Bosnien-Herzegowina: Bühne ausländischer Machtspiele

Über Jahrhunderte hinweg war Sarajevo ein Schmelztiegel der Kulturen. Schafft es Bosnien-Herzegowina, diese Tradition der Toleranz neu zu beleben? Oder tappt das Balkanland erneut in die Fallen religiöser und politischer Rattenfänger? Wohin geht die Reise? Nach Europa? Oder gerät die Region in den Einflussbereich einer immer imperialer auftretenden Türkei?

Ankara lässt die Muskeln spielen

Eine wachsende Zahl der bosnischen Muslime träumt vom angeblich „goldenen Zeitalter“ des Osmanischen Reiches. Und Ankara macht sich das zunutze. Der Sultan-Mehmed-Fatih-Chor ist stolz auf seinen osmanischen Namensgeber. Mehmed II. gewährte weitgehende Religionsfreiheit. Der bosnische Chor steht zu dieser Tradition des multikulturellen Miteinanders, gesungen wird in vielen Sprachen, auch Türkisch.

Doch der heutige Machthaber der Türkei, Präsident Erdogan, hat ein Problem mit dem Leiter des Chores. Mehmed Bajraktarević ist über die Landesgrenzen hinaus bekannt. Erdogan wirft ihm vor, der Gülen-Bewegung nahezustehen. Er schickte seinen Botschafter nach Sarajevo, um einzugreifen.

„Die türkische Botschaft verlangte, dass wir unseren Auftritt zum Ramadan-Fest absagen, das die islamische Gemeinschaft von Bosnien-Herzegowina organisiert hatte. Die Türkei wollte unseren Chor verbieten. Die wollten, dass ich nicht länger dirigiere. Jemand hatte uns denunziert, ich wurde beschuldigt, für die Gülen-Bewegung zu arbeiten.

Doch weder der türkische, noch der bosnische Präsident können mich davon abhalten, Freunde in der Türkei, Griechenland und Deutschland zu haben. Ich habe überall Freunde, solche, die Gülen gut finden und solche, die Erdogan gut finden. Alle sind meine Brüder“, sagt Bajraktarević.

Türkischer Einfluss auf das Bildungssystem

Nicht nur in den bosnischen Medien macht sich der türkische Einfluss bemerkbar, auch im Erziehungssystem. Als Erdogan seine Hetzkampagne gegen die Gülen-Bewegung begann, machte er vor Landesgrenzen keinen Halt. Türkische Lehrer mit angeblichen Gülen-Verbindungen werden gefeuert – auch in Bosnien.

Wir treffen einen von ihnen. Seinen Namen wollte dieser er aus Sicherheitsbedenken nicht nennen. „Übt die Türkei direkten Druck auf Sie und ihre Kollegen aus?", fragt von der Brelie.

„Und ob!“, sagt der Lehrer. „Wir können an der türkischen Botschaft kein einziges Papier mehr beantragen, weder Visa noch Aufenthaltsgenehmigung oder Arbeitserlaubnis, nichts. Einigen Kollegen wurde in der türkischen Botschaft der Reisepass beschlagnahmt. Wir leben in ständiger Furcht. Wir haben Angst, selbst dann, wenn wir nur an der türkischen Botschaft vorbeigehen."

Jüngstes Beispiel für türkische Macht- und Einflussprojektion ist ein Propaganda-Clip, in dem Bosnier die türkische Militärintervention in Syrien loben, auf Türkisch versteht sich.

„Erdogan, Sie sind nicht nur der Präsident der Türkei, sondern von uns allen"

Der türkische und bosnische Präsident sind befreundet – auch privat, weiß Zlatko Dizdarević. Der frühere bosnische Botschafter in Syrien, Jordanien und Libanon nennt die türkischen Machtspiele eine „Bedrohung” für Bosnien, Konflikte würden verschärft.

„Der türkische Einfluss muss im Zusammenhang mit der Muslimbrüderschaft gesehen werden. Wir leben heute in einer seltsamen Realität: ein Großteil der bosnischen Muslims identifiziert sich mit dem Osmanischen Reich. - In der Wahlnacht, als Erdogan zum Präsidenten der Türkei gewählt wurde und das bosnische Präsidiumsmitglied Izetbegovic ihm zu seinem Sieg gratulierte, sagte er: Präsident Erdogan, Sie sind nicht nur der Präsident der Türkei, sondern der Präsident von uns allen” erzählt Dizdarević.

Arabische Touristenwelle schwappt nach Bosnien-Herzegowina

Auch die Golfstaaten machen mit bei diesem Gerangel um Einfluss. Die Saudis bauten für 50 Millionen Euro ein Shopping-Zentrum in Sarajevo. Im Sommer verjubeln hier Tausende arabische Touristen ihre Petrodollar. Überall im Land entstanden bewachte Wohnanlagen für reiche Araber.

Nach dem Krieg waren Investitionen bitter nötig. Doch macht sich mittlerweile ein Gefühl der Überfremdung breit. Werden liberale Islamtraditionen verdrängt durch konservative Strömungen? Als Dino Hadzic in den Stadtrat von Ilidza gewählt wurde, beantragte er eine gesetzliche Beschränkung für den Gebrauch des Arabischen.

„Es geht um die Verwendung des Arabischen im öffentlichen Raum, also um Werbetafeln oder um Geschäftsfassaden”, sagt Hadzic. „Wenn alles nur auf Arabisch ist, kann die Bevölkerung das nicht lesen. Die offizielle Sprache Bosnien-Herzegowinas ist das Bosnische, die offiziellen Alphabete sind das lateinische und kyrillische Alphabet.

Mein Vorschlag läuft darauf hinaus, dass die im öffentlichen Raum verwendete Schrift zweisprachig sein sollte. Unsere Industrie war komplett am Boden, wegen des Krieges, aber auch als Folge betrügerischer Privatisierungen. Ausländische Direktinvestitionen sind deshalb willkommen. Auch arabische Touristen. Doch haben wir in Bosnien-Herzegowina auch eine eigene Identität, die bewahrt werden muss."

Araber sollten sich "an unsere Gepflogenheiten halten"

Der Meinung ist auch Medina, die in Ilidza lebt: „Wenn Touristen nach Bosnien-Herzegowina kommen, sollten sie sich an unsere Gepflogenheiten halten. Und wenn man eine internationale Verkehrssprache braucht, dann sollte das Englisch sein, das verstehen mehr Leute als Arabisch."

Mujo aus Ilidza findet: „Niemand versteht, was auf diesen Tafeln steht, nur die Araber können das lesen und vielleicht ein paar Sprachstudenten. Das finde ich nicht gut. Wir sollten doch kapieren, was da steht."

Eine andere Stadtbewohnerin wäre mit einem Kompromiss zufrieden: „Zweisprachig wäre gut. Wir Anwohner sollten jedenfalls auch verstehen, um was es geht. Arabisch ist ok, wenn es auch auf Bosnisch da steht."

Mega-Projekt „Buroj-Ozone”

„Buroj-Ozone” soll die größte Touristenstadt Südost-Europas werden. Ein Investor aus Dubai will für zwei Milliarden Euro ein Areal in die unberührte bosnische Berglandschaft klotzen. Bislang stehen dort nur geheimnisvolle Steinmonumente aus dem Mittelalter, bosnisches Weltkulturerbe.

130 Hektar Hochplateau sollen bebaut werden: 2000 Villen, 75 Luxushotels, zwei Krankenhäuser, schicke Einkaufstempel, Wasserspiele und eine Moschee. Eine Stadt, die Platz bieten soll für 40.000 Menschen.

Rijad Tikvesa, Präsident des Umweltschutzverbandes EKOTIM, macht sich Sorgen: „Sie haben immer noch keine Erlaubnis. Wir sehen weit und breit keine Umweltverträglichkeitsstudie. Und dieses riesige Areal ist Teil eines Trinkwassereinzuggebietes. Sarajevo bezieht sein Frischwasser von hier. 40.000 Menschen produzieren täglich jede Menge Abwasser. Und wir haben keine Umweltverträglichkeitsprüfung, die Auskunft darüber gibt, was mit dem Abwasser geschieht”, so Tikvesa.

Das bosnische Umweltministerium bestätigt, dass noch keine Umweltverträglichkeitsprüfung vorliegt. Buroj-Topmanager Ismail Ahmad betont im Gespräch das Gegenteil, man habe wirklich alle Genehmigungen.

„Wenn die Stadt erst einmal fertig ist, dann wird es dort 10.000 bis 20.000 Jobs geben. Das war anfangs fast wie ein Traum. Niemand dachte, dass es möglich sein würde, das größte derartige Projekt in Europa mit den größten Wasserspielen Europas in einem Land zu verwirklichen, das wirklich arm ist.

Als ich das erste Mal nach Sarajevo kam, sah ich die Einschusslöcher in den Fassaden. Es sah aus, als ob das Land immer noch im Krieg sei. Doch heute sind diese Kriegsschäden beseitigt, es gibt keine Ruinen mehr. In zehn oder 15 Jahren wird sich das Investitionsklima geändert haben, dann wird alles richtig teuer sein", sagt der Geschäftsmann.

Verursacht das Geld der Golfstaaten kulturelle Verwerfungen?

Saudi-Arabien finanzierte nicht nur den Wiederaufbau zahlreicher Moscheen, sondern auch kostenlose Arabischkurse. Wir besuchen das König-Fahd-Kulturzentrum in Sarajevo. Im Klassenzimmer lernen Männer und Frauen Seite an Seite, eine Kleiderordnung gibt es nicht, einige Frauen tragen Kopftuch, andere nicht. Wir fragen sie, was sie antreibt, Arabisch zu lernen.

Kursteilnehmerin Dalila Memija sagt: „Unser Land wird von vielen arabischsprachigen Touristen besucht. Manchmal werde ich um Auskunft geben, dann fühle ich mich unwohl, wenn ich nicht auf Arabisch antworten kann, um den Weg zu erklären."

„Der Hauptgrund ist meine Koran-Lektüre. Arabisch ist keine ganz einfache Sprache. Wenn man den Koran rezitiert und nicht die genaue Übersetzung kennt, dann versteht man nicht alles. Wenn ich den Koran lese, möchte ich aber genau wissen, was ich da lese”, erklärt Kursbesucher Emir Hodzic

Lamija Ugarak sagt: „Ich bin Muslima. Unser wichtigstes Buch ist auf Arabisch verfasst. Aber ich lerne auch Türkisch, es gibt etliche Übereinstimmungen mit dem Arabischen. Das ist auch ein Grund für mich. Und dann ist da auch ein wirtschaftlicher Faktor, wie Sie wissen, haben wir hier in Bosnien viele Touristen, darunter auch viele Araber."

Saudische Hilfsgelder in den Taschen von Extremisten?

Mohammed al Alshaykh ist Direktor des Zentrums. Er betont, dass Saudi-Arabien keine einzige bosnische Moschee kontrolliere. Besteht immer noch ein Risiko, dass saudische Hilfsgelder in den Taschen radikalreligiöser Extremisten landen?

„Heutzutage wird den Geldquellen, die der Terrorismus-Finanzierung dienen könnten, genau nachgespürt. Und Saudi-Arabien gehört zu der Gruppe von Staaten mit den schärfsten Finanzkontrollen”, sagt al Alshaykh. „Wir haben wirklich strenge Gesetze verabschiedet und im Bereich der Banken alle Sicherungsmaßnahmen durchgesetzt. Internationale Kontrollgremien haben das geprüft, auch die USA, Großbritannien und einige andere Länder. Saudi-Arabien hat alles Notwendige unternommen, die Finanzströme zu kontrollieren.”

Saudi-Arabien möchte nicht länger mit radikalreligiösen, gewaltbereiten Gruppen in Bosnien in Verbindung gebracht werden. Der Sprecher des Kulturzentrums, Fikret Mehovic, zeigt uns die Sporthalle. Meldet sich eine neue Gruppe, prüft er nach: Extremisten, Nein danke.

„Unsere Priorität sind gemischte Gruppen mit unterschiedlichem ethnischen und religiösen Hintergrund aus egal welcher Gegend Bosniens. Das war schon bei der Eröffnung 2002 so. Wir sind für alle da”, sagt Mehovic.

Bosnien-Herzegowina, Rückzugsraum radikaler Salafisten

Auf dem Moscheevorplatz bieten Salafisten Räucherfleisch und Religiöses an. Öffentlicher Grund. Trotzdem wird mein Kollege blöd angemacht. Wir filmen mit versteckter Kamera. Ein Salafist will mich zum Islam konvertieren. Ein anderer dreht mir Parfüm an, Direktimport aus Syrien. Nur für Männer.

„Möchtest Du denn, dass sich jemand auf der Straße nach Deiner Frau umdreht?”, fragt er. „Wir sind eifersüchtig. Weißt Du, wir behalten unsere Frauen nur für uns. Deine Frau kann zu Hause gut für Dich riechen. Wenn das nur für Dich als Ehemann ist, dann ist das ok. Aber nicht, um damit auf die Straße zu gehen. Dann würden sich die anderen Männer ja umdrehen und Deiner Frau nachschauen. Das ist überhaupt nicht ok. Wenn Du Deine Frau liebst, dann behältst Du sie ganz für Dich."

Der Journalist und Autor Nedzad Latic schreibt oft über Salafisten. In seinem Buch „Sarajewo Armageddon” geht er mutmaßlichen Verbindungen zwischen dem Familienklan von Präsident Izetbegovic, lokaler Mafia und Salafismus nach. Vor wenigen Monaten wurde er nach dem Moscheebesuch auf dem Nachhauseweg von einem vollbärtigen Kickboxer mit kurzen Salafisten-Hosen angesprochen.

Latic erzählt nach, was er erlebt hat: „In diesem Moment griff er mich an... er schlug mich mit seiner rechten Faust, hier...und ich habe meine Tasche genommen, so... Mein Handy war kaputt.. Und auf meiner Hand sah ich auf einmal Blut... Zuerst dachte ich, mein Auge sei draußen... Dann habe ich laut geschrien: Aiih... Mit meiner Hand habe ich eine Bewegung gemacht, so... Und versucht, die Schläge zu blockieren."

Der Journalist überlebte. Wir fragen ihn, ob er glaubt, dass sich solch eine Szene wiederholen könnte.

"Na klar, na klar... Aber weißt Du... Ich habe jetzt immer Pfefferspray dabei."

Mit versteckter Kamera im Salafisten-Dorf

Viele der illegalen Salafisten-Gruppen haben sich in entlegenen Bergdörfern niedergelassen, beispielsweise in Dubnica. Die Integration in den islamischen Dachverband Bosniens verweigern sie.

Wir haben einen Termin beim offiziellen Imam von Dubnica, Muharem Mesanovic. Ein aufgeschlossener Mann, der uns stolz die Moschee zeigt. Serben zerbombten das Gotteshaus im Krieg, die lokale Bevölkerung sammelte Geld und baute alles wieder auf.

„Es gibt aber auf dem Gebiet unserer Gemeinde auch noch eine illegale Gebetsgemeinschaft. Nach dem Krieg verließen viele Serben das Dorf und verkauften ihre Häuser an Bosnier. Eine Gruppe von Häusern wurde an Salafisten verkauft, einige zogen aus Zentralbosnien hierher, andere kamen aus dem Ausland. Diese Salafisten fanden hier fruchtbaren Boden was die Erde betrifft, aber ihre Ideologie fiel hier bei uns nicht auf fruchtbaren Boden. Die übrige Dorfbevölkerung akzeptiert die salafistischen Ideen nicht”, erklärt der Imam.

Besuch im Salafistenviertel mit versteckter Kamera. Etwa 1000 radikalisierte Muslime aus den Westbalkan-Staaten zogen in den Krieg nach Syrien und Irak. 250 kamen aus Bosnien-Herzegowina. Am Dorfeingang begrüßt uns ein Poster mit Koransure. Die Frauen tragen Ganzkörperschleier.

Wir betreten den Gebetsraum der Salafisten. Doch die Interviewbitte wird beantwortet mit einem energischen „No, no, no!”

Viele Salafisten gehören quietistischen Gruppen an. Nur wenige Radikalreligiöse sind gewaltbereit. Und diese Grüppchen überwacht der bosnische Geheimdienst. Der islamische Dachverband Bosnien-Herzegowinas bemüht sich um die Resozialisierung der Salafisten. Mit Erfolg, meint der Sprecher des Großmuftis in Sarajevo, Muhamed Jusic.

„Wir haben vor zwei Jahren die Initiative gestartet, all jene, die außerhalb der offiziellen Strukturen der islamischen Gemeinschaft stehen, wieder in die muslimische Gemeinschaft, in die traditionellen Islamstrukturen zurückzuholen. Damals gab es 76 illegale Gebetsgemeinschaften, heute sind es noch 21."

Friedliches Zusammenleben und interreligiöser Dialog sind möglich. Muslimische Jugendliche singen gemeinsam mit Franziskanermönchen im Chor. Echt Sarajevo... Eine klare Beitrittsperspektive zur Europäischen Union könnte helfen, die Hoffnung auf eine Zukunft in Frieden und Harmonie zu stärken.