Bolivien: Erste Hilfe aus dem Dschungel

Bolivien wird regelmäßig von Naturkatastrophen heimgesucht. Seit 1900 gab es vierzig Hochwasserkatastrophen, extreme Wetterlagen werden immer häufiger und heftiger. Bei Überschwemmungen kamen im letzten Jahrhundert 140.000 Menschen ums Leben, rund drei Millionen waren von ihnen betroffen.

Für mehr als zwanzig einheimische Gemeinden in Bolivien gehören Hochwasser zum Alltag, weil sich ihre Dörfer in der Nähe von Flüssen befinden. Capaina ist eines von ihnen, es liegt am Río Beni. 25 Familien leben hier.

Heilpflanzen statt Krankenhaus

Ortschaften wie diese werden durch extremes Wetter teils monatelang vom Rest des Landes isoliert – so auch 2014 nach den schlimmsten Überschwemmungen seit sechzig Jahren. Deswegen setzen die Menschen in Capaina ganz auf traditionelle Medizin. Die Heilerinnen Doña Juanita und Doña Antonia wissen, mit welchen Pflanzen den Menschen in Notlagen geholfen werden kann.

“Bei vom Fluss oder durch den Wind verursachten Naturkatastrophen haben wir nicht genug Geld, um ins Krankenhaus zu gehen. Deshalb sind diese Naturheilmittel eine gute Lösung, wenn es zu solch einem Unglück kommt”, erklärt Juana Fañio Tahe, die alle Doña Juanita nennen und ergänzt: “Schon als Kind lernte ich viel über Pflanzen und ihre Wirkung. Ich ging mit meiner Großmutter in den Regenwald und beobachtete sie, wenn sie Baumrinde sammelte, um sie dann in Wasser aufzukochen.”

Dann schabt Doña Juanita mit einem Messer etwas Rinde von einem Stamm: “Das ist ajo ajo. Es hilft gegen Schmerzen, auch gegen sehr starke.”

Unterstützung durch eine NGO und die EU

Doña Juanita und Doña Antonia arbeiten mit der NGO Soluciones Prácticas zusammen. Die beiden Frauen sind von anderen Dörfern nach Capaina gekommen, um dort ihr Wissen über die heilenden Kräfte der Natur zu teilen. Die Organisation wird vom Amt für humanitäre Hilfe der Europäischen Kommission unterstützt. Es wird gemeinsam versucht, die traditionellen Praktiken in einen modernen Kontext einzubetten.

Victor Yapu von Soluciones Prácticas sagt beim Treffen mit den Frauen in Capaina: “Diese Verfahren werden bereits seit vielen Jahrhunderten praktiziert und sie haben sich bewährt. Unsere Rolle ist es, sie von offizieller und wissenschaftlicher Seite aus zu unterstützen. Deshalb haben wir eine Art Bestandsliste medizinischer Pflanzen zusammengestellt. Wir haben schon über einhundert Arten gefunden und hier in der Gegend gibt es sicherlich noch viele weitere. Wir werden unsere Liste also erweitern.”

Die Bestandsliste verhilft den Naturheilerinnen zu mehr Glaubwürdigkeit und Ansehen. Vom bolivischen Grundgesetz wird ihr Status als Medizinerinnen bereits anerkannt. Die NGO Soluciones Prácticas versucht, ihr Wissen zu schützen und es für mehr Menschen zugänglich zu machen. Deshalb organisieren die Mitarbeiter Treffen wie dieses in Capaina. Die beiden Heilerinnen statten der einheimischen Medizinfrau Doña Dilma einen Besuch ab.

Wertvolles Wissen weitergeben

Dabei werden nicht nur Blätter und Wurzeln ausgetauscht. Die drei Frauen wollen sie später auch in ihren eigenen Gärten anpflanzen. Außerdem teilen sie Rezepte und Heilmethoden. “Ganz schön scharf”, sagt Doña Antonia und verzieht das Gesicht, als sie ein kleines Stück der Rinde probiert.

Die Europäische Union versucht, die verschiedenen ethnischen Gruppen Boliviens zu schützen. Es gibt 36 indigene Völker, das sind rund drei Millionen Ureinwohner.

Pablo Torrealba vom vom Amt für humanitäre Hilfe erklärt im Gespräch mit Euronews-Reporterin Monica Pinna: “Es gibt Gemeinden, die schon immer in den jeweiligen Dörfern ansässig waren. Andere sind von den Hochebenen und anderen Regionen zugezogen. Es ist wichtig, dass das Naturheilwissen auch mit den Neuankömmlingen geteilt wird.”

Auf die Frage unserer Reporterin, warum diese Verfahren so wichtig und gleichzeitig bedroht seien, erwidert Torrealba: “Mit der Abholzung der Wälder werden die Heilpflanzen immer schwerer zugänglich. Deshalb haben wir das Projekt ins Leben gerufen, Pflanzen und Samen im Wald zu sammeln und sie in der Nähe der Ortschaften anzupflanzen. So müssen die Menschen im Notfall nicht bis in den Dschungel gehen, um an Medizin zu kommen.”

Eines der Ziele des EU-Projekts ist es, die Kenntnisse der Heiler mit neuen Generationen zu teilen. Und auch mit Menschen, die fernab des Dschungels leben. Zum Beispiel auf dem Markt von Rurrenabaque.

#filming in #rurrenabaque #bolivia. traditional #medicine’s role facing #floods. A travel through time in remote #Bolivia in July #aidzone pic.twitter.com/2YQmPIUEP1— Monica Pinna (@_MonicaPinna) 19 juin 2017

Mit dem Boot dauert es ungefähr zwanzig Minuten, um von Capaina nach Rurrenabaque zu kommen. Doña Juanita und Doña Antonia haben sich gemeinsam auf den Weg gemacht, um ihre Heilmittel auf dem Wochenmarkt unter die Leute zu bringen. Schon seit zehn Jahren hat Doña Antonia hier einen Stand: “Ich verkaufe viele verschiedene Sachen. Ich bringe das, worum mich die Menschen bitten”, sagt die Medizinfrau.

Would you do this?? It tasted pretty good!!! pic.twitter.com/WrSx6laVTI— Monica Pinna (@_MonicaPinna) 21 juin 2017

Laut Weltgesundheitsorganisation machen traditionelle Heilmethoden einen wichtigen, oft unterschätzten Teil unseres Gesundheitssystems aus. Sie zu fördern ist wichtig, um ihre Qualität zu gewährleisten und mehr Menschen Zugang zu medizinischer Versorgung zu verschaffen.

And Therry #havingfun while #learning pic.twitter.com/Lhpsksj4JD— Monica Cuba Iriarte (@MonicaCubaI) 18 juin 2017

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