„Die Blockchain ist keine Wundertechnologie“

Die Verunsicherung ist zu spüren, auch im schicken, über sieben Stockwerke reichenden Atrium der Düsseldorfer Dependance der Wirtschaftsberatungsgesellschaft Deloitte. In der NRW-Landeshauptstadt trifft sich am Mittwoch eine illustre Runde von Experten und Interessierten, um über die Möglichkeiten einer neuen Datenbanktechnologie für das Verbriefungsgeschäft zu diskutieren.

Die Verbriefung von Krediten (Securitisation) war eine der größten Finanzinnovationen der vergangenen 30 Jahre und ist heute ein Milliardenmarkt. Die Idee: Banken als Intermediär werden in der Unternehmensfinanzierung ausgeschaltet, Kredite werden auf dem Kapitalmarkt handelbar gemacht. Da die Gläubiger die Schuldner durch den Kauf der Verbriefungspapiere direkt finanzieren, werden klassische Banken nur noch bei der Platzierung der Titel benötigt. Das Ausfallrisiko geht auf den Gläubiger über. Damit passen das Verbriefungsgeschäft und die neue Blockchain-Technologie in den Augen einiger Experten ideal zusammen.

Auch die Runde aus rund 100 Wirtschaftsprüfern, Unternehmensberatern und Verbriefungsspezialisten, die sich auf Einladung von Deloitte in Düsseldorf trifft, ist sich weitergehend einig: Die Blockchain-Technologie könnte die Finanzbranche grundlegend reformieren und das Verbriefungsgeschäft gleich mit. Denn sie schaltet durch den Einsatz einer fälschungssicheren, dezentralen Datenbank zwischengeschaltete Vermittler aus – und das zumindest in der Theorie vollautomatisch. Das Problem ist nur: Auch Finanzexperten müssen die neue Technologie in der Praxis erst einmal verstehen.


Daher geht es am Mittwochvormittag um die Grundlagen der Technik. Philipp von Websky, Kreditexperte von Deloitte Deutschland, stellt eine vom Beratungsunternehmen selbst programmierte Test-Blockchain vor, die viele Schritte eines Verbriefungsgeschäfts virtuell abbilden könnte. Ihre Basis bildet die Ethereum-Blockchain, wie Martin Flisgen, Risikoanalyst von Deloitte, erklärt. Der Hauptvorteil: Der Abschluss einer Verbriefungstransaktion könne dank der Technologie direkt erfolgen statt erst am Tagesende. Der Einsatz der Ethereum-Blockchain erlaube außerdem neue Anwendungsfälle: So könnten in Zukunft alle Informationen direkt auf der Blockchain gespeichert werden, die für die Abwicklung eines Geschäfts wichtig sind. `

Drei große Innovationen des Blockchain-Einsatzes haben die Deloitte-Experten identifiziert:

Erstens: „Smart Contracts“: Vollautomatisch könnten intelligente Blockchain-Verträge alle nötigen Informationen über den Emittenten an die Käufer der Wertpapiere transferieren.
Zweitens: „Noteholder Voting“: Gläubiger könnten über die Blockchain Abstimmungen durchführen; ihre Stimmmacht bemisst sich dann nach ihrem Anteil an den ausgegebenen Papieren.
Drittens: „Ownership Protection“: Über Tokens, digitale Gutscheine, wären die jeweiligen Besitzer der Wertpapiere auch nach dem Weiterverkauf direkt identifizierbar. Der Datenschutz bliebe trotzdem gewahrt.

So schön die neue Blockchain-Welt auch klingt: Auf der Veranstaltung entzündet sich noch vor der Mittagspause heftige Kritik an der Deloitte-Vision. So fragen Teilnehmer nach der Fehleranfälligkeit der Technologie – etwa was mögliche Eingabefehler der Anwender angeht. Auch bei der Blockchain gelte wie bei allen Datenbanken das berühmte „Gigo“-Prinzip der IT-Programmierung: „Garbage in, garbage out“. Will heißen: Geschehen bei der Eingabe der Daten, die auf die Blockchain geschrieben werden, Fehler, dann produziert auch die beste Datenbank falsche Ergebnisse. Auch die Vision, dass durch den Einsatz der Blockchain im Verbriefungsgeschäft die zwischengeschalteten Stellen im großen Stil ausgeschaltet werden, wird hinterfragt. „Clearinghäuser werden auch in Zukunft gebraucht“, lautet ein Einwand. Auch wie das Blockchain-Abwicklungssystem reagiere, wenn etwa die Bonität eines Akteurs niedriger eingestuft werden müsse, sei noch offen.



Problem Regulierung

Vielleicht die größte Kritik an einer allzu optimistischen Darstellung der Technik entzündet sich beim Bereich Regulierung. Die gesetzlichen Anforderungen im Verbriefungsgeschäft sind hoch, Transaktionen müssen auf Anforderung der Aufsicht penibel nachvollzogen werden. Auf Nachfrage stellen die Referenten klar, dass parallel zur automatischen Blockchain schon aus aufsichtsrechtlichen Gründen die manuelle Dokumentation durch die Akteure fortgeführt werden muss. Das sorgt für einige Unruhe im Saal. „Die Effizienzgewinne sinken durch diese Anforderung, keine Frage“, stellt Martin Flisgen klar.


Der Risikospezialist betont aber auch: „Die Blockchain ist keine Wundertechnologie, die alle unsere Probleme auf der Stelle löst.“ Eine Implementierung brauche Zeit und müsse auf jedes Unternehmen abgestimmt werden. Wie praktisch, dass Deloitte entsprechende Angebote im Portfolio hat.

Vielleicht steckt hinter der Debattierlust einiger Teilnehmer im Saal, die mehrmals auf die Podiumsdiskussionen am Nachmittag vertröstet werden müssen, ja auch ein ganz simpler Grund, vermutet ein Zuhörer: Die Blockchain mache manche Jobs in Zukunft schlicht überflüssig, vermutet er.  „Was bedeutete ein Einsatz denn zum Beispiel für die bisher beteiligten Anwälte, wenn ihre Dokumentation durch die Blockchain radikal vereinfacht wird?“, lautet auch eine Frage aus dem Publikum an die Referenten. Die Antwort bleibt im Ungefähren.

Die schöne neue Blockchain-Zukunft: Sie liegt auch für die Verbriefungsbranche noch im Nebel. Er lichtet sich nur langsam.