Bootstrapping, Apple-Bühne, Shitstorm: Wie diese Gründer einen internationalen Hit starteten

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Kein VC-Geld, dafür viel Ausdauer: Die Ulysses-Gründer Max Seelemann und Marcus Fehn (v.l.)
Kein VC-Geld, dafür viel Ausdauer: Die Ulysses-Gründer Max Seelemann und Marcus Fehn (v.l.)

„Ich war 16, damals gab es kein Social Media und keine Foren, nur Mailinglisten.“ Sagt Max Seelemann und blickt damit auf eine Zeit von weniger Ablenkung zurück. Und an die Anfänge seines Software-Startups, das er seit vielen Jahren erfolgreich betreibt. Denn in solch einer Mailingliste fand er eine Aufgabe: „Jemand hatte eine App-Idee und suchte Programmierer. Ein Schreibprogramm für Romanautoren sollte es sein.“ Seelmann ging zwar noch zur Schule. Aber er war sich sicher, das schaffen zu können.

Derjenige, der die Idee in der Mailingliste geteilt hatte, war der 15 Jahre ältere Marcus Fehn. „Marcus brauchte Geld für seine Familie“, erinnert sich Seelemann. Eine ganze Zeit lang blieb die Autorensoftware das Hobby der beiden. Während er, heute 34, weiter zur Schule ging und Fehn noch im Job bei einer Werbeagentur war, bastelten sie gemeinsam an Ulysses. Die erste Version kam 2003 auf den Markt. Das Echo war zunächst noch verhalten. Seelemann studierte Informatik in Dresden, bestand mit Auszeichnung.

20.000 Euro Umsatz in der ersten Woche

„Dann kam der Apple App Store heraus, und das hat alles für uns verändert“, sagt Seelemann. Das Duo stellte seine Software in den Store und die Nachfrage explodierte. „Wir haben in der ersten Woche 20.000 Euro Umsatz gemacht.“ Nach zwei Wochen hatten die beiden fast so viel Geld eingenommen wie im gesamten Jahr zuvor. Das Geschäft mit der Software reizte Seelemann so sehr, dass er seine Promotion an den Nagel hing und zum Gründer wurde. Fehn war gerade am Elternzeit und nutzte die Gelegenheit. The Soulmen nannte das Duo seine Firma in Leipzig.

Bis 2011 hielten sie sich mit der ursprünglichen Version ihres Textprogramms über Wasser, doch sie erkannten, dass ein Neuanfang notwendig war. „Mit einem ehemaligen Hobbyprojekt konnten wir uns nicht schnell genug weiterentwickeln“, sagt Seelemann. Im Jahr 2013 veröffentlichten sie ihr „richtiges“ Produkt. Seelemann und Fehn rechneten mit drei bis vier Monaten für die Entwicklung, es wurden aber 18. „Fast hätten wir uns verhoben“, sagt Seelemann. „Wir brauchten zwei zusätzliche Mitarbeiter und konnten die kaum bezahlen.“

Im Apple-Rampenlicht.
Im Apple-Rampenlicht.

2016 bezeichnet Seelemann heute als „Killer-Jahr“. Nicht nur veröffentlichte die Leipziger Firma eine Ulysses-Version für das iPhone. Auch wurde das Produkt mit dem Apple Design Award ausgezeichnet. Seelemann und Fehn standen in San Francisco auf der großen Apple-Bühne während ein Manager ihre Software lobte. Überall auf der Welt berichteten Medien darüber. Doch für das Leipziger Duo folgte nicht nur Ruhm: „Dann kam eine Sinnkrise“, erinnert sich Seelemann. „Wir wussten, dass wir nicht noch einmal auf eine neue Plattform wie das iPhone springen können. Und einen Apple Design Award würden wir auch nicht noch einmal bekommen.“

Ein Shitstorm von internationalem Ausmaß

Die beiden Gründer blieben standhaft, bauten neue Funktionen in ihre Software – die ja gerade so erfolgreich war, weil sie nicht mit Features überfrachtet war. „Das wurde immer schwieriger. Wir wollten nicht auf jeden Hype aufspringen und nur auf Neukundenfang gehen.“ Und der nächste Schlag ließ nicht lange auf sich warten. „Wir haben etwas blauäugig auf Abonnements umgestellt“, sagt Seelemann. Auch um stetigere Einkünfte zu haben, zehn Mitarbeiter hatten die beiden Gründer zu bezahlen.

Doch weil Software-Abos bei kleineren Entwicklern noch sehr selten waren, folgte ein Shitstorm. „Wir haben damals 10.000 Beschwerdemails innerhalb von sechs Wochen bekommen“, erinnert sich Seelemann. „Es herrschte eine super negative Stimmung. Und es hat ein halbes Jahr gedauert, bis keine Mails deshalb mehr kamen.“ Im App Store, der den Erfolg von Ulysses erst möglich gemacht hatte, hagelte es 1-Stern-Bewertungen. Auch darüber berichteten einige Medien. „Ein Abomodell ist wahnsinnig viel komplizierter als reiner Verkauf“, weiß Seelemann heute. Außerdem habe das Team damals wenig Erfahrung in der Öffentlichkeitsarbeit gehabt. „Wir wollten uns aber weder entschuldigen noch verbiegen“, sagt der Gründer.

„Es hat viele Schmerzen gebracht, aber wir waren danach bekannter“, so Seelemann heute. Doch damals konnte er noch nicht so klar denken. „Wir sind direkt ins nächste Loch gefallen.“ Das Unternehmen erreichte einige Ziele nicht, und es sei damals knapp gewesen, ob sie ihr Unternehmen weiterführen können. „Wir mussten uns dann viel mehr mit dem Geschäftsmodell auseinandersetzen statt nur mit dem Produkt.“

Heute beschäftigt die Ulysses GmbH – nicht mehr The Soulmen – mehr als 20 Mitarbeitende und Mitgründer Seelemann ist froh, diesen ein besseres Lohnniveau und Arbeitsumfeld bieten zu können als er das in den Anfangsjahren konnte. Und die Firma profitiert vom Abomodell: „Die Umsätze sind viel stabiler und besser vorhersagbar.“ Rund 50.000 Personen hätten derzeit ein aktives Abonnement, 50 Euro im Jahr kostet dieses.

Kein VC-Geld – aus Prinzip

Der Standort Leipzig biete dabei nach wie vor große Vorteile – auch wenn die Lebenshaltungskosten nicht mehr so niedrig sind, wie sie es einmal waren. „Dass es uns noch gibt, und dass wir überhaupt als Firma entstehen konnten, liegt auch am Standort“, glaubt Seelemann. Auch, weil es talentierte Berlin- und Hamburgflüchtige dorthin gezogen habe.

Das Duo ist mit Ausnahme von Krediten von Seelemanns Eltern bislang ohne externes Geld ausgekommen. „Das ist gut, weil es zu verantwortungsvollem Handeln zwingt“, sagt Seelemann. „Wenn du externes Kapital aufnimmst, muss dir das Produkt im Endeffekt egal sein“, glaubt er – weil Investoren krude Wachstumsmetriken verlangten.

Dass sich Ulysses mittlerweile gegen zahllose Konkurrenten mit Namen wie Scrivener, iA Writer, Bear oder Final Draft behaupten muss, lässt sich Seelemann egal sein. „Wir haben unseren ganz eigenen Fokus.“ Deshalb schaue er auch vornehmlich auf seine Firma. Und überlegt, wie sich die eigene Vision klar darstellen lässt. „Implizit ist uns das über die Jahre natürlich klar geworden. Aber Bewerber kennen unsere Geschichte ja nicht.“

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