Bitcoins sind schlecht für den Blutdruck: Unser Autor hat sein Passwort vergessen

Dass die Popularität der Bitcoins immer größer wurde, sorgte bei unserem Autor zwischenzeitlich für miese Laune. (Bild: Getty Images)

Unser Autor war im Besitz von Bitcoins – bis er sein Standardpasswort derart modifizierte, dass er sich damit selbst überlistete. Drei motivierte Programmierer schaffen das scheinbar Unmögliche und geben ihm neben seinem Zugang auch eine schwierige Entscheidung mit auf den Weg.

„Leute, ich hab’s, ich hab’s!!!“, so lautete die schönste Nachricht, die mich je über Telegram erreicht hat. Abgerundet wurde der Text mit einem Snoop-Dogg-nickt-vielsagend-mit-dem-Kopf-GIF. Es ging um nichts weniger als das Zugangspasswort zu meiner Bitcoin-Brieftasche. Doch eins nach dem anderen.

Im Jahr 2013 stolperte ich in den Untiefen des Internets mal wieder über eine interessante Thematik: Bitcoins. Zugegeben – seit ich im Alter von 12 Jahren einen Computer bei einem Preisausschreiben der Zeitschrift „Bravo Screenfun“ gewonnen hatte, ließ die Begeisterung für Technik und Digitales bis zu meinem heutigen 30. Lebensjahr nicht mehr nach. Bitcoins: ein Wort, das in meinen Ohren sofort die kindliche Neugier weckte. Was hat es damit auf sich und wie bekomme ich das?

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Bitcoin ist ein Zahlungsprotokoll, das ein öffentliches Hauptbuch bereitstellt, das von einem dezentralen Peer-to-Peer-Netzwerk verwaltet wird, gesichert mit kryptografischem Beweis. Aha… Dachte ich mir auch. Je mehr ich mich jedoch in die Thematik einlas, umso interessanter wurde dieser sperrige Satz. Im Endeffekt geht und ging es um die Idee, Transaktionen ohne staatliche Kontrolle in einem dezentralen Netzwerk zu ermöglichen. Das ist vor dem Hintergrund der Entwicklung des Internets nur ein nachvollziehbarer Gedanke. Denn das Internet selbst wurde als dezentrale Idee ausgestaltet – daher auch die neueste Aufregung um den Widerruf der „Net-Neutrality“ (Netzneutralität) in den USA.

Die Konzepte „Papiergeld“ und „Logan Paul“ werden nicht aufgehen

Zurück zu mir: Ja, ich habe Bitcoins gekauft. Nein, ich sage nicht, wie viele. Denn Bitcoins sollen ja vor allem eines ermöglichen: Anonymität. Warum ich Bitcoins erwarb und bis heute halte, erzähle ich natürlich gerne. Internet-Trends lassen sich in verschiedene Kategorien einteilen. Manche gehören schlichtweg in die Schublade „verschenkte Zeit“ (z.B. YouTube-Videos von Logan Paul), andere werden extrem, aber nur kurzfristig gehypt (neuer Gemüseschneider mit Bluetooth bei Kickstarter) und einige entwickeln sich tatsächlich heimlich still und leise zum Erfolg, darunter: Krypto“währungen“. Man musste kein Glaskugelleser sein, um vorauszusehen, dass das Konzept „Papiergeld“ die nächsten 100 Jahre nicht überleben wird, ebenso wenig wie das Konzept „Logan Paul“.

Zulässige Währung: An diesem Flughafen kann man bald mit Bitcoins bezahlen

Wer mit einer Virtual Reality-Brille bereits Achterbahnfahren kann, der wird auch gerne in Zukunft „drahtlos“ und anonym bezahlen wollen. Genau diesen Ansatz verfolgen viele sogenannte Kryptowährungen. Im Unterschied zum Online-Banking gibt es keinen Vermittler oder Dienstleister wie Banken. Vielmehr erfolgt die Bezahlung direkt in die anonyme Geldbörse des Gegenübers. Anonymität + Internet + schnelles Bezahlen = erfolgreich. Für mich war und ist das eine nicht zu widerlegende These.

Es gab keinen rettenden „Passwort vergessen“-Button

Also habe ich Bitcoins erworben und eine digitale Brieftasche angelegt. Passwort eingerichtet. Jahre vergehen, Bitcoin-Kurs steigt und steigt und steigt. Lieber mal nachsehen, ob der Vorrat noch da ist. Login-Versuch: Passwort fehlerhaft. Wie bitte? Richtig. In einem überambitionierten Versuch der besonderen Sicherheitsvorkehrung hatte ich mein Standardpasswort derart modifiziert, dass es zur eigenen Überlistung führte. Das Problem dabei: Es handelte sich um eine sogenannte Offline-Wallet, also eine Brieftasche, welche die Coins nicht online zugänglich machte. Daher gab es auch keinen rettenden „Passwort vergessen?“-Button.

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Nach dieser frustrierenden Erfahrung, mit womöglich tausenden fehlerhaften Login-Versuchen, legte ich das Projekt Bitcoins erst einmal auf Eis. Bis zum Winter 2017. Denn spätestens als der Kurs der goldenen Internetwährung die 10.000-Dollar-Marke pro Bitcoin knackte, stieg mein Blutdruck gleich mit.

In einer Pizzeria irgendwo in einer deutschen Stadt schmieden drei Programmierer bei Essen und Bier einen Plan. (Symbolbild: AFP)

Nächste Szene: Eine mittelgut belüftete Eck-Pizzeria in einer großen deutschen Stadt. Eisschranktemperaturen draußen, hitzige Diskussionen drinnen. Mit am Tisch sitzen drei überambitionierte Informatik-Freunde. Der Plan: Passwort knacken. Einer Sache war ich mir nämlich sehr sicher: Mein Passwort bestand aus meinen üblichen Zeichen plus einer kleinen Ergänzung. Sollte ja schließlich idiotensicher sein (wink). Vier überraschend gute Pizzen und selbige Anzahl köstlicher Biere später war der Plan gestrickt, beziehungsweise der Code geschrieben. Und es dauerte genau eine Nacht!

Niemand verschickt das Snoop-Dog-GIF fahrlässig

Schon am nächsten Morgen fing die obere Ecke meines Smartphones verheißungsvoll an, blau zu blinken. Telegramnachricht. Im verschlüsselten Telegram Messenger war die „Passwort-Knack-Gruppe“ Zuhause. „Leute, ich hab’s, ich hab’s!!!“


Seit er dieses GIF zugeschickt bekam, ist unser Autor allergrößter Snoop Dogg-Fan.

Snoop Dogg – Pardon, Snoop Lion – beruhigte mich in den ersten Sekunden, nachdem die Nachricht bei mir eingegangen war. So ein GIF verschickt niemand fahrlässig. „Passwort erfolgreich geändert“, waren die nächsten Worte, die keinen Zweifel mehr an der geglückten Mission ließen. Genau 451.000 Versuche brauchte mein Kumpane, um das begehrte Passwort herauszufinden. Weil ich gerade in einer vollbesetzten S-Bahn saß, als mir das volle Ausmaß der Nachricht bewusst wurde, habe ich mir jeglichen Laut verkniffen. Mein breites Grinsen und das Kopfnicken im Snoop Lion-Rhythmus haben mir dennoch ein paar ungläubige Blicke eingebracht, die ich mit einer Thumbs-up-Geste zu kommentieren wusste.

Bitcoins sorgen für das Weihnachtswunder in meiner Familie

Bis heute halte ich meinen Anteil der Bitcoins, jetzt allerdings mit wirklich idiotensicherem Passwort. Meine zwei Brüder, die vor vier Jahren ebenfalls investiert hatten, haben sich unterdessen auszahlen lassen. Sie erlebten mit der Nachricht, wieder Zugriff auf ihre Bitcoins zu haben, ein wahres Weihnachtswunder. Der Kurs lag zum Zeitpunkt der Investition pro Bitcoin bei ungefähr 150 Euro. Der Kurs Ende 2018? Wer weiß, vielleicht 2 Euro, vielleicht 100.000 Euro. Um das herauszufinden, werde ich meinen Anteil weiter behalten.

PS: Wer sich jetzt Sorgen macht, Bitcoin-Passwörter seien leicht zu knacken, liegt falsch. Da ich 95 Prozent meines Passwortes kannte und meinen Freunden Zugriff auf meine Brieftasche ermöglichte, war das Rest-Passwort ungefähr so schwer zu knacken wie „1234“.

Unser Autor ist Rechtsanwalt, Bitcoin-Besitzer aus Leidenschaft und hält öffentliche Vorträge zum Thema Kryptowährungen. Für Yahoo Finanzen schreibt er in seinem wöchentlichen Blog „Bitcoins sind schlecht für den Blutdruck“ exklusiv über seine persönlichen Erfahrungen, aktuelle Aufreger und warnt vor neuen Maschen der Betrüger, die beim großen Bitcoin-Hype natürlich nicht auf sich warten lassen.

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