Boris Becker wird 50: Wie ein sterbender Gallier die Tenniswelt verzückte

Tommy Gaber
Editor Yahoo Sports

Der größte deutsche Tennisspieler aller Zeiten feiert am Mittwoch seinen 50. Geburtstag. Über viele Jahre hielten Millionen Deutsche den Atem an, wenn Boris Becker auf dem Tenniscourt jubelte, hechtete und fluchte. Eine Hommage an einen Weltsportler. 

Der Start einer Traum-Karriere: Boris Becker gewinnt 1985 zum ersten Mal Wimbledon

Beckers Kickaufschlag gerät zu kurz. Derrick Rostagno sliced den Ball mit der Rückhand longline mit Spin nach außen in die Ecke. Becker quetscht die Filzkugel im Straucheln mit der Vorhand kurz cross. Rostagno muss nur noch den Schläger hinhalten, lässig abvolleyieren und die Nummer ist durch. Doch der Tennis-Gott hat etwas dagegen. Der Ball tropft auf die Netzkante und springt in hohem Bogen über Rostangos Kopf. Der reißt noch das Rackett hoch, an einen kontrollierten Volley ist aber nicht zu denken. Ball im Aus, Punkt Becker, Matchball abgewehrt, 6:6 im Tiebreak.

Es sind diese Punkte, diese ausweglosen Situationen, aus denen sich Boris Becker im Laufe seiner Karriere immer wieder rausgezogen hat, die ihn als Tennisspieler so unwiderstehlich gemacht haben.

Zwei Monate nach seinem dritten Wimbledon-Sieg stand Becker in der 2. Runde der US Open gegen “Nobody” Rostango unmittelbar vor dem Aus. Vier Sätze lang lief wenig zusammen beim Deutschen, während Rostagno das Tennis seines Lebens spielte. Doch der Amerikaner machte das Ding einfach nicht zu. Becker holte einen 0:2-Satzrückstand auf, wehrte im vierten Satz zwei Matchbälle ab, gewann das Match und anschließend auch das Turnier. Sein vierter Grand-Slam-Titel und der erste in New York.

17-Jährigster Leimener aller Zeiten

Mit seinem Wimbledon-Triumph 1985, als er als 17-Jähriger und erster ungesetzter Spieler das wichtigste Tennisturnier der Welt gewann, löste einen nie da gewesenen Tennis-Boom in Deutschland aus. Er bereitete Millionen Deutschen schlaflose Nächte. Wecker stellen um 3 Uhr morgens für ein Becker-Match bei einem Allerwelts-ATP-Turnier war die Regel. Schule schwänzen, wenn sich Becker bei den Australian Open wieder mal durch ein Erstrundenmatch quälte? Alternativlos.

Becker-Hecht, Becker-Faust, Becker-Frust – mit keinem anderen Sportler fieberten die Deutschen Generationen übergreifend so mit, wie mit dem “17-jährigsten Leimener aller Zeiten“ (Tennis-Starkommentator Gerd Szepanski). Wenn Becker litt, litten auch seine Fans; Niederlagen machten ihn noch beliebter. “Schauen Sie mal in dieses Gesicht, wenn der verliert – wie der sterbende Gallier! Großartig”, jubelt Kabarettist Gerhard Polt in seiner legendären Episode “Longline”.

Neunmal drehte Becker bei einem Grand-Slam-Turnier einen 0:2-Satzrückstand noch um, sechsmal holte er sich den Titel bei einem der größten vier Turniere des Jahres. Er führte Deutschland zu zwei Davis-Cup-Triumphen, war dreimal ATP-Weltmeister, holte Olympia-Gold an der Seite von Michael Stich und stand 1991 für insgesamt zwölf Wochen an der Spitze der der Weltrangliste.

Die Schlacht von Hartford

Sein vielleicht legendärster Auftritt war 1987 in der amerikanischen Kleinstadt Hartford. Im Kampf gegen den Abstieg aus der Davis-Cup-Weltgruppe musste das DTB-Team gegen die USA mit deren Superstar John McEnroe antreten. 15.000 fanatische Fans, immer wieder angestachelt von den US-Spielern und -Betreuern, machten die drei Tage für Becker und Co. zur Reise durch die Hölle.

Becker spielte im zweiten Einzel des ersten Tages gegen McEnroe. Nach unfassbaren 6 Stunden und 39 Minuten verwandelte er seinen ersten Matchball zum 4:6, 15:13, 8:10, 6:2, 6:2-Sieg. Anschließend schnappte sich Becker eine überdimensionale deutsche Fahne und lief damit mehrfach den ganzen Platz ab, begleitet von einem gellenden Pfeifkonzert der Zuschauer.

Becker war besessen von seinem Sport und setzte dabei seine Gesundheit aufs Spiel. “Wenn man im Leistungssport nicht über seine Grenzen hinausgeht, hat man keine Chance”, sagte er in der ARD-Dokumentation “Boris Becker – der Spieler”. Der Grenzgänger bezahlt nun den Preis für die Strapazen. Becker hat eine schwere Arthrose im rechten Fuß, nach jahrelangen Schmerzen und starker Beeinträchtigung in der Bewegung ließ sich Becker im Sommer 2017 von einem Spezialisten in der Schweiz operieren. Er hofft, nicht nur wieder richtig gehen, sondern auch wieder Tennisspielen zu können.

Grandioses Comeback in Wimbledon

Verletzungen waren auch während seiner aktiven Zeit ein ständiger Begleiter. 1993 hing seine Karriere daher am seidenen Faden. Bei den Australian und den French Open schied er jeweils in der ersten Runde aus, erstmal seit 1985 gewann er kein Turnier. Doch Becker fightete sich wieder ran und legte 1995 in seinem Wohnzimmer Wimbledon noch einmal zwei geniale Auftritte hin.

Im Viertelfinale spielte er Cedric Pioline zwei Sätze lang an die Wand, ehe der Franzose die nächsten beiden jeweils im Tiebreak gewann. Im fünften Satz lag Becker bereits 1:4 zurück, wehrte mehrere Machtbälle ab und gewann den Satz mit 9:7. “Solche Spiele gewinnt nur Boris Becker. Er war nie das größte Talent, aber kein Gegner kann in der Crunchtime so ecklig sein wie er”, urteilte John McEnroe in seiner Funktion als TV-Experte.

Im Halbfinale war Becker gegen Andre Agassi dennoch klarer Außenseiter und sah in den ersten eineinhalb Sätzen keine Sonne. 2:6, 1:4, zwei Breaks hinten nach knapp einer Stunde. Plötzlich änderte Becker seine Strategie und bearbeitete Agassi, den damals unumstritten besten Returnspieler der Welt, mit harten Schlägen von der Grundlinie – ein gänzlich Becker-untypischer Stil.

Agassi kam damit überhaupt nicht klar und musste in vier Sätzen klein beigeben. Auch wenn Becker im Finale gegen den unbesiegbaren Pete Sampras letztlich chancenlos war, stellte er die Tenniswelt noch einmal auf den Kopf.

Beckers Karriereende 1999 kommentierte Gerd Szepanski mit den Worten: “Die Sportart Becker ist tot.” Damit ist alles gesagt. Becker hat Millionen Tennisfans auf der ganzen Welt unvergessliche Momente beschert. Er gehört ohne Zweifel zu den größten Tennisspielern und den größten deutschen Sportlern aller Zeiten.