„Der Bitcoin ist unfair“

Sollten wir Algorithmen statt Zentralbanken vertrauen? Der Philosoph Mark Coeckelbergh geht der Frage nach, wie die Blockchain die Finanzwelt verändert. Warum Technik nicht alles ist, erklärt er im Handelsblatt-Gespräch.


Haben Maschinen Rechte? Was bedeutet Geld in Zeiten der Blockchain? Kann Technologie romantisch sein? Mit diesen Fragen beschäftigt sich der belgische Philosoph Mark Coeckelbergh. Für ihn sind Kryptowährungen nicht bloß Zahlungsmittel. Sie formen auch die Art, wie Menschen miteinander in Beziehung treten. In seinem Buch „Money Machines“ geht Coeckelbergh der Frage nach, wie neue Technologien die Finanzwelt verändern. Mit dem Handelsblatt sprach er über das Problem der Fairness im Bitcoin-Netzwerk, übermäßiges Vertrauen in die Technik und darüber, warum die Blockchain ein Demokratie-Problem hat.

Herr Coeckelbergh, immer mehr Menschen begeistern sich für Bitcoin und andere Kryptowährungen als Zahlungsmittel und als Geldanlage. Sind die Krypto-Taler auch ethisch besser als Euro und Greenback?
Das kommt drauf an. Der Dollar und der Euro unterliegen der Kontrolle von Zentralbanken und Regierungen und sind damit Risiken ausgesetzt, die von diesen Institutionen ausgehen – Bitcoin so gut wie nicht. Die Blockchain-Technologie ist also gut für die Leute, die sich nicht länger auf etablierte Autoritäten verlassen wollen. Sie bietet die Chance, Finanznetzwerke weniger hierarchisch zu gestalten…


...zum Beispiel, indem man die Blockchain dazu nutzt, lokale Kryptowährungen zu etablieren und so die regionale Wirtschaft zu unterstützen.
Ja, zum Beispiel. Anstatt einer Bank oder der Zentralbank vertrauen die Nutzer der Kryptowährungen einander und auf die Technologie, auf der das Netzwerk basiert. Viele glauben an die Utopie, bei der Finanzgeschäfte allein auf Peer-to-Peer-Basis möglich sind. Und solche Netzwerke sind ja eine gute Idee. Aber es gibt auch Probleme.

Welche denn?
Beim Bitcoin ist das etwa die Fairness. Das Bitcoin-Netzwerk ist so konzipiert, dass es im Laufe der Zeit immer schwieriger wird, neue Bitcoins zu erschaffen. Das gibt all den Nutzern, die von Anfang an dabei waren, einen Vorteil gegenüber jenen, die erst später die Technologie für sich entdeckt haben. Es ist vor allem dazu gedacht, Inflation zu vermeiden. Aber man kann sich schon fragen, wie gerecht so ein Design ist. Außerdem schaffen Kryptowährungen wie Bitcoin moralische Distanz.

Was ist mit dieser Distanz gemeint und wie entsteht sie?
Kryptowährungen ermöglichen es uns, im globalen Raum Finanzgeschäfte miteinander zu tätigen. Wer sie benutzt, kann über Staatsgrenzen hinweg handeln. Der Preis dafür ist, dass der Handel weniger persönlich wird.

Aber ist das nicht auch dann der Fall, wenn man mit Scheinen an der Kasse bezahlt? Die Kassiererin interessiert sich ja nicht unbedingt für den Lebenslauf ihrer Kunden.
Es stimmt schon: Geld an sich schafft Distanz zwischen den Menschen, die damit bezahlen. Im Unterschied zum Tauschhandel, wie er früher in kleinen Gemeinschaften praktiziert wurde, ermöglicht Geld uns, zu bezahlen ohne einander zu kennen. Aber Kryptowährungen und andere Finanztechnologien – zum Beispiel der Hochfrequenzhandel an den Börsen – vergrößern diese Distanz noch weiter. Es wird immer schwieriger, zu sagen, wo in dieser virtuellen Welt überhaupt reale Werte geschaffen werden. An den Börsen bestimmen schon jetzt oft die Algorithmen, was, wann und zu welchem Preis gekauft wird. Die Menschen haben in dieser Hinsicht immer weniger zu sagen.


Und wo genau findet sich diese Distanz in der Blockchain-Technonogie?
Die Blockchain kann als ein System der Buchführung begriffen werden. Einerseits verbindet diese Technologie die Menschen, die miteinander Handel treiben, aber diese Verbindung ist abstrakt, von Algorithmen bestimmt. Und die Distanz zwischen diesen Geschäften und ihren Auswirkungen in der realen Welt ist groß.

Warum ist das so problematisch?
Weil es immer schwieriger wird für den Einzelnen, Verantwortung für sein Handeln innerhalb dieser internetbasierten Netzwerke zu übernehmen. Bitcoin zum Beispiel ermöglicht seinen Nutzern ein hohes Maß an Anonymität. Und da stellt sich schon die Frage, ob man unter solche Bedingungen für das, was innerhalb des Netzwerks passiert, überhaupt Verantwortung übernehmen kann. Man muss hier einem Algorithmus vertrauen. Aber wenn etwas schief geht, wenn es einen Crash gibt, wer trägt dann die Verantwortung?


„Menschen wird ein Teil ihrer Selbstbestimmung genommen“


Sind konventionelle Finanzsysteme, bei denen die Banken als Mittler zwischen ihren Nutzern auftreten, in dieser Hinsicht besser?
Etablierte Finanzinstitutionen können immerhin im Falle vom Marktversagen regulierend eingreifen. Es gibt Gesetze und Regeln sowie die Finanzmarktaufsicht. Wenn es aber einen Bitcoin-Crash gibt, ist nicht klar, wer die Verantwortung für den entstandenen Schaden übernimmt – wenn es denn überhaupt möglich ist, regulierend einzugreifen.

Was ist denn mit den Leuten, die die Codes für Bitcoin, Ether und Co. schreiben? Besitzen sie nicht auch Autorität und müssen sich den Nutzern und Gesellschaft gegenüber verantworten?
Die Entwickler erschaffen nur den Code für die Kryptowährung und geben ihn an die Nutzer weiter. Das ist nicht das Gleiche wie die Autorität einer Bank. Dennoch haben auch sie Verantwortung und sollten dazu angehalten werden, Finanztechnologien so zu entwickeln, dass sie gesellschaftlichen Nutzen stiften. Das kann dadurch geschehen, dass ethische Aspekte in der Ausbildung von IT-Fachleuten berücksichtigt werden. Und auch die Firmen, die Geld in die Entwicklung dieser Technologien stecken, sollten Verantwortung für ihre Innovationen übernehmen.


Das hört sich nach ziemlich viel Kontrolle an.
Ich bin ebenfalls der Meinung, dass zu viel Kontrolle nicht gut ist. Aber wenn wir die Entwickler ganz sich selbst überlassen und nur der Technik zu sehr vertrauen, ist auch nicht die Lösung. So wird die Kluft zwischen den Entwicklern der Technologien und allen anderen immer größer – und das schafft auf Dauer ein Problem für unsere Demokratie.

Was hat denn die Demokratie mit Kryptowährungen zu tun?
Viele Menschen können mit Finanztechnologien wie Blockchain, auf der Bitcoin und andere Kryptowährungen basieren, wenig anfangen. Sie bleiben für sie abstrakt, obwohl sie durchaus reale Konsequenzen für ihr Leben haben können. Diese Menschen haben immer weniger Möglichkeiten, Einfluss auf diese Technologien zu nehmen. Dadurch wird ihnen ein Teil ihrer Selbstbestimmung als Bürger genommen – und das ist undemokratisch.


In Ihren Arbeiten beschäftigen Sie sich auch mit der Rolle des Vertrauens bei den neuen Finanztechnologien. Wie verändern die neuen Formen von Geld unser Verständnis von Vertrauen?
Dass wir im Zusammenhang Maschinen und Algorithmen überhaupt von Vertrauen sprechen, ist ungewöhnlich. Früher sprachen wir immer nur von „reliability“ – also von Verlässlichkeit. Dass wir heute das Wort Vertrauen in diesem Zusammenhang benutzen, ist darauf zurückzuführen, dass Maschinen immer eigenständiger handeln können und zumindest in diesem Punkt Menschen immer ähnlicher werden.

Hört sich unheimlich an. Verlieren wir etwa die Kontrolle?
Ach was, die Menschen sind noch immer Teil des Systems. Aber wir müssen bedenken: Je mehr wir gerade im Finanzsektor optimieren und je mehr Distanz entsteht, umso weniger selbstbestimmt können wir handeln. Die Folgen von Innovationen sind nicht immer vorhersehbar. Was ist zum Beispiel, wenn Algorithmen dazu beitragen können, eine neue Finanzkrise auszulösen? Wenn wir uns nicht kritisch mit der Thematik auseinandersetzen, nehmen wir womöglich große Risiken auf uns.


Die Serie

Banken zittern, Spekulanten jubeln: Aber was steckt wirklich hinter Bitcoin, Ethereum und Co.? In einer Serie behandeln wir die Welt der Digitalwährungen. Bisher erschienen:

Teil 1: Der Selbstversuch: Warum Bitcoins so verlockend sind
Teil 2: Welche Währung, welche Börse? So klappt der Einstieg
Teil 3: Mehr als ein Zockergeld: Wie das Bezahlen mit Bitcoins funktioniert
Teil 4: Sparen in der digitalen Zukunft: In Bitcoins investieren
Teil 5: Gemeinsam in die Blockchain: Die drei großen Allianzen
Teil 6: Streit in der Gemeinschaft: Wie China den Bitcoin zerstören könnte
Teil 7: Von Japan in die Welt: Die Geschichte des Bitcoin


KONTEXT

Die wichtigsten Antworten zum Bitcoin

Was sind Bitcoins?

Bitcoins sind eine digitale Währung, deren Idee 2008 vorgestellt wurde. Die Bitcoins werden in komplizierten Rechenprozessen erzeugt, das kostet viel Zeit und Rechenleistung, wodurch eine Inflation verhindert werden soll. Auf Plattformen im Internet werden die Bitcoins gegen klassische Währungen gehandelt. Damit soll ein Geldsystem ermöglicht werden, das unabhängig von Staaten und Banken funktioniert sowie Transaktionen beschleunigt und Kosten minimiert.

Verbreitung

Pro Tag werden der Bundesbank zufolge auf der ganzen Welt 350.000 Transaktionen mit dem digitalen Tauschmittel getätigt, verglichen mit 77 Millionen Überweisungen, Lastschriften und Kartenzahlungen allein in Deutschland. Vor allem die Bitcoins haben sich über die USA hinaus zu beliebten Spekulationsobjekten mit starken Kursschwankungen entwickelt, außerdem zu einer Art Alternativwährung in Ländern mit Kapitalverkehrskontrollen. So ballt sich ein Großteil des Handels in China.

Vorteil 1

Durch Bitcoins sollen die Gebühren von Finanztransaktionen radikal absinken: Während man für eine Auslandsüberweisung über ein traditionelles Kreditinstitut schnell einen zweistelligen Euro-Betrag zahlt, ist die Gebühr für eine Bitcoin-Transaktion gering, liegt teilweise im Cent-Bereich. Zudem dauert die Transaktion meist nur Minuten, ganz egal wie groß die geografische Distanz zweier Konten zueinander ist.

Vorteil 2

Die Digitalwährung wird "peer-to-peer" gehandelt, also direkt zwischen Nutzern ohne die Hilfe von Banken. Möglich macht dies die Nutzung der Blockchain-Technik: Innerhalb des Systems werden alle Transaktionen vielfach und dezentral (und damit dauerhaft nachvollziehbar) gespeichert. Dies könnte nicht nur Währungstransaktionen ohne Zwischeninstanz ermöglichen, sondern zum Beispiel auch Immobiliengeschäfte - die Rolle des Notars übernimmt dann das Blockchain-System. Ihr Konzept hat der bis heute unbekannte Bitcoin-Erfinder Satoshi Nakamoto in seinem berühmten "White Paper", dem Gründungsdokument der Community, 2008 beschrieben. Bitcoins funktionieren außerdem "permissionless", können also ohne Erlaubnis durch eine technische Aufsichtsbehörde benutzt werden. Die Internetwährung ist zudem "trustless": Anleger müssen keiner externen Partei vertrauen, etwa auf die Autorität staatlicher Aufsichtsbehörden oder Zentralbanken, um Bitcoins nutzen zu können.

in seinem berühmten "White Paper", dem Gründungsdokument der Community

Nachteil 1

Hauptproblem für die Nutzer dürfte die starke Volatilität sein: Tatsächlich gab es seit 2014 mehrere markante Einbrüche. Im Januar war der Kurs noch unter die Marke von 800 Dollar gerutscht, auch im März hatte es einen größeren Rückschlag gegeben. Wie volatil der Kurs auf lange Sicht ist, zeigt ein Blick auf den Wertverlauf: Nach einem ersten Höchststand bei über 1.200 Dollar Ende 2013 ging es für Bitcoin-Besitzer vor allem bergab. Erst seit Ende 2015 steigt der Kurs tendenziell wieder, weist aber hohe Ausschläge nach oben und unten auf. Ein weiteres Problem: Bitcoins sehen sich harscher Kritik der Aufsichtsbehörden ausgesetzt. Kritiker monieren, dass die Digitalwährung wegen der schwer nachvollziehbaren Zahlungswege auch für kriminelle Zwecke verwendet werden kann. Die Bundesbank hatte unlängst Sparer vor Geldanlagen in der Digitalwährung gewarnt. Der Bitcoin sei "ein Spekulationsobjekt", dessen Wert sich rapide verändere, sagte Bundesbank-Vorstandsmitglied Carl-Ludwig Thiele. "Aus unserer Sicht ist der Bitcoin kein geeignetes Medium, um Werte aufzubewahren."

Nachteil 2

Absolute Sicherheit gibt es nicht, wie die Angreifbarkeit digitaler Währungen zeigt. So gab es in der Vergangenheit zahlreiche Hackerangriffe auf große Krypto-Tauschbörsen wie MtGox oder BitFinex, bei denen Nutzer Geld verloren haben. Und innerhalb der Bitcoin-Gemeinde schwelt ein Streit über die Herstellungsrechte. Auf unbedarfte Benutzer, auf die die eingeschworene Bitcoin-Gemeinschaft eher abschätzig herabblickt, lauert eine weitere Gefahr: Digitalwährungen, die sich zwar begrifflich an die Bitcoin-Währung anlehnen, hinter denen aber ein betrügerisches System steckt. Der bekannteste Fall ist der der sogenannten Onecoins. Onecoins waren nur über eine zentrale Plattform zu erwerben und auf zentralen Servern gespeichert, Nutzer somit voll dem Betreiber ausgeliefert - für die Bitcoin-Gemeinde, die sich in Online-Foren wie Reddit austauscht, klare Anzeichen für ein Betrugssystem. Inzwischen ermitteln die Behörden.

Streit über die Herstellungsrechte

die sich in Online-Foren wie Reddit austauscht