Borussia Dortmunds Nuri Sahin: "Ich will nur Teil des Ganzen sein"

Nachdem Mega-Transfer von Dembele zu Barcelona hat sich BVB-Profi Sahin nun verständnisvoll gezeigt. Man bekomme nicht jeden Tag ein Barca-Angebot.

Nuri Sahin hatte unter Ex-Trainer Thomas Tuchel einen sehr schweren Stand bei Borussia Dortmund. Kaum ist Peter Bosz der neue Coach, ist Sahin wieder auf dem Weg zurück zu alter Wichtigkeit. Am Montag sprach der türkische Nationalspieler im Trainingslager in Bad Ragaz mit den dort anwesenden Journalisten. Sahin über seine ersten Eindrücke von Bosz, seine verkorkste Vorsaison und warum er auf den Videobeweis verzichten könnte.

Nuri Sahin über ...

... seinen aktuellen Fitnesszustand: "Mir geht es gut. Es ist wichtig, dass ich die Vorbereitung komplett durchziehen kann, bisher habe ich noch keine Einheit verpasst und in allen Spielen Minuten bekommen. Das tut meinem Körper sehr gut und macht mich glücklich."

... seine Zeit mit Peter Bosz bei Feyenoord: "Wir haben ein Jahr zusammengearbeitet, hatten aber ehrlich gesagt nicht viele Berührungspunkte. Wir haben uns bei meiner Verpflichtung damals kurz gesehen und sonst meist während der Heimspiele."

... seinen Eindruck von Bosz: "Durchweg positiv. Er ist ein ruhiger, sehr menschlicher und korrekter Typ. Die Mannschaft hat vom gesamten Trainerteam einen positiven Eindruck. Er ist sehr akribisch und hat eine klare Philosophie, wie er Fußball spielen lassen will. Es klappt bisher ganz gut, wie er sie uns vermitteln möchte. Es macht viel Spaß, die Trainingseinheiten sind gut und ich denke, dass man in Phasen schon gesehen hat, welchen Fußball wir künftig spielen wollen. Das kommt uns allen entgegen."

... die Intensität der taktisch geprägten Einheiten: "Ich weiß, dass von außerhalb kritisch hinterfragt wird, weshalb wir hier im Trainingslager manchmal nur einmal auf dem Platz trainieren. Es ist auch verständlich, dass da Fragen aufkommen. Allerdings hat uns der Trainer erklärt, wie er sich das genau vorstellt und es aufbauen möchte. Ich kann auch für meine Mannschaftskollegen sprechen: Wir sind abends ziemlich müde und sehr froh, ins Bett zu fallen. Es wäre falsch, Vergleiche zu vorherigen Trainern zu ziehen. Die Einheiten, die wir machen, sind sehr intensiv. Da ist viel Input dabei, auch für den Kopf. Wir haben viele Videositzungen, deren Wichtigkeit man bei einem neuen Trainer nicht unterschätzen sollte."

... die von Bosz angekündigte Vier-gegen-Vier-Einheit: "Die kommt für uns, die wir gegen Espanyol gespielt haben, morgen. Die anderen Jungs haben nicht den Eindruck gemacht, als ob man da am selben Tag noch einmal trainieren oder gar spielen könnte. (lacht) Wir wurden also schon vorgewarnt und haben morgen das große Glück, es auch einmal ausprobieren zu dürfen."

... das Risiko in Boszs bevorzugter Spielweise: "Wenn man hoch steht, muss gerade in der Defensive alles passen. Ich finde die Ansätze super und glaube, dass wir mit den Trainingseinheiten und den Spielen immer eingespielter und besser werden. Im Testspiel gegen Essen hatte ich nach zehn, 15 Minuten das Gefühl, dass es nicht so einfach werden könnte. Aber mit jedem Spiel haben wir uns verbessert, auch trotz der Niederlage gegen Espanyol. Ich hatte nicht den Eindruck, dass Espanyol glücklich ist, wie wir gegen sie alles dicht gemacht haben."

... Veränderungen der Sechser-Rolle unter Bosz: "Wir sind näher am Tor, vielleicht schießen wir jetzt auch mal eins. (lacht) Wir Sechser stehen zehn, 15 Meter höher. Das kommt mir entgegen. Wenn wir die Räume klein halten und schnell ins Gegenpressing kommen, ist das für uns gut. Dann können wir nicht immer nur den vorletzten, sondern vielleicht auch mal den letzten Pass spielen und kommen öfter zum Abschluss. Das spüre ich auch bereits in den Spielen: Wenn ich mich clever bewege, komme ich häufiger in Abschlusssituationen."

... das Gefühl, wieder fester Bestandteil des Teams zu sein: "Ich habe positive wie negative Phasen in meiner Karriere erlebt, die einen auch reifen lassen und einfach dazugehören. Ich will meinen Teil dazu beitragen, dass Borussia Dortmund eine gute Saison spielt und am Ende am besten etwas in der Hand hält. Ich bin ein Teamplayer. Mir ist es wichtig, Teil eines Ganzes zu sein und das spüre ich gerade. Ich sage nicht, dass ich der wichtigste Spieler oder derjenige sein muss, der alles entscheidet. Nein, ich will nur Teil des Ganzes sein und dazu beitragen, dass wir erfolgreich sind. Diese Wertschätzung bekomme ich momentan und das tut mir sehr gut."

... seine verkorkste Vorsaison: "Ich habe ehrlich gesagt ein zu großes Selbstbewusstsein und viel Talent vom lieben Gott bekommen, um an mir zu zweifeln. Ich möchte nicht mehr groß über die Vergangenheit reden, sondern freue mich wirklich sehr auf die neue Saison. Ich finde, ich bin körperlich auf einem guten Niveau und ich habe sehr viel Spaß am Fußball. Ich trainiere sehr gerne und freue mich über jede Minute, die ich bekomme. Was passiert ist, ist passiert - das gehört dazu. Niemand kennt diese Ups und Downs besser als ich."

... das Supercup-Duell mit dem FC Bayern: "Es geht um einen Titel, den wir natürlich holen wollen. Das wird für uns ein Gradmesser, denn man kann seine eigene Spielweise gegen keinen besseren Gegner als die Bayern ausprobieren. Wir wollen sehen, wo wir stehen, aber das Spiel auch gewinnen. Das Ergebnis wird am Ende auch nicht darüber entscheiden, wie man am ersten Spieltag in die Bundesliga startet. Es ist ein Finale, die beiden besten deutschen Vereine spielen gegeneinander - und wir wollen diesen Pokal holen."

... die Anstrengungen, nun in seine zwölfte Profisaison zu gehen: "Ich komme noch gut aus dem Bett. Ich habe mit vielen Spielern Kontakt, die mittlerweile aufgehört haben, aber zu meiner ersten Phase als Profi in meinem jetzigen Alter waren. Ich frage die immer: Warum hast du aufgehört, weshalb so früh, weshalb so spät? Der eine sagt dann, er kam nicht mehr aus dem Bett. Der andere meint, er hatte keine Lust mehr auf Fußball oder konnte den Trainer und seine Teamkollegen nicht mehr sehen. Ich werde jetzt 29 und muss sagen, dass ich mich wirklich freue, denn ich habe das Gefühl, in den nächsten Jahren kommt nochmal etwas. Darauf freue ich mich und hoffe natürlich, dass auch der Körper entsprechend mitmacht."

... die Komplexität von Boszs Anforderungen: "Es braucht schlichtweg Zeit, das ist einfach so. Das hat auch nichts mit dem Spielsystem von Peter Bosz oder eines anderen Trainers zu tun. Wir konnten bei unserer Asienreise nicht so viele Umfänge trainieren. Wenn man die Entwicklung in den Testspielen sieht, angefangen von Essen bis jetzt zu Espanyol, dann muss jeder mit Ahnung vom Fußball konstatieren, dass es immer besser wird. Es ist eine Frage von Trainingseinheiten und Spielen. Ich glaube, dass jeder weiß, worum es geht und was wir machen wollen. Jetzt müssen wir es nur tun, ausprobieren, Fehler machen, korrigieren - und spätestens mit dem Start in den DFB-Pokal soll das große Ganze stehen. Wir erfinden ja den Fußball auch nicht neu, sondern wir stehen etwas höher im Feld."

... den Rücktritt des türkischen Nationaltrainers Fatih Terim: "Ich habe einen engen Draht zu ihm. Das ist eine Entscheidung, über die ich nicht so viel sagen kann. Wir hatten auch noch nicht die Gelegenheit, persönlich darüber zu reden. Das wird aber bestimmt in den nächsten Tagen geschehen. Ich denke, dass er in den letzten dreieinhalb Jahren eine gute Arbeit abgeliefert hat. Wir haben uns für die EM qualifiziert, was für uns ja nicht immer selbstverständlich gewesen ist."

... über die Einführung des Videobeweises: "Ich fand die Einführung der Torlinientechnologie sehr wichtig, den Videobeweis dagegen unnötig. Der Fußball lebt von diesen schnellen Entscheidungen. Wenn man dann auf dem Platz steht und es dauert, auch wenn es nur eine Minute ist, finde ich das grenzwertig. Es wird aber bestimmt auch Momente geben, in denen ich mich darüber freue, dass das Abseits vom Gegner doch noch gesehen wurde - und mich beim Gegenteil darüber ärgere. Ob das dem Fußball aber gut tut? Ich könnte jedenfalls darauf verzichten."