Das Billionen-Projekt

Fast ein Jahr lang wurde an der Studie gearbeitet, jetzt präsentiert der BDI das Ergebnis: Die Reduktion der Treibhausgase um 80 Prozent bis 2050 erfordert Mehrinvestitionen von 1,5 Billionen Euro. Das Echo ist geteilt.


Das Ergebnis der Bemühungen umfasst 286 Seiten, es soll Richtschnur für die Wirtschaft und Handlungsempfehlung für die Politik sein: Mit der Studie „Klimapfade für Deutschland“, gemeinsam erarbeitet mit Prognos und der Boston Consulting Group (BCG), will der Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) für Orientierung in einer zentralen Frage sorgen: Was kostet der Klimaschutz und wie bringt man ihn am effizientesten voran?

Den Berechnungen zufolge erfordert es Mehrinvestitionen von etwa 1,5 Billionen Euro, wenn Deutschland die Treibhausgasemissionen bis 2050 um 80 Prozent reduzieren will. Eine Reduktion um 95 Prozent würde gar mit Mehrinvestitionen von 2,3 Billionen Euro zu Buche schlagen. Während der BDI das 80-Prozent-Ziel als „investiven Kraftakt“ charakterisiert, der aber „gesamtwirtschaftlich darstellbar“ sei, hat der Verband beim 95-Prozent-Ziel erhebliche Vorbehalte. Das 95-Prozent-Ziel sei, so sagte es BDI-Präsident Dieter Kempf bei der Präsentation der Studie, „diplomatisch formuliert überambitioniert“.

Der Spitzenverband bewertet die zentralen Aussagen der Studie positiv: „Die gute Nachricht lautet: Klimaschutz kann volkswirtschaftlich verkraftbar gemacht werden“, sagte Kempf. Viele Industrieunternehmen könnten von ehrgeizigem Klimaschutz sogar profitieren. „Für andere müssen entstehende Risiken tragbar gemacht werden“, sagte Kempf. Das Echo auf die Ergebnisse der Studie ist geteilt. „Wenn sogar der BDI unterstreicht, dass Ökonomie und Ökologie Hand in Hand gehen, verlieren die reaktionären Kräfte bei Union und SPD auch das letzte Argument gegen ehrgeizigen Klimaschutz“, sagte ein Greenpeace-Sprecher.


Vorbehalte sind bei den energieintensiven Industrien herauszuhören. „Die Minderung von Treibhausgasen in Deutschland um 80 Prozent bis 2050 kann nur mit einer kosteneffizienten, innovationsfördernden und technologieoffenen Klimapolitik gelingen. Andernfalls gefährdet der Umbauprozess Wachstum, Wettbewerbsfähigkeit und Arbeitsplätze“, warnte der Verband der Energieintensiven Industrien in Deutschland (EID). Die langfristigen Klimaziele stellten die EID-Branchen Baustoffe, Chemie, Glas, Nichteisenmetalle, Papier und Stahl vor besondere Herausforderungen, da sie durch ihre Vorleistungen für die gesamte industrielle Wertschöpfungskette einen Großteil des nötigen Energieeinsatzes und der Treibhausgasemissionen schulterten. Sie seien bereits heute durch den Emissionshandel und zusätzliche Kosten für die nationale Energiewende stark belastet.

Adrian Willig, Geschäftsführer des Instituts für Wärme und Öltechnik (IWO), kritisierte die von Millionen Eigenheimbesitzern oder auch Pendlern zu tragenden Kosten würden nur unzureichend berücksichtigt. Zudem müssten auch Akzeptanz und Praktikabilität stärker beachtet werden, wie zum Beispiel die Akzeptanz des Windenergie-Ausbaus oder die technische Eignung von Strom-Wärmepumpen in Bestandsbauten. „Realistischer wäre es, im Hinblick auf ein klimaneutrales Deutschland 2050 alternative flüssige Energieträger in den Zukunftsszenarien, gerade auch im Gebäudebereich, noch stärker zu berücksichtigen“, sagte Willig.

Aber es gibt auch vorbehaltlose Zustimmung. „Energiewende und Klimaschutz stellen eine große Chance für unsere Volkswirtschaft dar. Wir brauchen ohnehin massive Investitionen in unsere Infrastruktur. Da kommen also zwei Dinge zusammen, die sich perfekt ergänzen. Gleichzeitig machen wir uns damit weniger abhängig vom Import fossiler Energieträger“, sagte Jürgen Geißinger, Chef des Windkraftanlagenherstellers Senvion, dem Handelsblatt. „Das Beharrungsvermögen mancher Branchen verwundet mich“, sagte Geißinger. Stillstand dürfe nicht belohnt werden. „Jeder muss die neuen Realitäten erkennen und sich verändern. Wir als Windindustrie haben in unserer Branche die Herstellungskosten für Strom halbiert“, sagte er.

Die Bandbreite der Reaktion spiegelt die Betroffenheit einzelne Branchen wider. Es sei „völlig klar“ gewesen, dass man mit der Studie einen breiten Diskurs auslöse, sagte Kempf. Es gebe in der Debatte um den Klimaschutz „stärkere Gewinner, weniger starke Gewinner und vielleicht sogar Verlierer“, sagte Kempf.