"Ich hatte Bock auf Sterben": War das der letzte "Tatort" mit Christian Ulmen?

Maximilian Haase
·Lesedauer: 5 Min.

Seltsame Stimmung, komische Vögel - und ein toter Ermittler am Ende: Der Weimarer Neujahrs-"Tatort" sorgte mit seiner eigenartigen Aura und der schockierenden Auflösung für Verwirrung. War es das für Lessing und Christian Ulmen?

Eigenartige Stimmung, verwirrende Ereignisse, unsichere Aussichten: Der erste "Tatort" des neuen Jahres hätte zum allgemeinen Gefühl des vergangenen 2020 besser kaum passen können. Eine mysteriöse Aura umgab den Weimarer Neujahrs-Krimi "Der feine Geist", der mit seinem unerwarteten Handlungsdreh am Ende sogar mehr Fragen aufwarf als klärte. Allen voran: Ist Lessing wirklich tot? Und bedeutet das für Christian Ulmen etwa das "Tatort"-Aus?

Worum ging es?

Zwar begann der elfte Fall aus der thüringischen Klassikerstadt vergleichsweise gewöhnlich - doch waren die Ermittler sogleich involviert: Kira Dorn (Nora Tschirner) und Lessing (Christian Ulmen) wurden durch Zufall Zeugen eines Mordes an einem Geldboten vor einem Juweliergeschäft - und nahmen prompt die Verfolgung bis in die verzweigte Parkhöhle auf. Dort dann ein Schusswechsel, ein entkommener Täter - und ein durch einen Streifschuss verletzter Lessing.

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Der atemlose Auftakt gab die Stoßrichtung vor: Dorn ermittelte im Umkreis der Securityfirma "Geist", bei der das Opfer arbeitete, befragte dessen Chef John Geist (Ronald Zehrfeld) und observierte Verdächtige. Währenddessen musste sich der lädierte Lessing diesmal zurücknehmen, behandeln lassen und schonen. Dachte man zumindest einen guten Teil des Krimis lang ...

Worum ging es wirklich?

Um nichts Geringeres als den Tod - und den Umgang damit. Denn Lessing, so erfuhr der Zuschauer erst im letzten Drittel des Films, war bei dem Schusswechsel nicht verletzt worden, sondern ums Leben gekommen. Was für ein Schock! Denn trotz der allgemeinen Seltsamkeit (die für einen Weimar-"Tatort" erst mal nicht ungewöhnlich war), kam die Wende durchaus überraschend. Ähnlich wie in Brainfuck-Formaten à la "Fight Club" hatte sich Dorn Lessings Anwesenheit nach dessen Ableben einfach weiter vorgestellt, mit ihm sogar den Fall besprochen. Allesamt Imaginationen einer Trauernden.

Damit der Plottwist auch dem Letzten klar wurde, wiederholte man die entscheidenden Szenen noch einmal - diesmal ohne Lessing und mit einer Selbstgespräche führenden Dorn. Damit nicht genug: Auch nach Auflösung der bestürzenden Wahrheit stellte sich Dorn ihren lieben Lessing weiterhin als "Geist" vor - und fügte dem ohnehin schon doppeldeutigen "Tatort"-Titel damit eine weitere Ebene hinzu. Lob an die ergreifende Inszenierung: Das ging wohl jedem Zuschauer direkt ins Herz! Genau wie das rührende Trauerritual von Lupo (Arndt Schwering-Sohnrey), der Lessings Todesort in der Parkhöhle partout nicht verlassen wollte.

War das wirklich Lessings Ende - und das "Tatort"-Aus für Ulmen?

Die große Frage, die das "Tatort"-Finale aufwarf: Wie geht es nun nach Lessings Tod weiter? Fans des Weimarer "Tatorts" dürfen vorsichtig entspannen: "Die Pointe in der Geschichte bedeutet nicht, dass Christian Ulmen im nächsten Tatort aus Weimar nicht mehr mitspielt", teilte die Pressestelle des MDR auf Anfrage mit. Weitere Details gab man jedoch nicht bekannt. Auch Darsteller Christian Ulmen äußerte sich schon zum Tod seiner Figur - und das kurz und schmerzlos: "Es war meine Idee. Ich hatte Bock auf Sterben", offenbarte der 45-Jährige im Interview mit der Nachrichtenagentur teleschau.

Raum für Spekulation bleibt: Ist Lessing vielleicht doch nicht gestorben - und alles war eine einziger (kollektiver) Traum? Angesichts von "Tatort"-Experimenten wie jenen des Wiesbadeners Murot wäre es denkbar. Eine weitere, mindestens ebenso durchgeknallte Möglichkeit: Lessing bleibt dem "Tatort" erhalten - allerdings nicht als offizieller Ermittler, sondern als geisterhafter Begleiter und Ratgeber an der Seite von Dorn. Was auch immer die Zukunft des Ermittler-Duos bringen mag: Der Weimarer "Tatort" pausiert 2021 vorerst. Das hat jedoch ausdrücklich nichts mit dem Tod einer der Hauptfiguren zu tun, sondern geschieht "wegen Corona-bedingter Drehverschiebungen", wie verlautet wurde. Mit großer Wahrscheinlichkeit jedenfalls sollten sich die Zuschauer auf einen völlig umstrukturierten Weimar-Krimi einstellen. Denn gehen musste (wahrscheinlich) nicht nur Lessing...

Was war noch wichtig?

Bei all dem Geister-Drama gerieten weitere Umwälzungen fast ins Hintertreffen: Schließlich kündigte auch Polizeichef Kurt Stich, gespielt von Thorsten Merten, seinen Abschied an - hielt zugleich aber so sehnlich an seinem Job fest, dass er die Kollegen geradezu drängte, ihn zum Bleiben zu bewegen. Nicht zuletzt schien er plötzlich handzahm kollegial zu werden: "Frau Dorn, Sie ahnen gar nicht, wie sehr ich diese Diskussionen vermissen werde", so Stich, der im Gegensatz zu Kira glaubte, dass man es beim aktuellen Fall lediglich mit einem gewöhnlichen Raubmord zu tun hatte - und dann auch noch (für die Ermittlungen natürlich!) mit der Verdächtigen respektive Ex-Geliebten Maike Viebrock (Inga Busch) ins Bett ging (Dorn dazu: "Ihr Einsatz hat sich gelohnt").

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Während Lupo schon auf den Chefposten schielte und als erste Amtshandlung einen überteuerten Kakaoautomaten anschaffte, eröffnete Stich letzten Endes Kira Dorn, dass er sie als seine Nachfolgerin ausgewählt habe. Reaktion: "Das muss ich sacken lassen." Das musste angesichts der sich überstürzenden Ereignisse wohl auch der Zuschauer. Der eigentliche Fall gelangte an diesem Neujahrsabend beinahe aus dem Blickfeld.

Wie ging der Fall nun aus?

Der in die eigenartigen Geschehnisse eingebettete Fall hatte noch so manche weimareske Groteske zu bieten: Ein seltener exotischer Vogel im Kofferraum und eine Landesverwaltungsamtsabteilungsleiterin auf dem Beifahrersitz des späteren Opfers führten zur Frage: Ließ John Geist seinen Geschäftsführer töten, um eine Bestechungsaffäre samt illegal gehandelter Vögel zu vertuschen? Die Antwort lautete: Nein. Immerhin aber lernte der Zuschauer viel über Vögel ("Der Kot lässt Rückschlüsse auf den Zustand der Tiere zu"). Trotz aller ungewohnter Ernsthaftigkeit: Der beliebte Dialogwitz ("Der hat ganz schön viel Luft im Bauch" - "Ich bin verheiratet - ich weiß wie Männer riechen können") blieb erhalten.

Und der Täter? Entpuppte sich als Täterin und Angestellte bei "Geist": Die Frau wollte sich rächen, weil sie die Security-Mitarbeiter für den Tod ihrer Familie bei einer Konzert-Tragödie verantwortlich machte. Dass sie bei ihrer Rachetour auch Lessing tötete, hätte sie wiederum fast das Leben gekostet: "Du hast für deine Gerechtigkeit gesorgt - das mach ich jetzt auch", drohte Dorn ihr beim finalen Showdown an der Parkhöhle mit vorgehaltener Waffe - besann sich dann aber Dank des Lessing-Geistes noch. Der versprach ihr: "Ich bin noch bei dir. Sie muss mit der Schuld leben, du nicht." - und löste sich beim anschließenden emotionalen Abschiedsbild der vier Hauptweimareraner in Luft auf. Ob und in welcher Gestalt man ihn wiedersehen wird, zeigt die Zukunft.

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