„Wir sind dem Boden am Aktienmarkt sehr nahe“

Innerhalb weniger Wochen gab es am Aktienmarkt zwei Ausverkäufe. Laut einer exklusiven Umfrage dürften sich die Märkte bald beruhigen.


Mehrmals hatte Börsenexperte Stephan Heibel nach der Börsenkorrektur Anfang Februar gewarnt, als der Dax um 1.000 Punkte auf 12.200 Zähler fiel: „Die Panik, die eigentlich für eine Bodenbildung im Rahmen einer Korrektur erforderlich ist, habe ich noch nicht gesehen“. Aus Sicht der Sentimentanalyse ist solch eine Panik, ein Ausverkauf mit hohen Umsätzen im Abwärtstrend, ein wichtiger Indikator für eine bevorstehende Trendwende. Denn dann haben viele Investoren ihre Aktien verkauft, es reichen anschließend wenige Käufe, damit die Kurse wieder steigen.

Doch das hat sich mit den aktuellen Ergebnissen der Handelsblatt-Umfrage Dax-Sentiment nach dem erneuten Ausverkauf Ende vergangener Woche geändert. „Die Erhebung zeigt Extremwerte an, wir sind einem Boden sehr nah, von dem aus die Aktienkurse wieder steigen können“, meint der Inhaber des Analysehauses Animusx.

Beim Dax-Sentiment werden wöchentlich mehr als 3.000 Anleger befragt. Hinter solchen Erhebungen zur Börsenstimmung stehen zwei Annahmen: Wenn die große Masse von Anlegern bereits investiert hat, bleiben wenige übrig, die noch kaufen und damit die Kurse in die Höhe treiben könnten. Umgekehrt gilt: Wenn die Anleger mehrheitlich nicht investiert haben, können nur noch wenige verkaufen und damit die Kurse drücken.


Warum hatte der erste Ausverkauf im vergangenen Monat keine Panik erzeugt? „Der Februar-Crash war vollautomatisch und verlief zu schnell, um bei Anlegern Angst und Panik zu erzeugen, die jedoch für einen nachhaltigen Boden erforderlich wären“, begründete Heibel bereits vor zwei Wochen.

Was auch für bald wieder steigende Kurse spricht: Der Fünf-Wochen-Durchschnitt des Dax-Sentiments ist ebenfalls auf extrem niedrige Werte gefallen, obgleich es in der Vergangenheit auch schon mal noch extremere Werte gab.

Der Fünf-Wochen-Durchschnitt hat sich seit Beginn der Umfrage im September 2014 stets als zuverlässiger Indikator für eine „Überhitzung“ oder „Unterkühlung“ an den Märkten erwiesen. Und er erwies sich bislang als eine treffsichere Einstiegsmöglichkeit (siehe Grafik).


In den Ergebnissen der Umfrage und den weiteren Indikatoren, die ausgewertet werden, sind einige aktuelle Geschehnisse nicht enthalten.

Am Wochenende gab es Wahlen in Italien, die einmal mehr eine ungewisse Zukunft in Rom hervorbrachten. Keine Partei oder Koalition hat eine ausreichende Mehrheit erzielt. Für eine Regierungsbildung müssten sich Parteien zusammentun, die dies bislang ausgeschlossen haben. „Daher kann es in einer ersten Reaktion immer Turbulenzen an den Finanzmärkten geben, doch ich rechne nicht mit einer nachhaltigen Panikreaktion“, erläuterte Heibel am Montag noch vor dem Start in den Handel.

Der zweite Punkt: Der SPD-Mitgliederentscheid ist mit einem Ja zu einer erneuten großen Koalition ausgegangen. Entsprechend wird es auch in Deutschland keine nennenswerte Änderung in der Politik geben. Weiter so, wird die Devise heißen, und an den Märkten wird das für Beruhigung sorgen.

„So ist der zweite Ausverkauf des laufenden Jahres, den wir in der vergangenen Woche erlebt haben, für mich die zweite Chance, doch noch zu günstigen Kursen einzusteigen“, meint der Sentiment-Experte. Allerdings mit einer Einschränkung: Sollte der Dax nachhaltig die Marke von 11.800 Punkten unterschreiten, wäre das ein Zeichen dafür, dass an den Aktienmärkten „mehr Verkaufsdruck und mehr Angst herrscht, als ich dies bislang erkannt habe.“

Heibel: „Ich bin bullisch gestimmt. Da ich mich aber irren kann, habe ich mir eine Marke ausgeschaut, bei deren Unterschreiten ich meine Meinung überdenken muss.“


Die Ergebnisse der aktuellen Umfrage im Detail: Die Hälfte aller Umfrageteilnehmer sind in das Lager der verängstigten Anleger gewechselt, insgesamt tummeln sich dort nun zwei Drittel der Anleger und blicken nervös auf den Abwärtsimpuls im Dax. Nur noch 15 Prozent (minus 33 Prozentpunkte gegenüber der Vorwoche) betrachten die Entwicklung als eine Seitwärtsbewegung. Und weitere 15 Prozent (plus vier Prozentpunkte) hoffen, dass es sich um eine Bodenbildung handelt. Heibels Fazit: „Nun haben wir Angst und Panik“.

Auch die Tendenz bei den Antworten auf die Frage „Haben sich Ihre Erwartungen an die vergangene Handelswoche erfüllt?“ bestätigt diese Meinung. 45 Prozent der Anleger (plus 36 Prozentpunkte) wurden mit dem erneuten Ausverkauf in der vergangenen Handelswoche auf dem falschen Fuß erwischt. Weitere 26 Prozent (minus sechs Prozentpunkte) sehen ihre Erwartungen aus der vergangenen Woche als „kaum erfüllt“ an.

Nur noch 22 Prozent (minus 31 Prozentpunkte) fühlen sich in ihrer Erwartung zum größten Teil bestätigt und weitere sieben Prozent (plus ein Prozentpunkt) haben laut ihrer Antwort offenbar auf diesen erneuten Rückschlag spekuliert. Damit sind sowohl das Sentiment, also die kurzfristige Stimmung, als auch die Selbstzufriedenheit der Anleger zügig auf Panik-Niveaus gefallen.


Das Chaos an den Finanzmärkten nagt auch am Zukunftsoptimismus der Anleger: Während nur noch 21 Prozent (minus drei Prozentpunkte) der Umfrageteilnehmer für den Dax in drei Monaten weiter fallende Kurse befürchten, ist auch das Lager der Optimisten um sechs Prozentpunkte geschrumpft. Nur noch 27 Prozent erwarten dann steigende Kurse. Die meisten hoffen auf eine Bodenbildung (plus acht Prozentpunkte auf 13 Prozent) oder rechnen mit einer neutralen Seitwärtsbewegung (plus sieben Prozentpunkte auf 34 Prozent).

Kaufen wollen 27 Prozent (plus zwei Prozentpunkte) in den kommenden zwei Wochen, während aber auch 15 Prozent (plus ein Prozentpunkt) Aktien verkaufen wollen. Damit ist das Lager derer, die weiterhin abwarten wollen, um drei Prozentpunkte auf nur noch 58 Prozent geschrumpft. „Die Polarisierung zwischen Käufern und Verkäufern nimmt zu, was häufig ein Vorläufer von heftigen Kursausschlägen ist“, analysiert der Sentimentexperte.

Das Euwax-Sentiment der Stuttgarter Böse, an der vor allem Privatanleger handeln, ist weiterhin im deutlich „bullischen“ Bereich, wenn auch leicht rückläufig. Das bedeutet: Privatanleger setzen in der Mehrzahl noch auf steigende Kurse. Dieser Indikator wird anhand realer Trades mit Hebelprodukten auf den Dax berechnet.


Auch institutionelle Anleger, die sich über die Frankfurter Terminbörse Eurex absichern, haben in der abgelaufenen Woche überwiegend Long-Spekulationen abgeschlossen, also auch auf steigende Kurse gesetzt. „Das alles erklärt die hohe Anzahl derer in unserer Umfrage, die auf dem falschen Fuß erwischt wurden“, erläutert Heibel.

Der auf technischen Marktdaten basierende „Angst-Gier-Index“ der US-Aktienmärkte S & P 500 zeigt mit einem Wert von nur noch acht extreme Angst an. „Das ist ein deutliches Zeichen dafür, dass wir in den USA dem Boden bereits sehr nah sind“, meint der Sentimentexperte.

Hingegen haben institutionelle Anleger in den USA in der vergangenen Woche, genau wie ihre deutschen Kollegen, ihre Investitionsquote von 62 Prozent auf 81 Prozent angehoben. Angesichts der hohen Verluste am vergangenen Freitag etwas zu früh, aber immerhin noch mitten in der Korrektur.

Der Bulle/Bär-Index der US-Privatanleger zeigt mit 13,9 Prozent rückläufigen, aber immer noch großen Optimismus an. Auch hier ähnelt die Entwicklung in den USA der beim Euwax-Sentiment in Deutschland.


Die Handelsblatt-Umfrage startet jeden Freitag und endet am Sonntag. Die Auswertung lesen Sie tags darauf auf Handelsblatt Online. Einfacher haben es Leser, die sich für eine kostenlose Erinnerungsmail eintragen. Sie erhalten automatisch eine Mail mit der Bitte, an der Umfrage teilzunehmen, und eine, wenn die Experten-Auswertung auf Handelsblatt Online zu lesen ist.