Blind Date: Deshalb testet Aldi Bewerbungsgespräche im Dunkeln

Aldi Süd hat die nächste Stufe der anonymen Bewerbung erklommen – wenn auch vorerst nur in einem Test. (Bild: ddp)

Die Frage „Was ziehe ich nur an?“ hat sich künftig bei Vorstellungsgesprächen vielleicht erledigt. Aldi Süd testet derzeit ein komplett neues System, das viele Vorteile mit sich bringt!

Sie betreten einen Raum, in dem es vollkommen dunkel ist. Dann begrüßt Sie die Stimme des Personalers, den Sie zwar hören – aber nicht sehen können: „Wenn Sie den Stuhl gefunden haben, können wir loslegen.“ Dieses Vorstellungsgespräch der besonderen Art hat Aldi Süd auf der Karrieremesse in Köln getestet und damit die nächste Stufe der anonymen Bewerbung erklommen. Denn was hier zählt ist weder Ihr perfekt sitzender Anzug, beziehungsweise Ihr Kostüm, Ihr Gesichtsausdruck oder Ihre Hautfarbe: Hier geht es einzig und alleine darum, was Sie sagen.

Das Konzept der Blackbox hat Sabine Grobara entwickelt. „Wir wollen ein Gespräch ohne Vorurteile – weder vonseiten der Bewerber noch vonseiten des Unternehmens“, erklärt sie gegenüber „Bild.de“. Leider ist das „Blind Date“ bislang noch nicht im Alltag angekommen, erst mal ist es noch ein Experiment. Wer sich aktuell bei Aldi bewirbt, muss in seiner Bewerbung noch ein Foto anfügen, seinen Namen und das Geschlecht nennen.

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Das möchte die Antidiskriminierungsstelle des Bundes künftig gerne ändern. 2011 wurde deshalb von der Bundesregierung ein Pilotprojekt initiiert, in dem neun Arbeitgeber für ein Jahr ausschließlich anonymisierte Bewerbungsverfahren anwenden sollten. Unter anderem die Deutsche Telekom, die Deutsche Post, Procter & Gamble und Mydays beteiligten sich an dem Projekt. Das Ergebnis war, dass insbesondere die Chancen von Frauen und Migranten sich durch das Verfahren erheblich verbessert hatten.

Übrigens sind anonymisierte Bewerbungen in Ländern wie den USA oder Kanada längst gang und gäbe und auch in Belgien sind sie seit Jahren Standard im öffentlichen Sektor. Deutschland hinkt bei diesem Thema bislang hinterher.

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Eine zunehmende Anonymisierung könne positive Effekte haben, sagt Frank Schröder, Bewerbungsexperte von der Europäischen Fachhochschule in Brühl zu „Bild.de“. „Menschen treffen Entscheidungen immer auch unter emotionalen Gesichtspunkten“, erklärt Schröder. „Da man sich davon nie ganz frei machen kann, kann Anonymität hilfreich sein, um Objektivität zu fördern.“

Das System der Blackbox hält er allerdings nur für begrenzt sinnvoll: Man komme schnell an einen Punkt, an dem es mehr zu bewerten gebe als nur das gesprochene Wort. „Kurz gesagt: Es ist nicht nur entscheidend, was gesagt wird, sondern auch wie.“

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