Bitcoin verbraucht mehr Strom, als alle deutschen Solarmodule zusammen erzeugen

Ralf Anders, Motley Fool beitragender Investmentanalyst

Der Bitcoin-Kurs entwickelt sich völlig unabhängig von Volkswirtschaften oder Edelmetallpreisen. Das Einzige, was man vernünftigerweise als „Gegenwert“ heranziehen könnte, sind die Stromkosten, die für das Mining neuer Tokens anfallen — und die sind mittlerweile grotesk hoch.

Die Fakten

Der Analyst Alex de Vries von Digiconomist veröffentlicht regelmäßig einen Index, der den Energieverbrauch des Bitcoin-Ecosystems schätzt. Der Trend zeigt stark aufwärts und erreicht nun unfassbare Niveaus. Mit über 30 Terawattstunden (TWh) wird sowohl der Jahresverbrauch der meisten afrikanischen Länder als auch beispielsweise der von Paraguay, der Mongolei oder den baltischen Staaten übertroffen.

Auf Deutschland bezogen heißt das, dass weit über 3 Mio. Haushalte mit der elektrischen Energie, die dort verbraten wird, versorgt werden könnten. Das entspricht in der kalten Jahreszeit in etwa der Produktion aller Solaranlagen, die in Deutschland auf Freiflächen und Hausdächern über die letzten Jahrzehnte installiert wurden. 2016 produzierten diese zusammen 38 TWh, laut der Arbeitsgruppe Erneuerbare Energien-Statistik des Bundeswirtschaftsministeriums.

Kann das wirklich sein?

Wenn das so stimmt, dann macht mich das schon etwas betroffen. Wenn man bedenkt, was für ein Kraftakt das war, die ganzen Subventionen, der gesellschaftliche Konflikt wegen der EEG-Umlage sowie insbesondere der Idealismus der Pioniere, die gehofft hatten, etwas zum Ausstieg aus den fossilen Energien beitragen zu können — und jetzt müssen mehrere dreckige Kohlekraftwerke am Laufen gehalten werden, nur um letztlich fragwürdige Kryptorätsel zu lösen.

Im ersten Moment hat mich das an den Rechenfehler eines Fraunhoferinstituts von vor bald 20 Jahren erinnert, als durch die Zeitungen geisterte, dass für jedes im Internet übertragene Megabyte ein Kilo Kohle verfeuert werden müsse. Auch wenn die damals typischen ISDN-Karten langsam und die Netzwerk-Infrastruktur ineffizient war, konnte das nicht sein, wie die Autoren später auch einräumen mussten.

Im Fall der Kryptowährung scheint es aber keine groben Fehler in der Kalkulation zu geben. Alle Faktoren sind sauber dokumentiert und nachvollziehbar. Die vielleicht unsicherste Annahme besteht aus einem Strombedarf von 0,285 Watt bei einer Rate von einer Milliarde berechneter Hashwerte pro Sekunde. Das hängt natürlich stark von der verwendeten Hardware ab. Die neusten Geräte mit Applikations-spezifischen Schaltkreisen (ASIC) brauchen teilweise wesentlich weniger, während beim Einsatz von Grafikkarten-Chips (GPU) wesentlich mehr benötigt wird. Es handelt sich also um eine vornehme Schätzung, die aber von der Größenordnung her hinhauen sollte.

Wenn man jetzt noch daran denkt, dass für Ethereum und andere Kryptowährungen noch verbreitet ineffiziente Standard-Hardware verwendet wird und zudem die Energie für die Millionen glühenden Köpfe weltweit hinzurechnet, weil uns der ganze Wahnsinn völlig kirre macht… ob das wirklich die Zukunft ist?

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