Der Bolzplatz, die Schule der Politiker


Bis vor Kurzem waren in Lateinamerika die Universitäten die wichtigsten Durchlauferhitzer für politische Karrieren. Vor allem die Jungpolitiker aus der Mittelschicht nutzten zu Diktaturzeiten die mehr oder weniger vor den Militärs geschützten Universitätsgelände, um Politik zu üben. Dabei ging es durchaus realistisch zu: Als ich den achtziger Jahren an der Wirtschaftsfakultät der staatlichen Universität in Buenos Aires zwei Auslandssemester lang studierte, fanden nur ein paar Wochen regulär Vorlesungen statt.

Der Rest die Zeit verbrachten die Studenten mit Politik. Sie agitierten so ernsthaft und bekämpften sich in Scharmützeln und Intrigen, als ginge es um ihr Leben. Die meisten der linken Politiker, die heute am Ruder sind, haben sich in der Studentenpolitik warmgelaufen. Bis heute sind die öffentlichen Universitäten in Lateinamerika stark politisiert – mit dem Nebeneffekt, dass die Studenten dort meist länger brauchen für den Abschluss wegen der oft monatelangen Streiks.

Doch das ändert sich gerade mit dem politischen Trendwechsel in Lateinamerika von links zu konservativ: Nicht mehr der Campus ist die Spielwiesen für künftige Politikergenerationen in Lateinamerika. Die neueste Präsidentenriege hat die Politik in den Erstliga-Fußballvereinen geübt.

Das gilt für die Staatsoberhäupter in Argentinien, Chile und Paraguay – alles wohlhabende bis schwerreiche Unternehmer: So kehrte der Unternehmersohn Mauricio Macri nach einem Streit mit seinem Vater dem Familienkonzern den Rücken und wurde 1996 Präsident bei Boca Juniors. Er organisierte den legendären, aber völlig heruntergekommenen Klub neu. Unter seiner Präsidentschaft bis 2008 erlebte Boca eine Glanzzeit und holte die meisten Titel seiner Geschichte. Nach dem Amt bei Boca Juniors wurde Macri zweimal zum Bürgermeister von Buenos Aires gewählt und Ende 2015 schließlich zum Präsidenten Argentiniens.


Auf der anderen Seite der Anden kaufte Sebastián Piñera Anteile an einer Holding, die Colo Colo, den erfolgreichsten Fußballverein Chiles, kontrolliert. Als er erstmals 2010 als Präsident antrat, will er die Anteile am Klub verkauft haben. Doch gerade jetzt zu Beginn seiner zweiten Amtszeit als Präsident Chiles taucht die Verbindung des reichsten Mannes Chiles mit Colo Colo wieder in den Biografien auf.

Horacio Cartes ist einer der wohlhabendsten Unternehmer Paraguays und gleichzeitig Präsident des Fußballvereins Libertad. Unter dem Unternehmer stieg der Verein in die erste Liga auf, gewann dreimal den Titel und kam 2006 sogar ins Halbfinale bei der Copa Libertadores, der lateinamerikanischen Champions League.

Lediglich Tabaré Vázquez in Uruguay weicht als Sozialdemokrat und Onkologe ein bisschen vom Schema der konservativen, schwerreichen Unternehmer in den Vereinen der Region ab. Doch auch Vázquez war Präsident von Atlético Progreso, als der Verein das einzige und erste Mal in seiner Geschichte Champion wurde. Wie der Verein stammt auch der zweifache Präsident aus dem Arbeiterviertel La Teja in der Hauptstadt Montevideo.

Warum nun Fußballklubs zu den bevorzugten Politikschulen der konservativen Minister geworden sind, lässt sich ganz einfach erklären: Die Elitesprösslinge wachsen in den zwischen Reich und Arm gespaltenen Gesellschaften Südamerikas isoliert unter ihresgleichen auf. Sie leben in abgeschlossenen Wohnvierteln. Sie studieren an privaten Eliteschulen und Universitäten, oftmals sogar im Ausland. Ihre Freizeit verbringen sie in Klubs und den Zirkeln der Wohlhabenden – kurz: Was die Mehrheit der Menschen in ihren Ländern denkt und beschäftigt, bekommen sie kaum mit. Niemand kennt sie zudem.


In den Fußballklubs ist das anders: Die Traditionsvereine sind Haifischbecken mit verfeindeten Fraktionen und wirtschaftlichen Interessen. Präsident wird man nicht wegen seines Namens oder der Elite-Herkunft. Man kann auch nicht einfach befehlen, wie in seinem eigenen Unternehmen. Man muss lernen, zu überzeugen, zu integrieren, Kompromisse einzugehen, Mehrheiten zu beschaffen, mit Politikern, Beamten und Unternehmen komplex zu verhandeln – also kurz: Man muss Politik machen. In den Klubs lernen die künftigen Präsidenten das im Schnelldurchgang. Als Präsidenten wichtiger und erfolgreicher Klubs werden sie zudem bei vielen künftigen Wählern schnell bekannt – auch auf einer emotionalen Ebene. Und das alles, ohne wirklich volksnah sein zu müssen.