Was vom Bitcoin-Boom bleibt


Wohin steuert der Bitcoin, und mit ihm die vielen anderen Kryptowährungen? Einschätzungen, Hintergründe und Anekdoten gibt es immer freitags von den Handelsblatt-Redakteuren Astrid Dörner, Felix Holtermann und Frank Wiebe in unserer neuen Krypto-Kolumne „Coin & Co.“. Heute Teil 1: Was vom Bitcoin-Boom bleibt.

Der Bitcoin-Kurs fährt Achterbahn. Mitte Dezember brach er für kurze Zeit die Rekordmarke von 20.000 Dollar, am Dienstagabend war er nur noch die Hälfte wert, und am Donnerstag hat er sich bei knapp 12.000 Dollar vorerst stabilisiert. Doch es lohnt sich, über den finanziellen Horizont hinaus zu schauen. Denn selbst wenn der Bitcoin morgen wertlos würde (was ich nicht hoffe), hat der Hype drei positive Entwicklungen mit sich gebracht.

Erstens: eine ganze Reihe an Innovationen in den verschiedensten Bereichen von Wirtschaft und Gesellschaft.

Denn die Blockchain-Technologie, auf der der Bitcoin basiert, kann viel mehr, als „nur“ digitales Geld von einem Nutzer zum anderen beamen. Die Blockchain ist eine Art dezentralisierte Datenbank, die dank komplizierter Verschlüsselungsmethoden Mittelmänner überflüssig und Informationen schnell verifizierbar macht. Finanzinstitute, Wirtschaftskonzerne, Mittelständler und Start-ups überlegen gleichermaßen, wie sie die Blockchain-Technologie für sich nutzen können.

Die schwedische Bank SEB zum Beispiel kooperiert mit dem kalifornischen Blockchain-Start-up Ripple, um Kundengelder aus Schweden in die USA zu überweisen. Das dauert nur noch zwei Sekunden statt zwei Tage, und die Gebühren sind kaum noch der Rede wert.

Der Technologie-Riese IBM arbeitet mit Amerikas größtem Einzelhändler Wal-Mart und mit Nahrungsmittel-Herstellern wie Dole, Nestlé und Unilever zusammen, um leichter nachverfolgen zu können, woher ein bestimmtes Produkt kommt. So dauert es heute dank Blockchain Minuten statt mehrerer Tage, um den gesamten Weg einer Schale geschnittener Mangos zurück zur Farm zu verfolgen. Im Fall von Lebensmittelskandalen kann man diese Art von Informationen gar nicht schnell genug bekommen. Die Vereinten Nationen fördern ein Blockchain-Projekt, mit dem sich eine Milliarde Menschen künftig ausweisen können, die keine offiziellen Dokumente haben.

Die Blockchain hat Menschen auf der ganzen Welt neugierig gemacht. Und ohne die Schlagzeilen und die Neugier um den Bitcoin wären wahrscheinlich nicht so viele Ressourcen in diese neue Technologie geflossen.


Zweitens: mehr Zugang zu Kapital.

Sogenannte Initial Coin Offerings oder ICOs haben den Boom der kleinen Bitcoin-Alternativen in den vergangenen Monaten befeuert. ICOs sind das Pendant zu Börsengängen der klassischen Finanzwelt (IPOs). Start-ups nutzen die neue Methode, um Geld von Investoren einzusammeln und geben ihnen im Gegenzug sogenannte Token. Das sind eine Art digitale Münzen, die gehandelt werden können und ähnlich einer Aktie bestimmte Ansprüche und manchmal auch Stimmrechte beinhalten.

Sicher: Hier ist Vorsicht geboten. Finanzaufseher haben immer wieder vor Betrügern gewarnt. Doch es wäre ein Fehler, alle ICOs in dieser frühen Phase über einen Kamm zu scheren und das wahre Potenzial zu verkennen. ICOs sind ein willkommener Angriff auf die Venture-Capital-Industrie, die – ähnlich wie die Wall Street – von Männern dominiert wird und bevorzugt in von Männern geführte Start-ups investiert.

Ihre Geldgeber sind freilich bevorzugt institutionelle Anleger oder reiche Einzelpersonen. Der Durchschnittsinvestor bleibt bei frühen Investments in Start-ups wie Google oder Facebook außen vor. Und selbst wenn sie an die Börse gehen, gibt es kaum eine Chance auf die ersten, begehrtesten Aktienpakete.

ICOs bieten auch für Start-ups, die von Frauen geführt werden, eine Chance, leichter an Kapital zu kommen. Im ersten Halbjahr 2017 ging nur elf Prozent des amerikanischen Risikokapitals an Gründerinnen. Breit gestreute Token eröffnen die Möglichkeit, diese Vorbehalte zu überwinden. 


Auch geografisch ermöglicht diese Art der Finanzierung neue Freiheiten. Start-ups müssen nicht mehr im Silicon Valley sein, um millionenschwere Finanzierungsrunden zu stemmen. Sie können Geld  – dank der Blockchain – von überall und von allen einsammeln. Sind die großen Risikokapitalgeber jetzt am Ende? Nein, und das ist auch gut so, denn sie erfüllen mit ihrer Expertise und ihrem Netzwerk die wichtige Funktion, vielversprechende Jungunternehmen auszusieben und zu fördern.  Doch ein bisschen Konkurrenz tut gut – sowohl den Start-ups als auch den Kleinanlegern.

Drittens: Die Blockchain sprengt Grenzen – vor allem im Kopf.

Stellen Sie sich vor, die Städte New York, London, Frankfurt und Hongkong schließen sich zu einer Metropolregion zusammen, vergeben ihre eigenen „Staatsbürgerschaften“ (oder eher „Stadtbürgerschaften“) und geben ihre eigene Währung (zum Beispiel den Metro-Coin) heraus. Die Bürger können sich in diesen Städten frei bewegen und mit der digitalen Währung schnell und bequem bezahlen – auch die Steuern, die der Städteverbund erhebt. Früher war das allenfalls eine futuristische Fantasie. Doch die digitalen Währungen, deren Vorreiter der Bitcoin ist, machen solche Gedankenspiele möglich. Dafür sollten wir den Erfindern und Förderern des Bitcoins dankbar sein.

Hier geht es zur Seite mit dem Bitcoin-Kurs, hier können Sie aktuelle Wechselkurse berechnen.