Bombe oder Brandstiftung? Was hat die ukrainischen Kriegsgefangenen getötet?

Zerstörte Gefängniszellen und stark verkohlte Leichen im Lager Oleniwka in Donezk. Wie sind die ukrainischen Kriegsgefangenen vom Asow-Regiment getötet worden? Von russischer und ukrainischer Seite kommen  gegenseitige Beschuldigungen, Aufrufe zu Hinrichtungen und Forderungen nach Vergeltung.

Nach der Tötung Dutzender ukrainischer Kriegsgefangener des Asow-Regiments in russischer Gefangenschaft haben Angehörige in Kiew demonstriert und Informationen gefordert. Viele der Menschen waren schwarz gekleidet.

"Mein Sohn war dort", sagt die Mutter eines Soldaten, der in dem Lager Oleniwka gefangen gehalten wird. "Ich weiß nicht, wie es ihm geht, wo er ist, ob er lebt oder nicht."

Nach russischen Angaben sind bei einem angeblich ukrainischen Angriff auf das Gefängnis über 50 Inhaftierte getötet und mehr als 70 weitere verwundet worden. Das russische Verteidigungsministerium in Moskau hat am Samstag eine Liste mit Namen von getöteten und verletzten Gefangenen veröffentlicht.

Sollten die ukrainischen Gefangenen zum Schweigen gebracht werden?

Beide Seiten behaupteten, der Angriff auf das Gefängnis sei vorsätzlich erfolgt und habe dazu gedient, die ukrainischen Gefangenen zum Schweigen zu bringen und Beweise zu vernichten, auch für mögliche Gräueltaten.

In dem Gefängnis waren nach russischen Angaben 193 ukrainische Soldaten gefangen. Der ukrainische Militärgeheimdienst teilte mit: "Die Explosionen ereigneten sich in einem neu errichteten Gebäude, das speziell für die Gefangenen aus Azovstal hergerichtet wurde."

Von Russland unterstützte Separatisten haben ein Video auf dem Telegramm-Kanal der Miliz veröffentlicht, das die Folgen des Angriffs zeigen soll. Zu sehen sind weitreichende Zerstörungen, verbrannte Gefängniszellen, zerstörte Etagenbetten und stark verkohlte Leichen.

In der Baracke war in der Nacht auf Freitag angeblich eine Rakete eingeschlagen. Russland schiebt den Treffer auf die präzisen Himars-Mehrfachraketenwerfer aus den USA, die die ukrainische Armee einsetzt.

Die Ukraine bestreitet einen Angriff und sagt, vieles auf den Aufnahmen würde auf Brandstiftung hinweisen. Das sehen auch andere so. "Das verfügbare optische Material scheint die ukrainische Darstellung eher zu stützen als die russische", schrieb das US-Institut für Kriegsstudien (ISW), ohne sich endgültig festzulegen. "Russland soll Dutzende ukrainische Kriegsgefangene getötet haben", sagte der EU-Außenbeauftragte Josep Borell.

Russische Botschaft UK ruft zu "demütigendem Tod" für Asow-Kämpfer auf

Die russische Botschaft in Großbritannien twitterte, die "Militanten von Asow hätte eine Hinrichtung" und einen "demütigenden Tod" verdient.

Sie sollten nicht durch ein Erschießungskommando sterben, sondern durch Erhängen, weil sie keine echten Soldaten seien, lautet der Tweet. Im Netz löste diese Aussage von offizieller diplomatischer Stelle eine Welle des Entsetzens und viele wütende Kommentare aus. 

Auch der ukrainische Sprecher Oleg Nikolenko verurteilte die russische Haltung. Er sagte, es bestehe keinen Unterschied zwischen russischen Diplomaten, die zur Hinrichtung ukrainischer Kriegsgefangener aufrufen, und russischen Truppen, die das tun.

Selenskyj will Vergeltung

Präsident Wolodymyr Selenskyj Vergeltung angekündigt. Es handele sich um ein vorsätzliches russisches Kriegsverbrechen, sagte der Präsident in einer Videobotschaft. Erneut forderte er die Weltgemeinschaft auf, Russland offiziell als Terrorstaat einzustufen.

Präsident Selenskyj sprach von einem "Terroranschlag, der von russischen unmenschlichen Monstern" verübt worden sei. "Die Vereinten Nationen (UN) und das Internationale Komitee vom Roten Kreuz (IKRK), die das Leben und die Gesundheit unserer Kriegsgefangenen garantieren sollten, müssen umgehend reagieren", forderte der Staatschef.

Erstmals seit Beginn des russischen Angriffskrieges auf die Ukraine vor mehr als fünf Monaten haben die Außenminister der USA und Russlands miteinander telefoniert. Antony Blinken und Sergej Lawrow sprachen über einen möglichen Austausch von Inhaftierten. Moskau fordert nach US-Medienberichten, auch den mutmaßlichen wegen des Tiergartenmords in Berlin verurteilten russischen Geheimagenten mit einzubeziehen.

Der sogenannte Tiergartenmord vom August 2019 hatte zu diplomatischen Verwerfungen zwischen Deutschland und Russland geführt. Damals war ein Tschetschene mit georgischem Pass in der Parkanlage Kleiner Tiergarten in Berlin von einem Russen erschossen worden. Das Kammergericht Berlin verhängte gegen den Mann lebenslange Haft. Nach Überzeugung der Richter handelte er im Auftrag staatlicher russischer Stellen. Moskau hat den Vorwurf bislang zurückgewiesen.

***

Wir möchten einen sicheren und ansprechenden Ort für Nutzer schaffen, an dem sie sich über ihre Interessen und Hobbys austauschen können. Zur Verbesserung der Community-Erfahrung deaktivieren wir vorübergehend das Kommentieren von Artikeln.