Biogen wächst langsamer


Als Übernahme-Objekte stehen amerikanische Biotechfirmen nach wie vor hoch im Kurs. Im operativen Geschäft dagegen sind auch die führenden US-Biotechs nicht völlig vor Konkurrenz und Wachstumsschwächen gefeit.

Ähnlich wie zuvor bereits bei den Branchenführern Amgen und Gilead  deutet sich das inzwischen auch beim viertgrößten US-Biotechunternehmen, der Bostoner Firma Biogen, an.  Für das abgelaufene Geschäftsjahr 2017 meldete Biogen zwar noch eine Umsatzsteigerung von sieben Prozent auf 12,3 Milliarden Dollar. Und auf vergleichbarer Basis, das heißt ohne  Berücksichtigung  des ausgegliederten Geschäfts mit Medikamenten gegen die Bluterkrankheit (Hämophilie),  legten die Erlöse 2017 sogar um 15 Prozent zu.

Für das laufende Jahr 2018 indessen stellt Biogen nur noch eine Umsatzsteigerung auf 12,7 bis 13 Milliarden Dollar in Aussicht, das heißt ein Plus von drei bis sechs Prozent.  Es wäre die niedrigste Wachstumsrate seit mehr als einem Jahrzehnt.  Der um Sonderfaktoren bereinigte Nettogewinn soll immerhin noch um 13 Prozent auf 5,2 Milliarden Dollar zulegen.


Bei Investoren kamen die Zahlen ungeachtet der deutlichen Verlangsamung am Dienstag  trotzdem noch vergleichsweise gut an.  Die Biogen-Aktie legte im frühen New Yorker Handel sogar leicht zu. Viele Analysten hatten mit einer etwas  schwächeren  Prognose gerechnet.  Zudem entwickelte sich das Geschäft mit der Neuentwicklung Spinraza, einem Medikament gegen spinale Muskelatrophie, eine erblich bedingte Form von Muskelschwund,  unerwartet gut.  Das Mittel, das Biogen zu einem Listenpreis von 750 000 Dollar im ersten Jahr vermarktet, lieferte bereits im ersten Jahr auf dem Markt 884 Millionen Dollar Umsatz.

Der Nettogewinn des Konzerns sank dagegen um rund ein Drittel auf 2,5 Millionen Dollar, bedingt vor allem durch eine Belastung von 1,2 Milliarden Dollar als Folge der US-Steuerreform.  Bereinigt um diesen und andere Sonderfaktoren hat er sich nach Aussage von Biogen um rund fünf Prozent auf 4,6 Milliarden Dollar verbessert.

Im angestammten Kerngeschäft mit Medikamenten gegen die Autoimmun-Erkrankung Multiple Sklerose (MS)  sind die Erlöse unterdessen nur noch leicht gewachsen.  Biogen ist auf diesem Gebiet  mit sechs zugelassenen Wirkstoffen, darunter der Bestseller Tecfidera, bislang zwar noch unangefochtener Marktführer. Der Konkurrenzdruck durch Neuentwicklungen  von Firmen wie Sanofi und Roche dürfte sich indessen verstärken.  Insbesondere dem 2017 neu eingeführten Mittel Ocrevus von Roche, das gegen beide Formen von MS wirksam ist,  trauen Experten erhebliche Marktanteilsgewinne zu.

Biogen ist an dem Wirkstoff von Roche  zwar mit Lizenzerträgen beteiligt und weist für 2017 bereits  159 Millionen Dollar an Einnahmen aus  diesen Lizenzen aus. Per Saldo könnte der Verlust an eigenen Umsätzen aber schwerer wiegen für den Biotech-Konzern.


Anders als Konkurrenten wie Gilead und Celgene versucht Biogen bislang nicht, die drohende Wachstumsflaute im MS-Geschäft durch größere Akquisitionen zu kompensieren. Im Gegenteil: Durch den Spin-off  des Geschäfts mit Blutermedikamenten  in die eigenständige Firma Bioverativ hat sich das Unternehmen Anfang 2017  sogar bewusst verkleinert.  Ein Manöver, das sich aus Sicht der Biogen-Aktionäre durchaus gelohnt hat. Immerhin will der französische Pharmariese Sanofi  Bioverativ nun für 11,6 Milliarden Dollar übernehmen. Seit ihrem  ersten Listing an der Börse hat sich der Wert der  Biogen-Abspaltung damit mehr als verdoppelt.

Im verbleibenden Geschäft setzt das Bostoner Unternehmen unterdessen weiterhin stark auf seine eigene Produktentwicklung und kleinere Ergänzungen. So erwarb Biogen jetzt  für einen Betrag von bis zu 217 Millionen Dollar von der Biuotechfirma Karyopharm Therapeutics  die Rechte an einem Wirkstoffkandidaten gegen bestimmte neurodegenerative Erkrankungen, und verstärkte damit das Engagement im Bereich der neurologischen Erkrankungen.

Für die  nächsten 12 bis 18 Monaten erwarte man eine Reihe wichtiger Studiendaten und werde man das industrie-führende Forschungsprogramm im Bereich der Neurologie weiter voranbringen, kündigte Firmenchef Michel Vounatsos an, der das Unternehmen seit Anfang 2017 führt.


Top-Projekt der Biogen-Forschung ist weiterhin das potenzielle Alzheimer-Medikament Aducanumab, das der Bostoner Konzern derzeit in einer großen Phase-III-Studie testet.  Im Erfolgsfall könnte dieser Wirkstoff nach Schätzung mancher Analysten einmal mehr als zehn Milliarden Dollar Jahresumsatz bringen und Biogen damit theoretisch ein enormes Wachstumspotenzial eröffnen.  Allerdings hat sich die Alzheimer-Forschung bisher  als hochriskant für die Pharmabranche erwiesen. Praktisch alle Projekte der letzten zehn Jahre sind gescheitert, darunter auch mehrere Substanzen, die auf das gleiche Wirkprinzip wie Aducanumab zielten.

Etliche Branchenbeobachter sehen Biogen daher unter gewissem Druck, die hohen  Risiken in der Produktentwicklung sowie die drohende Wachstumsschwäche im MS-Geschäft  ebenfalls durch Akquisitionen auszubalancieren.  Gleichzeitig wird das Bostoner Unternehmen seit mehreren Jahren auch  selbst als möglicher Übernahmekandidat gehandelt.  Es könnte trotz seiner Marktkapitalisierung von aktuell rund 73 Milliarden Dollar, so die Spekulationen,  interessant sein für Großkonzerne wie Pfizer oder Merck & Co,  die ihrerseits mit Wachstumsschwächen kämpfen.  Klar ist indessen, dass sowohl  für einen möglichen Käufer wie auch im Falle eines Alleingangs am Ende vor allem die Alzheimer-Studien über den Erfolg entscheiden werden.