Bildung und Corona: Schüler lernen drei Stunden weniger am Tag als vor der Pandemie

Franziska Telser
·Lesedauer: 4 Min.

Die Corona-Pandemie sorgt nach wie vor für starke Einschnitte im alltäglichen Leben. Eine zentrale Maßnahme zur Eindämmung des Virus sind im Verlauf der Pandemie auch Schulschließungen gewesen. Seit Mitte Dezember vergangenen Jahres fällt der Präsenzunterricht für viele Schüler wieder weitgehend aus. Stattdessen heißt es für sie: Home-Schooling und Online-Unterricht.

Wie sich das auf Kinder und Eltern auswirkt, hat das Ifo Institut aus München untersucht. Mehr als 2.000 Eltern von Schülerinnen und Schülern an allen allgemeinbildenden Schulen — also Grundschulen, Haupt-, Real- und Gesamtschulen, Gymnasien und sonstigen weiterführenden Schularten — haben die Experten befragt. Und zwar jeweils über ihr jüngstes Schulkind.

Die Ergebnisse sind wenig zufriedenstellend: Durchschnittlich 4,3 Stunden täglich lernten die Kinder, hatten (Distanz-)unterricht oder machten Hausaufgaben. Das ist zwar etwa eine Dreiviertelstunde mehr als noch im Frühjahr 2020 – zu diesem Zeitpunkt hatte das Institut eine erste Befragung unter Eltern zu den Schulschließungen durchgeführt. "Es sind aber auch drei Stunden weniger als an einem Schultag vor der Corona-Pandemie", sagt Ludger Wößmann, Leiter des Ifo Zentrums für Bildungsökonomik, bei einer Pressekonferenz zum Thema.

Besonders bedenklich sei zudem, dass 23 Prozent der Kinder sich nicht einmal mehr als zwei Stunden am Tag mit der Schule beschäftigt haben. Ein Jahr nach Beginn der Krise zeigen sich also immer noch massive Lernzeitverluste, so die Forschenden.

Etwas mehr Zeit als mit Lernen verbrachten die Kinder beim Computerspielen, vor dem Fernseher oder mit dem Handy — nämlich 4,6 Stunden täglich. Im Frühjahr 2020 waren es mit 5,2 Stunden sogar noch mehr. Allerdings muss hier angemerkt werden, dass diese Zahl auch vor der Pandemie mit vier Stunden täglich vergleichsweise hoch lag. Lesen, Musik, kreative Gestaltung oder Bewegung nahmen dagegen nur 2,9 Stunden der Schüler täglich in Anspruch.

Schlechtes Zeugnis für die Schulpolitik

Ein gutes Zeugnis für die Schulpolitik sieht anders aus. Täglichen Unterricht mit der ganzen Klasse — zum Beispiel per Video — gab es nur für rund ein Viertel der Schüler. Immerhin ist das eine deutliche Steigerung zum ersten Lockdown. Denn im Frühjahr 2020 lag diese Zahl noch bei sechs Prozent. "Den Schulen ist es etwas besser gelungen, mehr Schüler zu erreichen", sagt Katharina Werner, die ebenfalls an der Untersuchung des Ifo Instituts beteiligt war.

Die schlechte Nachricht sei jedoch, dass nach einem Jahr Pandemie immer noch knapp 40 Prozent nur maximal einmal pro Woche Videounterricht bekommen. Trotz "langer Vorlaufzeit und nach eindringlichen Appellen von Eltern und Wissenschaft" ist es laut den Ifo-Forschenden nicht gelungen eine "angemessene Beschulung aller Kinder und Jugendlichen" sicherzustellen.

Schulschließungen beeinträchtigen soziale Fähigkeiten der Kinder

Die Situation wirkt sich deutlich auf die Psyche der Eltern und auch der Kinder aus. So gab gut die Hälfte der befragten Mütter und Väter an, die Schulschließungen würden sie beziehungsweise ihre Kinder seelisch belasten. Am schlimmsten ist für die Jungen und Mädchen, nicht mehr ihre Freunde treffen zu können. Etwas mehr als die Hälfte der Eltern (55 Prozent) stimmten der Aussage zu, dass die Schulschließungen den sozialen Fähigkeiten ihres Kindes geschadet haben. Ein gutes Drittel beobachtete zudem eine Gewichtszunahme bei ihren Kindern.

Als positiv empfanden viele der Eltern dagegen, dass ihr Kind durch die Schulschließungen gelernt hat, sich eigenständig Unterrichtsstoff zu erarbeiten (56 Prozent) und mit digitalen Techniken besser umzugehen (66 Prozent). Tatsächlich empfanden sogar etwa ein Viertel der Eltern (28 Prozent) die Schulschließungen eher als nützlich denn als schädlich.

Das liegt laut Wörner und seinen Kollegen aber eher daran, dass die Schüler ohne Präsenzunterricht weniger von Schikane oder Mobbing betroffen sind. 22 Prozent der Eltern denken auch, dass ihr Kind zu Hause mehr lernen kann als in der Schule — allerdings sind auch 56 Prozent von dem genauen Gegenteil überzeugt.

Förderungsbedürftige Schüler leiden besonders unter der Situation

Ein Problem, dass die Forschenden des Ifo Instituts besonders hervorhoben: Förderungsbedürftige Schüler scheinen in der Pandemie am meisten auf der Strecke zu bleiben. So haben beispielsweise Kinder von Nichtakademikern eine höhere Wahrscheinlichkeit gar keinen Online-Unterricht zu erhalten, als Kinder von Akademikern. Das liegt laut den Forschenden vom Ifo Institut zum Teil daran, dass weiterführende Schulen wie Gymnasien tendenzielle mehr Online-Unterricht anbieten.

Zudem haben Kinder von Nichtakademikern deutlich weniger Förderangebote wie Nachhilfe oder Ferienkurse in Anspruch genommen. "Maßnahmen, die eigentlich benachteiligte Kinder erreichen sollten, wurden überproportional von Akademikerkindern genutzt", sagt Wößmann. Um Lernverluste zu kompensieren, müsse hier dringend nachgebessert werden.