Kampf der Systeme: Hier liegt Bosz' Chance gegen Heynckes

Constantin Eckner

Innerhalb weniger Wochen haben sich die Machtverhältnisse in der Bundesliga-Spitzengruppe verändert. Am Samstagabend (18.30 Uhr im LIVETICKER) geht Borussia Dortmund nun als klarer Außenseiter ins Top-Duell mit Bayern München. Im Fokus stehen beide Trainer und ihre taktischen Konzepte.

BVB-Trainer Peter Bosz möchte, dass seine Mannschaft vor allem durch Intensität Dominanz entwickelt. Die Dortmunder können den Ball im Spielaufbau ruhig durch die hinteren Reihen laufen lassen, versuchen aber häufig, mit wenigen Pässen in die Offensivräume vorzustoßen.

Entweder die Angriffe laufen über die Flügel, auf denen der BVB mit Christian Pulisic, Andriy Yarmolenko und Maximilian Philipp über drei talentierte Dribbler verfügt. Oder die Zuspiele gehen mit einigem Risiko durchs Zentrum. Mario Götze oder auch Shinji Kagawa können sich in diesen engen Räumen bewegen und den Ball auf die Angreifer weiterleiten.

Dortmunds Pressing ein Risikofaktor


Dass es beim BVB zuletzt eher durchwachsen lief und man nach einem 2:4 in Hannover am vergangenen Samstag die Tabellenführung abgab, hat vor allem zwei Gründe: Zum einen ist das Spiel im Moment zu statisch. Hannover 96 nutzte eine simple Manndeckung gegen den BVB und erzwang auf diese Weise viele lange Schläge von Torwart Roman Bürki oder einem der Innenverteidiger. Ohne Bewegung im Mittelfeld, ohne Positionsrochaden kann eine solche Manndeckung nicht aufgebrochen werden. Gleiches gelang Eintracht Frankfurt beim 2:2 eine Woche zuvor.

Zum anderen stellt das eigene Gegenpressing aktuell einen Risikofaktor dar. Bosz möchte, dass seine Mittelfeldspieler wie auch Außenverteidiger nach Ballverlusten direkt aufrücken und die Gegenspieler zustellen. Allerdings muss in diesem Fall verhindert werden, dass der Gegner schnell reagiert und den Ball hinter die hochstehende Abwehr spielt.


Auch die Zweikämpfe im Mittelfeld dürfen nicht verloren werden. Bosz mahnte nach der Niederlage in Hannover die mangelnde Aggressivität an. Auf Zweifel an seinem taktischen Konzept und die Kritik, wonach er keinen Plan B habe, reagierte der Niederländer indes nicht.

Bayern unter Heynckes gefälliger im Spielaufbau

Beim Gegner aus München geht es seit der Rückkehr von Jupp Heynckes in die entgegengesetzte Richtung. Die Bayern konnten unter der Führung des 72-Jährigen bisher alle sechs Spiele gewinnen, wenngleich nicht jeder Sieg auf souveräne Weise zustande kam. Als Heynckes das Traineramt übernahm, fand er eine Mannschaft vor, die große Schwierigkeiten im Spielaufbau hatte und ungewöhnlich kreativlos wirkte.

Er nahm keine fundamentalen taktischen Änderungen vor, sondern versuchte in den letzten Wochen an kleinen Stellschrauben zu drehen und das richtige Personal zu finden. Insbesondere Javi Martinez entwickelt sich einmal mehr zum wichtigen Schlüsselspieler für Heynckes. Im Vergleich zu Arturo Vidal, der sich auch schon als Spielmacher vor der Abwehr versuchen durfte, verfügt Martinez über die notwendigen strategischen Fähigkeiten. Er entlastet damit die Innenverteidiger, die zuletzt fast die alleinige Verantwortung im Spielaufbau tragen mussten.


Ebenso wie der BVB möchte Bayern Dominanz im Spiel entwickeln, tut dies aber vor allem durch eine geduldige Spieleröffnung. Zumeist soll der Angriff über die Flügel erfolgen. Die linke Seite ist dabei die bevorzugte, während Arjen Robben rechts auf Seitenverlagerungen wartet.

Im Gegensatz zu Dortmund legt es der deutsche Rekordmeister allerdings nicht darauf an, den Ball ständig im Gegenpressing zurückzugewinnen. Vielmehr sollen die Angriffe zu Ende gebracht werden. Anschließend positioniert sich Bayern kompakt und versucht den gegnerischen Aufbau zu unterbinden. Die Arbeit gegen den Ball hat merklich an Qualität gewonnen, seitdem Heynckes sein Comeback feierte.

Außenseiter-Chance für Dortmund

Im Spitzenspiel am Samstagabend kommt es nun darauf an, wer gewillt ist, von seiner Taktik ein Stück weit abzugehen und die Schwächen des anderen auszunutzen. Dass die Bayern auswärts antreten, bedeutet nicht, dass der Rekordmeister den Hausherren ständig den Ball überlassen wird. Im Pokalspiel in Leipzig versuchten die Münchener auch, ihr Spiel durchzuziehen.

Darin könnte eine Chance für den BVB liegen, sofern es dieser schafft, über das eigene Pressing genügend Druck zu entwickeln. Da diese Strategie allerdings wieder damit verbunden sein wird, die Abwehrlinie sehr hoch stehen zu lassen und die Mehrheit der Duelle im Mittelfeld zu gewinnen, könnte der Schuss genauso gut nach hinten losgehen. Formkurve und taktische Stabilität sprechen im Moment für den Tabellenführer aus München.