Bombardier in der Bredouille


Ist das der Todesstoß für einen Hoffnungsträger? Das US-Handelsministerium will die C-Serie, den nagelneuen Mittelstreckenjet des kanadischen Herstellers Bombardier, mit einem Importzoll von sage und schreibe 220 Prozent belegen. Zwar muss die Entscheidung noch bestätigt werden. Zudem könnte sie von der US International Trade Commission wieder einkassiert werden. Doch deren Entscheidung wird wohl erst im kommenden Jahr fallen.

Vor Bombardier und den Kunden für das neue Flugzeug liegen also Monate der Unsicherheit. Schon wird in der Branche diskutiert, was die US-Airline Delta nun mit dem Auftrag für Bombardier macht. Delta hat 75 CS100 fest bestellt und sich eine Option auf bis zu 50 weitere Maschinen gesichert. Delta verweist darauf, dass die Entscheidung des Handelsministeriums bisher nur vorläufig sei. Für die Anleger jedoch ist der Importzoll mehr als nur eine vorläufige Entscheidung: Die bis 2021 laufenden Anleihen von Bombardier brachen nach der Bekanntgabe durch das US-Handelsministeriums ein.


Angezettelt hat den Fall der Rivale Boeing. Der hatte aus dem kolportierten Kaufpreis, den Delta und Bombardier für die 125 Flugzeuge ausgehandelt haben sollen, einen Stückpreis von 19,6 Millionen Dollar errechnet. Laut Liste kostet eine CS100 aber 76,5 Millionen Dollar. Zwar sind kräftige Preisnachlässe gerade bei wichtigen und großen Kunden in der Luftfahrt Standard. Doch ein solcher Rabatt, sollte er stimmen, wäre schon außergewöhnlich.

Boeing wirft dem Rivalen deshalb vor, das neue Flugzeug zu Dumpingpreisen in den Markt drücken zu wollen, die nur durch staatliche Subventionen möglich seien. Bombardier hatte sich mit der insgesamt sechs Milliarden Dollar teuren Entwicklung der C-Serie mächtig verhoben und war in eine finanzielle Schieflage geraten. Mittlerweile ist die C-Serie in ein eigenes Unternehmen ausgelagert, an dem neben Bombardier auch die Provinz Quebec beteiligt ist.


Bombardier widerspricht der Rechnung von Boeing, ebenso dem Vorwurf von Dumpingpreisen. Zudem verweist man darauf, dass die C-Serie mit einer Sitzzahl von bis 130 Plätzen einen Markt anspreche, für den Boeing selbst gar kein Flugzeug habe. Der Rivale sei von der Bestellung etwa durch Delta gar nicht betroffen, heißt es.

Deshalb überrascht es nicht, dass die Entscheidung des amerikanischen Handelsministeriums bei der kanadischen Regierung heftigen Widerspruch erntet. „Das geschieht einzig mit dem Ziel, Bombardiers C-Serie vom amerikanischen Markt zu eliminieren“, wetterte Chrystia Freeland, die Außenministerin des Landes. Premierminister Justin Trudeau hatte bereits angekündigt, kein Militärgerät mehr bei Boeing kaufen zu wollen, sollte die USA massiv gegen Bombardier vorgehen.


Dringender Modernisierungsbedarf


Für Bombardier ist die Entscheidung bitter. Mit der C-Serie wollen die Kanadier bei kleineren Mittelstreckenjets das Duopol von Airbus und Boeing aufbrechen. „Die C-Serie bietet nie dagewesene Innovationen. Wir sind mit vielen potenziellen Kunden in Kontakt“, hatte sich der zuständige Spartenchef Fred Cromer im Gespräch mit dem Handelsblatt im Frühsommer auf der Luftfahrtmesse in Le Bourget bei Paris optimistisch gezeigt. Doch für einen echten Durchbruch ist das Unternehmen auf einen richtig großen Kunden angewiesen.

Der fehlte lange Zeit, auch wenn die Lufthansa-Tochter Swiss das Flugzeug geordert und bereits im Einsatz hat. Deshalb ist der Megaauftrag von Delta so wichtig. Denn andere US-Airlines könnten diesem Beispiel folgen. Amerikanische Fluggesellschaften fliegen altes Gerät und müssen ihre Flotten dringend modernisieren.


Am unteren Rand des Marktes für Mittelstreckenflugzeuge ist ein regelrechter Wettlauf entbrannt. Nicht nur Bombardier drängt in das Geschäft, das seit langem von Airbus und Boeing dominiert wird. Embraer schickt die 195-E2 ins Rennen, der japanische Hersteller Mitsubishi seine MRJ 90. Und der russische Rivale Sukhoi hat den Superjet 100 entwickelt. Noch sind diese Flugzeuge in der Regel kleiner als die A320 oder die Boeing 737. Aber größere Versionen sind geplant.

Am weitesten ist hier Bombardier, eine Erklärung für das harte Vorgehen von Boeing. Die C-Serie von Bombardier gibt es bereits in einer 300er-Variante. Branchenexperten sprechen den Kanadiern die besten Aussichten zu, das Duopol zu knacken. „Dafür ist es notwendig, dass Bombardier seine Finanzprobleme überwinden und seine Auftragsbücher langfristig füllen kann", heißt es in einer Studie der Beratungsgesellschaft Alix Partners. Das dürfte nach der aktuellen Entscheidung des US-Handelsministeriums nun wohl noch schwieriger werden.

KONTEXT

Bombardier in Deutschland

Berlin

In der Zentrale von Bombardier Transportation sind 540 Mitarbeiter beschäftigt.

Stand: September 2016

Bautzen

Hier finden die Montage von Doppelstockzügen und die Entwicklung und Produktion von Straßenbahnen statt. Beschäftigte: 1150.

Braunschweig

In dem Werk werden Bahnsteuerungssysteme entwickelt. Beschäftigte: 120.

Görlitz

Hier werden Doppelstockzüge und der ICE 4 produziert. Beschäftigte: 1970.

Hennigsdorf

An dem Standort in Brandenburg entwickelt und produziert Bombardier S-Bahnen, U-Bahnen und Regionalzüge.

Kassel

Hier werden Lokomotiven entwickelt und produziert. Beschäftigte: 700.

Mannheim

An dem Standort wird die Entwicklung und Produktion von antrieben und Steuerungstechnik betrieben. Mitarbeiter: 960.

Siegen

Hier entwickelt und produziert Bombardier Drehgestelle. Beschäftigte: 700.