Wie Bob Iger Disney in die Zukunft führt

Die Aktionäre des Medienkonzerns 21 Century Fox haben den Weg frei gemacht für die Elefantenhochzeit im Medien-Business – Disney darf den Filmriesen übernehmen. Disney-Chef Iger krönt damit seine beispiellose Karriere.

Alle Augen richten sich jetzt auf den Mann, der im Namen der Micky-Maus zwar schon viele große Übernahmen stemmte. Dem jedoch nie zuvor eine so große Nummer gelang wie nun die milliardenschwere Übernahme von 21th Century Fox. Ein wahrer Mega-Deal, der geeignet ist, die Gewichte im Mediengeschäft auf Jahrzehnte neu zu definieren.

Dabei sollte Bob Iger den Spitzenjob bei Disney eigentlich schon längst nicht mehr machen. Wäre alles gelaufen wie seit Jahren in einem internen Plan festgehalten, hätte Iger schon 2016 den Chefposten geräumt. Immerhin zwei Kandidaten hatten sich schon Hoffnungen gemacht auf den Disney-Thron: Jay Rasulo, der Finanzvorstand des Konzerns, und Tom Staggs, der Vorsteher der lukrativen Freizeitpark-Sparte.

Doch erst verließ Rasulo das Disney-Reich, weil er seine Chancen schwinden sah, Iger nachzufolgen. Und dann erfüllte plötzlich auch Staggs, der immerhin vor den Disney-Gremien vorsprechen durfte, nicht mehr den Anspruch für die höchsten Weihen. Iger, so schien es, hatte sich unersetzlich gemacht.


Dabei hatte auch er keinen leichten Start, als er 2005 die Vorstandsetage enterte. Nur die wenigsten hätten vor 13 Jahren wohl darauf gewettet, dass ausgerechnet Iger es bei Disney zum prägenden Manager einer ganzen Ära bringen würde. Tatsächlich schlug dem heute 67-Jährigen ein gehöriges Maß Skepsis entgegen. Zwar hatte sich Iger bis zu seiner Berufung zum Vorstandschef operativ einige Meriten erworben. Er leitete unter anderem den Sender ABC und war bereits unter Vorgänger Michael Eisner operativer Disney-Chef.
Doch Spötter in der Branche hatten nicht vergessen, dass der smarte New Yorker zu Beginn seiner Karriere als Wetter-Moderator vor der Kamera stand. Daraus leiteten manche ab, er sei eher der Typ "ausgestopfter Anzug" - chic, aber irgendwie auch innerlich hohl. Dass ausgerechnet Iger einen Plan für den Konzern haben und diesen auch konsequent umsetzen könnte, trauten ihm die Wenigsten zu.

Tatsächlich aber hatte Iger eine recht klare Vorstellung davon, was Disney brauchte. Und das waren vor allem neue Ideen, neue Geschichten, neue Helden und neue Köpfe. Da er die im Unternehmen nicht fand, ging er auf Einkaufstour. Pixar, Marvel, Lucas-Film - in kurzer Folge verleibte Iger dem Micky-Maus-Konzern drei Assets ein, die den Unternehmenswert vervielfachten.


Den Anfang machte 2006 die Übernahme des Animationsspezialisten Pixar („Findet Nemo“, „Die Monster AG“). Iger war aufgegangen, dass Micky Maus, Donald Donald und der Rest der Bevölkerung von Entenhausen in die Jahre gekommen waren. In der Folge beförderte Iger den inzwischen im Zuge der "MeToo"-Debatte entlassenen Pixar-Chef John Lasseter zum Boss auch von Disneys Animationssparte. Disney war die Partnerschaft mit Pixar, die über einen Aktientausch besiegelt wurde, mehr als sieben Milliarden Dollar wert.
Nur drei Jahre später setzte Iger die Einkaufstour fort. Für vier Milliarden Dollar gelang es dem Vorstandschef zum Erstaunen der Branche, den Comicbuch-Verlag Marvel zu übernehmen. Schon kurz darauf wurde deutlich, worauf er es vor allem abgesehen hatte: Zum Marvel-Universum gehören hunderte Comic-Helden, um deren Abenteuer sich unendlich viele Geschichten spinnen ließen. Und das am besten filmisch. Marvel war bereits damals weit mehr als nur ein Heftchen-Produzent, sondern längst auf dem Weg zum Filmstudio, das unter dem Disney-Dach einige der umsatzstärksten Superhelden der Filmgeschichte ausspucken sollte, von „Thor“ über die „Avengers“ bis „Black Panther“.

Ihren vorläufigen Höhepunkt erreichte Igers Übernahmerausch wieder drei Jahre später mit der Übernahme von Lucas Film. Hatte sich „Star Wars“-Erfinder George Lucas jahrelang gewehrt, seine Schöpfung zu verkaufen, schwatzte Iger ihm die Firma für vier Milliarden Dollar ab. Eines der ersten Ergebnisse der Liaison: der siebte Teil der Star-Wars-Saga. Längst hat Disney die Methode Marvel auch im Lucas-Universum durchgezogen und bringt seitdem ein Spin-Off der Star-Wars-Reihe nach dem anderen heraus, wenn auch mit wechselhaftem Erfolg.


Bob Igers goldrichtige Entscheidungen bei Disney

Unter dem Strich jedoch lag Iger mit seinen durchaus riskanten Übernahmen goldrichtig. Der Disney-Chef hatte frühzeitig erkannt, dass es unabhängig von den sich verändernden Distributionswegen vor allem starke Medienmarken sein würden, die dem Konzern einen Vorteil im beinharten Geschäft verschafften: Pixar bescherte Disney neue Charaktere und Kreativität. Mit Marvel erschloss sich der Konzern, der bis dato vor allem für Familienprogramm und Kinderfilme stand, die Zielgruppe der Jungs und jungen Männer neu. Die tauchen seitdem in Scharen in ein komplettes Universum aufeinander verweisender Superhelden-Filme ab, das nicht unwesentlich zur um sich greifenden Langeweile in den Kinoprogrammen beiträgt.

Und dank Star Wars erschloss sich der Konzern eine weitere vollständige Themenwelt samt einer treuen Anhängerschaft. Alle drei Zukäufe mit all ihren Geschöpfen wiederum füttern ebenso Disneys über Jahrzehnte perfekt geölte Merchandising- und Spielzeugmaschinerie, die Fans mit Spielfigürchen und sonstigem Tinnef beglückt, wie sie auch die Themenparks mit neuen Attraktionen bereichern - ein in seinen Grundzügen bereits vom Gründer Walt Disney ersonnenes mediales Perpetuum Mobile.

Mit der samt Schulden mehr als 82 Milliarden Dollar schweren Übernahme von 21th Century Fox treibt Iger nun seine Übernahme-Orgie jedoch in eine völlig neue Dimension. Der Coup ist zugleich der wohl machtvollste Ausweis für die gewaltigen Veränderungen, die das globale Mediengeschäft in den vergangenen Jahren erlebte. Mit Apple, Amazon und Netflix sind neue Mitspieler auf den Plan getreten, die sich immer stärker im Kerngeschäft der Medienkonzerne breitmachen.


Sie gehen die Traditionshäuser dermaßen robust und vor allem mit Milliarden gepolstert an, dass nicht einmal eine Größe wie der einst so begnadete wie ruchlose Dealmaker Rupert Murdoch, der innerhalb von Jahrzehnten aus kleinsten Anfängen in Australien ein weltumspannendes Medien-Imperium schuf, Sorge hat, noch mithalten zu können. 21th Century Fox, so viel scheint Murdoch klargeworden sein, fehlt auf Sicht wohl die Größe, um als Solitär in Zukunft mit den Internetgiganten noch mitzuhalten, die sich in immer mehr Feldern breitmachen und immer mehr Werbegelder einsaugen. Stattdessen geht nun der größte Teil von Murdochs Reich auf in einem neuen Gebilde. Einem Konstrukt, an dessen Spitze noch für die nächsten Jahre Bob, der Baumeister regiert.

Iger verfügt nun über ein Instrumentarium und eine solche Vielzahl von Popkultur-Ikonen und -Marken wie noch kein Medienmanager vor ihm. Nun kommt es für ihn und den neuen Disney-Konzern darauf an, diese Schätze - und die Umsätze, die sie verheißen - klug und umsichtig zu nutzen. Denn klar ist auch: die schiere Masse allein garantiert Disney noch längst keine erfolgreiche Zukunft. Iger selbst muss nun beweisen, dass er als eine Art Zirkusdirektor ungeahnten Ausmaßes versteht, aus diesem gewaltigen Repertoire etwas zu machen. Denn auch die Kritiker des Mega-Deals werden sehr genau hinschauen, wie Iger die neue Macht nutzen wird.

Allein in den ersten fünf Monaten des Jahres standen Disney-Filme in den USA für ein Drittel der Einnahmen an den Kinokassen. Nun kommen noch einmal weitere 15 Prozent hinzu. Allein dies dürfte dafür sorgen, dass etwa die Betreiber von Kinoketten sorgenvoll auf den Milliarden-Merger schauen. Denn es waren schließlich Igers Truppen, die schon einmal mit der Macht des Marktführers nach besseren Konditionen und einem höheren Anteil an den Ticket-Erlösen für sich und ihre Blockbuster-Filme verlangten. Und zu erwarten, dass die nun wie die zarte Eisprinzessin Elsa auftreten und nicht etwa wie der mächtige Hulk, das wäre nun gar zu märchenhaft.