Blockchain und die Frage der Identität

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Blockchain und die Frage der Identität

Wer bin ich? Im digitalen Zeitalter hängt alles an der Frage der Identität. Die Blockchain kann uns dabei helfen, die Kontrolle über sie und die dazugehörigen Daten zurückzugewinnen.


Wohin steuert der Bitcoin, und mit ihm die vielen anderen Kryptowährungen? Einschätzungen, Hintergründe und Anekdoten gibt es immer freitags von den Handelsblatt-Redakteuren Astrid Dörner, Felix Holtermann und Frank Wiebe in unserer neuen Krypto-Kolumne „Coin & Co.“. Heute Teil 2: Blockchain und die Frage der Identität

Nicht nur Bitcoins beruhen auf der Blockchain-Technologie. Was zeichnet diese Technik aus? Dass sie besonders schnell ist? Bislang kann man das nicht feststellen. Dass sie besonders effizient ist? Angesichts des immensen Energieverbrauchs beim „Mining“ von Bitcoins ist das zweifelhaft.

Wichtiger sind womöglich zwei weitere Eigenschaften: Die Blockchain funktioniert dezentral und ist nachträglich nicht verfälschbar. Das öffnet Anwendungsfelder, die zunächst gar nichts mit Bitcoins oder auch nur mit Geld zu tun haben.

Eines der spannendsten Themen ist die Frage der Identität. Darauf sind zum Beispiel schon Riesen wie IBM, Deloitte und Microsoft aufgesprungen, aber auch ein Start-up wie Civic. Identität war einst recht simpel: Menschen hatte einen Namen, später dann auch eine Unterschrift. Beides kann gefälscht werden – die Literaturgeschichte ist voll von Hochstaplern wie Felix Krull oder dem Hauptmann von Köpenick. Mitunter wurden auch Teile der Identität gefälscht. Die Courasche etwa, Grimmelshausens Vorläufer der „Mutter Courage“ von Brecht, zog als Mann in den 30-jährigen Krieg, obwohl sie eine Frau war.

Moderne Verfahren wie immer weniger fälschbare Personalausweise schaffen etwas mehr Sicherheit. Zugleich aber vervielfältigt sich die Identität. Es gibt heute eine Identität für die Regierung, eine für die Bank, für die Kreditkartengesellschaft, die Schufa, die Krankenkasse, die Fluggesellschaft, Amazon, Facebook - und so weiter. Kein Mensch hat mehr den Überblick, geschweige denn die Kontrolle. Nicht nur dort, aber vor allem in den USA, ist der Diebstahl von Identitäten ein großes Thema. Auch das ist schon in der Literatur verewigt worden: In „Talk Talk“ von T.C. Boyle wird gleich zu Anfang eine junge Frau von der Polizei festgenommen, weil ein Krimineller auf ihren Namen eine Menge Geld geliehen und nie zurückgezahlt hat – eine Horrorvorstellung.


Die Idee ist, dass auf der Blockchain alle wichtigen Daten gespeichert werden – unwiderruflich und unverfälschbar. Wenn eine Behörde oder zum Beispiel eine Fluggesellschaft die Identität eines Bürgers oder Kunden feststellen will, kann sie die Daten dort abrufen. Das System lässt sich mit biometrischen Zugangsdaten koppeln, indem der Mensch zum Beispiel per Fingerabdruck die Datenabfrage erlaubt. Auf diese Weise wäre sichergestellt, dass sich jedermann auch ohne Papiere jederzeit ausweisen kann – eine mögliche Hilfe auch für Flüchtlinge, weswegen die Vereinten Nationen kürzlich der „Blockchain Identity Initiative“ beigetreten sind, zu der unter anderem Accenture und Microsoft gehören.

Die Vision ist also, dem Menschen im digitalen Zeitalter die Kontrolle über seine Identität zurückzugeben. Wie in vielen anderen Bereichen gibt es dazu bereits technische Vorarbeiten und Planungen, aber noch keinen Durchbruch. Das ist auch verständlich. Denn am Ende entscheidet nicht die Machbarkeit, sondern die Frage, ob mögliche Kunden und die Institutionen tatsächlich mitspielen.

Daten sind schließlich der Rohstoff des 21. Jahrhunderts, wie in der Börsenbewertung von Firmen wie Google, Amazon und Facebook zum Ausdruck kommt. Ob sie freiwillig die Kontrolle darüber aufgeben, ist fraglich. Umgekehrt hat die Unverfälschbarkeit der Blockchain auch nicht für jeden einen Reiz: Manche Menschen wollen sich gerade die Möglichkeit offen halten, ihre Identität zu wechseln. Aus kriminellen oder aus politischen Gründen.

Gleichwohl belegt das Thema Identität immerhin: Bitcoins haben die Tür zu einer neuen Welt aufgestoßen, in der es um mehr geht als Zahlungen oder wilde Spekulationen. Wir sollten genau verfolgen, was sich in dieser Welt tut. Eine Portion Wachsamkeit kann nicht schaden.

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