Korruptionsfälle haben Bilfinger Millionen gekostet. Nun verklagt der Aufsichtsrat Ex-Vorstände auf Schadensersatz. Unter ihnen ist auch Roland Koch.

Korruptionsfälle haben Bilfinger Millionen gekostet. Nun verklagt der Aufsichtsrat Ex-Vorstände auf Schadensersatz. Unter ihnen ist auch Roland Koch.


Gerade noch konnte Vorstandschef Tom Blades verkünden, dass er mit Bilfinger auf einem guten Weg ist. Die Jahreszahlen ließen für den Mannheimer Industriedienstleister hoffen – auch, dass es nun ein wenig ruhiger wird um den krisengeschüttelten Konzern.

Doch von Ruhe ist man in Mannheim weit entfernt. Am späten Nachmittag teilte Bilfinger mit, dass der Aufsichtsrat ehemalige Vorstände auf Schadensersatz verklagt. Betroffen sind alle Vorstandsmitglieder aus den Jahren 2006 bis 2015, die bis Jahresende 2014 in das Gremium eintraten. Der Grund: fehlendes Handeln in Sachen Compliance – also die Nicht-Einhaltung von Gesetzen und Richtlinien. Die Ansprüche belaufen sich laut Bilfinger auf einen kleinen dreistelligen Millionenbetrag.

Die fraglichen Vorgänge fielen in die Amtszeit der Vorstandsvorsitzenden Herbert Bodner (1999 bis 2011 sowie 2014/15) und Roland Koch (2011 bis 2014), dem früheren hessischen Ministerpräsidenten. In dem genannten Zeitraum waren insgesamt zwölf Manager als Vorstände für Bilfinger tätig. Aus Kreisen hört man, die rechtliche Lage habe den Schritt erforderlich gemacht.


„In welcher genauen Höhe Schadensersatzansprüche bestehen und inwieweit diese tatsächlich durchgesetzt werden können, steht zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht fest“, teilte das Unternehmen mit. „Auch wurde noch keine Entscheidung darüber getroffen, welche ehemaligen Vorstandsmitglieder in welcher konkreten Höhe in Anspruch genommen werden sollen."

Roland Koch erklärte in einer Stellungnahme, er sei „befremdet“ und sich keinerlei Schuld bewusst. Das Unternehmen habe über dreieinhalb Jahre hinweg keinen einzigen konkreten Vorwurf erhoben, so sein Sprecher. Der Aufsichtsratsvorsitzende Eckhard Cordes wollte sich nicht äußern.

Wer das Vorgehen verstehen will, muss ein Stück zurückgehen in der Bilfinger-Geschichte. Damals war Bilfinger noch ein Baukonzern und in vielen Regionen aktiv – auch in Afrika. Und dort gab es Korruptionsfälle, die das Unternehmen bis heute belasten.

2003 waren drei Bilfinger-Manager in Nigeria an der Bestechung einer staatlichen Ölgesellschaft beteiligt gewesen. Bilfinger hatte nigerianischen Regierungsvertretern sechs Millionen Dollar Bestechungsgelder gezahlt, um an Aufträge bei dem Pipeline-Projekt Eastern Gas Gathering System (EGGS) zu kommen.

Zehn Jahre nach dem Korruptionsfall in Nigeria zahlte Bilfinger eine Strafe in Höhe von 32 Millionen US-Dollar und akzeptierte eine Aufsicht der US-Justizbehörde, einen sogenannten Monitor, und deren Auflagen. Roland Koch, der Bilfinger damals anführte, sagte: „Wir sind froh, diese Vorgänge aus lang zurückliegender Vergangenheit nun abschließen zu können.“ Doch ganz so einfach war es nicht.

2014 gab es einen weiteren Korruptionsfall: Die Bilfinger-Tochter Mauell zahlte hohe Summen an Schmiergeldern, um sich Bauaufträge für die Fußball-Weltmeisterschaft 2014 in Brasilien zu sichern. Auch dieser Vorfall fällt in die Zeit, als Koch Bilfinger-Chef war.

Im Nachhinein ging der Fall für Bilfinger glimpflich aus – wenigstens rein monetär. Denn der Kauf des Unternehmens wurde rückabgewickelt, und es gab eine Kompensationszahlung an Bilfinger. Doch der Imageschaden ist gewaltig.


Der Konzern steckt mitten in der Transformation

Und: All das hätte dazu führen müssen, dass Vorstände und Aufsichtsräte alles darangesetzt hätten, dass wenigstens in Zukunft Compliance-Regeln eingehalten und Gesetze befolgt werden. Doch das ist nicht geschehen – wenigstens nicht ausreichend, urteilten die Amerikaner.

Denn der Monitor, der erst einmal für 18 Monate eingesetzt wurde, wurde im Herbst 2016 verlängert, weil die Auflagen nicht erfüllt waren, und läuft nun noch bis Ende des Jahres – vorausgesetzt, die US-Aufseher sind dann zufrieden. Neben der Strafzahlung und dem Imageverlust investierte Bilfinger 100 Millionen Euro in ein funktionierendes Compliance-System.

In einem früheren Interview mit dem Handelsblatt sagte Olaf Schneider, der für das Thema Compliance bei Bilfinger zuständig ist: „Sie wissen, dass wir viele Wechsel im Aufsichtsrat und Vorstand in den vergangenen Jahren hatten. Mit dem neuen Team haben wir nun alle Möglichkeiten! Wir machen erkennbar Fortschritte, der Wandel ist auf allen Ebenen spürbar.“

Louis Freeh, der frühere Chef der US-Bundespolizei FBI, Richter und Staatsanwalt, der Bilfinger berät, schätzte die Lage so ein: „Die Führung muss dahinterstehen, sie muss ein wirklich sauber agierendes Unternehmen wollen, das ist das Wichtigste. Und das ist nach meiner Einschätzung bei Bilfinger absolut der Fall. Wenn das gegeben ist, dann ist es nur noch Handwerk, die richtigen Systeme zu implementieren.“ Und offensichtlich will man genau das bei Bilfinger.


Denn Bilfinger steckt in einer Transformation. Seit 2014 kam es bei dem Konzern zu mehreren Chefwechseln: Nach mehreren Gewinnwarnungen nahm zunächst der CDU-Politiker Koch seinen Hut. Er begründete dies auch mit Differenzen mit dem Aufsichtsrat. Auf ihn folgte als Interimschef sein Vorgänger Bodner. Der Norweger Per Utnegaard, der nicht von den Vorwürfen betroffen ist, blieb anschließend noch nicht einmal ein Jahr, bevor 2016 Tom Blades das Ruder übernahm.

Blades, der 2016 von Linde zu Bilfinger kam, ist mit seinen Kollegen angetreten, um den Konzern zu reformieren. Nicht nur, um ihn wieder in die Gewinnzone zu führen, sondern auch, um aus dem Unternehmen ein anderes zu machen: transparent, modern, fortschrittlich.

Dafür hat Blades im Februar 2017 eine neue Strategie namens „2-4-6“ aufgesetzt. Dahinter steckt Konzentration des Industriedienstleisters auf zwei Geschäftsfelder: das größere, Wartung und Anlagenbetrieb (MMO), und die Ingenieurdienste (E & T). Der Konzern ist zudem in vier Regionen aktiv und bedient sechs Sparten: Chemie und Petrochemie, Energie und Versorgung, Öl und Gas, Pharma und Biopharma, und Metallurgie und Zement.
Dass nun bei Bilfinger ein anderer, frischerer Wind weht, machen auch die Worte von Vorstandsmitglied Michael Bernhardt deutlich: Es gebe nicht das eine, das wichtig für Bilfinger und den Umbau wäre. „Es ist eine Kombination aus Finanzzahlen, Compliance, Strategie, Investition, kultureller Wandel.“

Die Zahlen zeigen, dass Bilfinger noch nicht so richtig gut dasteht: Das bereinigte Konzernergebnis 2017 hat sich von minus acht auf minus neun Millionen Euro verschlechtert. Der Konzernverlust liegt bei 89 Millionen Euro. Ein Jahr zuvor hatte hierein Gewinn 271 Millionen Euro gestanden, aber vor allem wegen der Erlöse aus dem Verkauf der Immobiliensparte.

Das Ergebnis vor Steuern, Zinsen und Abschreibungen (Ebitda) betrug 2017 minus 118 Millionen Euro. Immerhin – das ist eine Verbesserung gegenüber dem Vorjahreswert (minus 221 Millionen Euro). Milliarden aus einer Schadensersatzklage kämen also gerade recht. Doch wie aussichtsreich diese sein könnte, ist erst einmal unklar.