Degradierung unter Ancelotti - Boateng: "Waren geschockt"

Martin Volkmar

Jerome Boateng hat erstmals Details über das Aus von Carlo Ancelotti beim FC Bayern genannt - und dabei SPORT1-Informationen bestätigt.

Der Italiener hatte in seinem letztem Spiel, der 0:3-Klatsche bei Paris Saint-Germain, gleich mehrere Stammspieler draußen gelassen.

"Das war schon sehr seltsam. Wir saßen im Besprechungsraum und fünf von uns wurde dann anderthalb Stunden vor dem Spiel gesagt, dass wir nicht spielen, plötzlich und ohne jede Erklärung", erzählte Boateng der Süddeutschen Zeitung.

"Die betreffenden Spieler waren geschockt."

Ancelottis merkwürdige Verkündung der Startelf

Wie SPORT1 weiß, hatte Ancelotti lediglich ein Blatt mit der Aufstellung an die Wand geheftet und war dann ohne jeden Kommentar wieder gegangen.

Neben Boateng, der sogar auf die Tribüne verbannt wurde, mussten gegen PSG Mats Hummels, Franck Ribery, Arjen Robben und Kingsley Coman auf die Ersatzbank.

Uli Hoeneß hatte diese Maßnahme letztlich als entscheidend für die Trennung von Ancelotti nach der Pleite in Paris genannt.

"Du kannst als Trainer nicht deine prominentesten Spieler als Gegner haben", sagte der FCB-Präsident schon am Tag der Entlassung: "Ich habe in meinem Leben einen Spruch kennengelernt: Der Feind in deinem Bett ist der gefährlichste. Deswegen mussten wir handeln."

Auch Boateng war offenbar kein großer Fan des Ex-Coaches. "Es wurde anders trainiert, als wir das vorher kannten. Als Spieler spürt man schon, ob man bei 100 Prozent ist oder nicht", sagte Boateng und fügte hinzu: "Ich war das eher nicht."

Heynckes-Rückkehr positiv

Entsprechend positiv bewertet der Innenverteidiger die Rückkehr von Jupp Heynckes, mit dem er 2013 mit Bayern das Triple gewann.

"Seine menschliche Art ist ein großer Faktor unseres gegenwärtigen Erfolgs: Jeder Spieler fühlt sich wichtig, jeder wird ins Boot geholt. Das gibt uns Spielern das Gefühl, dass man diesem Mann was zurückgeben möchte", sagte Boateng.

Daher seien seine Wechselgedanken aufgrund der fehlenden Rückendeckung durch Ancelotti nach der letzten Saison kein Thema mehr: "Ich fühle mich wieder sehr wohl in München."

Derzeit weilt der 29-Jährige bei der Nationalmannschaft, wird aber aufgrund seiner Oberschenkelprobleme nur behandelt und bei den beiden Länderspielen gegen England und Frankreich pausieren.

"Wir haben gemeinsam entschieden, dass ich in London mal draußen bleibe, aber eher aus Vorsicht. Nicht, dass ich gleich wieder in die nächste Verletzung rein renne", meinte er mit Blick auf seine zahlreichen Verletzungen seit dem WM-Triumph 2014.


"War eine finstere Zeit"

"Das war eine finstere Zeit, zumal ich viele Jahre fast nichts hatte, und dann kam alles plötzlich mit Vollgas", sagte Boateng, der unter anderem zwei Muskelbündelrisse erlitt und unter Oberschenkel- und Adduktorenproblemen litt.

Besonders die Sehnenverletzung in der Schulter im Dezember 2016 habe ihn zurückgeworfen: "Ich konnte nach drei Monaten zwar wieder spielen, aber das war nicht derselbe Boateng. Ich hatte das Gefühl, als hätte ich einen anderen Körper."

Durch die schwierige Zeit habe er gelernt, dass es wichtig sei, Pausen zu machen und den "Kopf runterzufahren. Zu schnell zu viel wollen: Das will ich nie mehr machen". 

Die Belastung sei bei der aktuellen Profigeneration deutlich höher als früher. "So viele Jahre in diesem Rhythmus: Das kann nicht komplett spurlos an einem vorbeigehen. Wir spielen ja nicht nur, wir fliegen zwischendurch mal eben nach China. Wir sind ständig auf Tour, und dann sagt der Körper halt mal: Ich bin auch noch da!"

Mangelnde Wertschätzung

Gleichzeitig übte Boateng Kritik an der mangelnden Wertschätzung während seiner Zwangspause.

"Es war für mich interessant zu sehen, welche Leute nur für dich da sind, wenn es einem gut geht und welche nicht", meinte er vielsagend.

Auf die Nachfrage, ob er damit die Bayern-Führungsetage, Mitspieler, Umfeld, Fans oder Medien meinte, antwortete Boateng: "Ich sage natürlich keine Namen. Aber schon von allem etwas."

Rummenigge-Kritik bleibt hängen

Boateng blickte auch auf die vielzitierte "Back to earth"-Kritik von Karl-Heinz Rummenigge zurück, der vor zwei Jahren den Hype um Boateng bemängelt hatte.

Ganz im Reinen ist der Abwehrspieler damit noch nicht: "Klar muss man so was irgendwann verdrängen, aber natürlich bleibt mein Eindruck, dass die Vorwürfe damals nicht gerechtfertigt waren. Ich kam aus einer Verletzung zurück und habe nicht gut gespielt, aber das haben andere auch nicht, und ich habe mich natürlich gefragt, warum gerade ich rausgepickt wurde."

Zudem konnte er sich eine kleine Stichelei gegen Thomas Müller nicht verkneifen. "Wenn sich schon Thomas Müller, der gar keine Muskeln hat, an den Muskeln verletzt, wird's allmählich bedenklich."