"Blut an seinen Händen" - Kanada keilt gegen NHL-Boss

Franziska Wendler, Sportinformationsdienst (SID)
Gegen Deutschland setzte es für die Kanadier eine bittere Halbfinal-Niederlage

Es war eine der bittersten Pleiten überhaupt für das kanadische Eishockey-Team.

Im Halbfinale der Olympischen Spiele in Pyeongchang setzte es gegen Deutschland eine 3:4-Niederlage. In den Zeitungen wurden die Spieler danach unter anderem als "Vagabunden", "Schande" und "Truppe der Ungeliebten" betitelt.

Die Wut der heimischen Presse richtete sich aber nicht nur gegen die Spieler, als Hauptschuldigen für die Misere haben die Kanadier jemand ganz anderen ausgemacht.

NHL schuld an Kanada-Debakel

"Das Blut ist an den Händen von NHL-Commissioner Gary Bettman", urteilte die Vancouver Sun, "er hat eine gute Sache ruiniert." Die beste Eishockey-Liga der Welt hatte sich geweigert, ihre Stars für die Winterspielen in Pyeongchang abzustellen.


Als Gründe führten die NHL-Bosse unter anderem die hohen Kosten an. Außerdem seien die Anstoßzeiten in Südkorea für die amerikanischen und kanadischen TV-Zuschauer nicht geeignet. Auch die geringe Attraktivität des südkoreanischen Eishockey-Marktes wurde als Grund genannt. (SERVICE: Zeitplan des Olympischen Eishockey-Turniers)

Die Zeitverschiebung ist bei den nächsten Spielen 2022 in Peking im Übrigen kein Problem, der chinesische Markt gilt als äußerst interessant für die NHL.

Kanada muss viele Spieler ersetzen

Den Kanadiern fehlt bei Olympia wegen des NHL-Boykotts ein Großteil ihrer Mannschaft. Unter anderem fehlt Superstar Sidney Crosby von den Pittsburgh Penguins - eine enorme Schwächung für die Ahornblätter. Seit die NHL 1998 ihre Stars zu Olympia geschickt hatte, gewann Kanada dreimal Gold. (SERVICE: Der Medaillenspiegel)


Auch das deutsche Team kann bei Olympia nicht auf alle Stars zurückgreifen. So fehlt vor allem die Treffsicherheit von Oilers-Stürmer Leon Draisaitl. Auch die weiteren deutschen NHL-Profis Tom Kühnhackl, Dennis Seidenberg, Thomas Greiss , Tobias Rieder, Korbinian Holzer und Philipp Grubauer wären für die Mannschaft von Marco Sturm sicherlich eine Verstärkung gewesen.

Dennoch müssen Marco Sturm und sein Team nicht annähernd so viele Spieler ersetzen wie der kanadische Trainer Willie Desjardins.

NHL-Profis motivieren

Dies macht sich auch auf dem Eis bemerkbar. Seit Jahren leistet der Deutsche Eishockey Bund gute Arbeit. Der Kern der Mannschaft ist eingespielt, Sturm und seine Assistenten haben auch ohne NHL-Stars en masse eine schlagkräftige Truppe geformt.

Nur ein Beispiel: Goalie Danny aus den Birken, sonst im Schatten von Grubauer und Greiss, erweist sich bei Olympia als überragender Rückhalt für das deutsche Team. Chance genutzt.


Und trotz allem sind die Profis aus Nordamerika irgendwie doch dabei: Die Namen von Draisaitl, Rieder und Co. hängen in der Kabine. Sie sollen daran erinnern, dass es die NHL-Spieler waren, die im Sommer 2016 die Olympia-Qualifikation für Deutschland gesichert haben.

Im Finale am Sonntag gegen die Olympischen Athleten aus Russland (ab 5.10 Uhr im LIVETICKER) kämpfen Sturms Männer nicht nur für sich selbst um Gold. Die Medaille – welche Farbe sie auch immer haben mag – ist auch für die Teamkollegen im fernen Amerika.