Bio oder Bruderhahn: Das Dilemma beim Eierkauf

Verseuchte Eier sind die Spitze der Eierproduktion. Täglich werden vorschriftsmäßig Tausende männliche Küken getötet. Supermärkte und Discounter wollen das ändern – und bringen Kunden in eine Zwickmühle.


Das Huhn heißt Dual und soll eine der Antworten auf das Problem in der Eierproduktion sein, das in den vergangenen Jahren immer mehr Menschen entrüstet hat: das Töten männlicher Legehennen-Küken. Dual ist eine Hühnerrasse der Lohmann Tierzucht aus Cuxhaven. Doch ob sie das Todesurteil für die unwirtschaftlichen "Bruderküken" aufheben kann, ist fraglich.

Täglich werden in Brütereien die männlichen Küken von den künftigen Legehennen separiert und getötet. 45 Millionen Küken im Jahr. Wer als Kunde von seinem Bauern Eier kauft oder im Bioladen diejenige Packung in den Einkaufskorb legt, auf der ein Siegel eines der großen Verbände wie Bioland, Naturland oder Demeter gedruckt ist, kauft vielleicht Eier von Hennen, die unter strengeren Maßstäben für das Tierwohl gehalten wurden. Aber auch für die wurden in aller Regel die männlichen Küken getötet.

Seit Jahren suchen Tierschützer, Eierproduzenten und Brütereien nach Wegen, beide Anforderungen der industrialisierten Nahrungsmittelproduktion zu erfüllen: Hohe Eierlegeleistung und gleichzeitig Fleischproduktion. Denn die männlichen Küken müssen kurz nach dem Schlüpfen sterben, weil die Kosten steigen. Legehennen-Rassen setzen nicht so viel Fleisch an wie die Rassen für die Fleischproduktion - das kaufmännische Todesurteil für die Küken.


Bruderhahn ist eine der Alternativen, die schon länger versucht, das zu beenden. Und die großen Vermarkter ziehen nun nach. Ende Juli kündigte Rewe an, nach einem Pilotprojekt künftig deutschlandweit Eier ins Programm aufzunehmen, die aus einer Produktion stammen, in der männliche Küken bis zur Schlachtreife aufgezogen werden. Die Kette Penny hat seit Februar 2017 entsprechende Eier der Marke Herzbube im Sortiment und ist damit den Branchenführern voraus. Der Discounter Lidl plant die Einführung eines solchen Produkts in den kommenden Monaten. Aldi Nord und Süd wollen im dritten Quartal mit einer entsprechenden Marke den Markt nachziehen, möchte jedoch keine Details nennen.

Das Pilotprojekt startet in Filialen im Raum Hamburg. Die gesamte Ware, so Lidl, stamme dafür von einem Lieferanten, der die Eier in Niedersachsen produzieren lässt. Wie viele es sind, wie viel höher der Preis sein wird - alles unklar. Gewiss ist nur eines: Es werden keine Eier sein, die die Bio-Norm der EU erfüllen.



Pest oder Cholera am Eier-Regal


Für viele Kunden heißt das am Regal: Sie können sich zwischen Eiern entscheiden, bei denen die Haltungsbedingungen der erwachsenen Tiere strenger gehandhabt werden, aber die Küken geschlachtet werden – oder eben andersherum. Ein ethisches Dilemma, dass der Markt derzeit nicht Ware auflösen kann, die beides ist. Rewe möchte den Anteil allerdings im weiteren Verlauf erhöhen, so dass beide Anforderungen erfüllt sind: Bio und gemästeter Gockel.

Das entspräche dem Kundenwunsch. Die Zahl der nach mindestens EU-Bio-Norm produzierten Eier stieg von 468 Millionen Stück in 2008 auf mehr als 1,2 Milliarden im Jahr 2015. Das lassen sich die Kunden auch etwas kosten. Rewe plant „Spitz & Bube“-Eier in Bio-Qualität von Anfang September an in rund 200 bayerischen Rewe-Filialen anzubieten.


Ein Schritt - und doch zunächst nur ein Tropfen auf den heißen Stein, wie Kritiker anmerken. Das Nachrichtenportal der Naturkostbranche biomarkt-info rechnet dem Lebensmittelhändler vor, dass die Menge an produzierten Eiern bedeute, dass täglich 30 Eier pro Filiale pro Tag kämen - also fünf Packungen à 6 Eiern. Penny wiederum könne seinen Preis von 1,29 für sechs Eier nur erreichen, weil die Hühner in der kostensparenden Bodenhaltung ihre Eier legten.

Die Mengen, die der klassische Naturkostladen an Bio-Bruderhahn-Eiern anbietet, sind noch verschwindend geringer. Die Webseite der Vereinigung Bruderhahn führt für den Postleitzahlen-Bereich 40 kein einziges Geschäft auf. Düsseldorfer müssten nach Köln, Aachen, Bonn, Siegburg oder Brilon reisen, um dort in einem der sechs Geschäfte Bruderhahn-Eier einzukaufen.

Es wird auch noch eine Weile dauern, bis ein weiteres Verfahren so einzusetzen ist, dass die Geschlechtsbestimmung schon im Brut-Ei erfolgt. Anfang Juli stellte Bundeslandwirtschaftsminister Christian Schmidt das Verfahren in einer Brüterei, die für Rewe arbeitet, vor. Dabei wird dem Ei Flüssigkeit entnommen, die Auskunft über das Geschlecht des künftigen Huhns geben kann.



Dennoch halten Experten vom Tierschutzbund die Bemühungen für richtig. Gesteigertes Bewusstsein helfe, den derzeitigen Zustand zu beenden. Auch Pennys COO Stefan Magel lässt sich in einer Mitteilung mit den Worten zitieren „Ziel muss es sein, so schnell wie möglich zu einer verlässlichen Geschlechtsbestimmung im Ei zu kommen."

Anhand der Lohmann-Webseite lässt sich ahnen, wie wichtig es der Industrie damit ist, den Status Quo rasch zu verbessern. Jede Rasse von Lohmann LSL Classic hat einen Steckbrief. Auch das Dual-Huhn wird in einem PDF auf zwei Seiten vorgestellt. Dabei erinnert man sich gern alter Zeiten: "Ein Huhn, das Eier legt und später perfekt für einen Sonntagsbraten geeignet ist, war nichts außergewöhnliches in Omas guten alten Zeiten, aber andererseits war die hohe Leistung der heutigen Hybrid-Hühner damals undenkbar."

Doch dann kommt auch schon der Haken: Mit bis zu 50 Prozent höheren Kosten müsse der Züchter beim Futter rechnen, die Eier seien zudem kleiner. Graphiken zeigen die schneller nachlassende Legeleistung der weiblichen Hühner, deren männlichen Gegenstücke in der Fleischproduktion denen unterlegen wären, die von Anfang als reiner Fleischlieferant geplant seien. Die Leistungsbeschreibung des Huhns Dual findet sich in der Kategorie Alternative Haltung unterhalb der für Legehennen weltweit noch immer genutzten Käfighaltung: Sie steht an letzter Stelle.



KONTEXT

Der Eier-Markt in Deutschland

Wie viele Eier essen die Deutschen?

2016 aß der Durchschnittsdeutsche nach Angaben der Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung 235 Eiern. Ein Jahr zuvor waren es noch 232. Das macht insgesamt 19,2 Milliarden Eier.

Wie viele Eier werden in Deutschland produziert?

Deutsche Hennen legten im Jahr 2016 14,3 Milliarden Eier.

Wie stark sind Eier von der Inflation betroffen?

Nach Angaben des statistischen Bundesamts ist der Preis für Eier seit Dezember 2015 um 7 Prozent gestiegen.

Deckt die deutsche Eierproduktion die Nachfrage?

Die heimische Produktion deckt rund 70 Prozent der Eiernachfrage in Deutschland ab. Die restlichen 30 Prozent müssen importiert werden.