesco-Identität gehört allerdings auch: Lobeshymnen auf die eigene Arbeit werden im Keim erstickt. "Unser zweiter Platz ist unwichtig. Wir dürfen nicht meinen, wegen der Tabellenstände übermütig zu werden. Wir müssen abrufen, was uns stark gemacht hat", erklärte Tedesco vor dem Derby.

Selbst der Trainer wird allerdings nicht leugnen können: Der Trend der vergangenen Wochen spricht klar für Schalke - und setzt den BVB extrem unter Druck. Diese Konstellation macht das Spiel mit allen Begleiterscheinungen zum wohl heißesten Derby des Jahres.