Bilfinger-Sanierung bleibt mühsam

Vorstandschef Tom Blades steht 2018 vor dem Abbau weiterer Altlasten. Aber von einem strahlenden Comeback ist der Sorgenkonzern Bilfinger noch weit entfernt.

Bilfinger ist so etwas wie die SPD der deutschen Unternehmenslandschaft: Selbstfindungsqualen seit Jahren, hilflose Strategiewechsel, ein Karren tief im Dreck. Eines aber hat der frühere M- und jetzt nur noch S-Dax-Konzern der früheren Volkspartei voraus: Einen Krisenmanager, der den richtigen Ton trifft und sich nicht als Lichtgestalt geriert wie seine überschätzten und gescheiterten Vorgänger.

Bilfinger-Chef Tom Blades, ein studierter Elektrotechniker, kommt bis ins Detail kompetent daher und weckt durch nüchterne Zurückhaltung Zuversicht. Zuversicht nämlich, dass seine bescheidene Zustandsbeschreibung des Unternehmens im Kern stimmt: "Wir sind noch lange nicht da, wo wir hin wollen, aber wir sind auf dem Weg." Der "Weg nach vorn", ergänzt der Brite im Duktus der Erfolgssänger der singenden Söhne Mannheims um Xavier Naidoo, "ist kein kein leichter Weg".

Man sieht es an den Zahlen für 2017. Ganz knapp nur konnten Blades und sein Finanzchef Klaus Patzak verhindern, dass ihr Unternehmen nach der schon erfolgten Umsatzhalbierung von acht auf vier Milliarden Euro nun auch noch unter die Schwelle von vier Milliarden rutschte. "Psychologisch wichtig" nennt Blades die Vier vor dem Komma in der heutigen Bilanz-Pressekonferenz. Nicht auszuschließen, dass da ein bisschen Bilanzartistik helfen musste.




In einem Jahr aber, wenn es um die Zahlen für 2018 geht, wird Blades – mehr als heute – Bilfinger als erneuertes Unternehmen präsentieren können. Dafür sprechen mehrere Faktoren:

  • Die diesjährige Bilanz-PK war die letzte in der alten Konzernzentrale. Mitte des Jahres wird Bilfinger innerhalb der Stadt umziehen und den Schauplatz des Herabwirtschaftens hinter sich lassen. Die nun noch 220 Mitarbeiter in der Mannheimer Zentrale dürfen davon ausgehen, dass der Personalabbau abgeschlossen ist und ihre Arbeitsplätze am künftigen Standort einigermaßen sicher sind.
  • Bei der Bilanzpräsentation in einem Jahr ist die US-Aufsicht über das Unternehmen nach rund vier Jahren voraussichtlich beendet. Bilfinger hat dann wegen früher Korruptionsfälle rund 100 Millionen Euro in sein Compliance-System investiert. Das Geld steckt in 13 Einzelprogrammen, deren Entwicklungsstand Blades und ein Expertenteam im Herbst nochmals in Washington präsentieren werden, um das US-Justizministerium endgültig zu überzeugen. Eine teure Versicherung gegen neue Skandale – aber sie sollte funktionieren.
  • Die letzten der verlustbringenden 13 Unternehmen, die Blades abstoßen will, wird Bilfinger in einem Jahr verkauft haben. Was dann noch zur immer noch hohen Zahl von fast 200 Einzelunternehmen zählt, gehört dann zumindest Kerngeschäft und zur Strategie.

Trotz dieses Szenarios kann es sein, dass die Vergangenheit auch in einem Jahr präsenter sein wird als es Blades lieb ist. Denn derzeit lässt der Bilfinger-Aufsichtsrat Schadenersatzansprüche gegen den Ex-Politiker und ehemaligen Bilfinger-Vorstandschef Roland Koch sowie gegen drei weitere ehemalige Bilfinger-Vorstände prüfen.




Auch wenn das im Interesse des Unternehmens und seiner Aktionäre ist, stehen dadurch erneut die Jahre im Mittelpunkt, in denen die vermeintliche Lichtgestalt Koch mit der Führung des Unternehmens heillos überfordert war und es in die fulminante Krise steuerte, die Blades nun mühsam therapiert. In einem Statement dazu vermeidet Blades heute, seinen Vorvorgänger namentlich zu nennen und bezeichnet Koch wie ein peinliches Missverständnis als den "erwähnten Herrn".

"Die Schritte nach vorn werden größer" und die Rückschritte kleiner, sagt Blades. Was bedeutet: Auch Rückschritte gehören noch zur Realität von Bilfinger. Den Break-Even erwartet Finanzchef Patzak erst für 2019. Mitschuld daran sind das "weiter schwierige Marktumfeld" für Industriedienstleistungen, von denen Bilfinger inzwischen ausschließlich lebt. Auch Bilfingers Kunden im Öl- und Gasgesvhäft sind laut Blades mit Investitionen "nach wie vor sehr vorsichtig". Immerhin profitiert Bilfinger vom Bau der Ostsee-Pipeline Nord Stream 2. Bereits 2017 lieferte das Unternehmen die Leit- und Überwachungstechnik sowie die Sicherungssysteme für rund 15 Millionen Euro. Anschlussaufträge sind möglich.




Dass der Abstieg in den S-Dax das Interesse von Investoren bremst, bestreitet Finanzchef Patzak: "Da die meisten unserer Investoren einen Small- und Midcap Fokus haben, fallen wir nach wie vor in deren Anlageuniversum." Das Interesse an Bilfinger hänge nicht von der MDax Zugehörigkeit ab. Patzak konstatiert angesichts "unserer weit fortgeschrittenen Stabilisierung in Verbindung mit ersten positiven Zeichen" sogar "eine hohe Nachfrage nach Gesprächen".

Heute allerdings stützen Aktienrückkäufe den Bilfinger-Kurs. Ende des Jahres wird das Rückkauf-Programm aber abgeschlossen sein. Bilfinger ist von einem strahlenden Comeback noch weit entfernt. Seine Dividenden – versprochen ist ein Euro pro Aktie auch für 2018 – zahlt das Unternehmen auch in einem Jahr noch nicht aus Gewinnen, sondern aus der Substanz.