Warum Bildung für Afrika so wichtig ist

Bildung sollte absolute Priorität in der Entwicklungszusammenarbeit erhalten, fordert das Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung. Besonders dramatisch ist die Lage in der Sahel-Zone.


Afrika ist ins Zentrum der politischen Debatten gerückt – nicht nur heute zum Beginn des EU-Afrika-Gipfels in Abidjan, Elfenbeinküste. So wenig präsent der Kontinent in den geistigen Landkarten von Investoren auch sein mag – seine Bedeutung für die Regierungen der Länder, die Ziel einer wachsenden Zahl afrikanischer Einwanderungswilliger sind, steigt.

Umso größer wird damit nicht nur bei einer Kanzlerin, die die „Bekämpfung von Fluchtursachen“ zu einem ihrer großen Ziele erklärt, wohl auch das Interesse an Antworten auf die Frage sein, wie das denn zu machen sei. Eine entschiedene Antwort bietet nun pünktlich zum Gipfel das „Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung“. Sie lautet: Kurzfristig sind die Möglichkeiten begrenzt, aber langfristig ist eine bessere Bildung der afrikanischen Bevölkerung die zentrale Aufgabe.

Der Direktor des Berlin-Instituts, der Bevölkerungsforscher Reiner Klingholz, hat der Kanzlerin eine Studie mit auf die Reise nach Afrika gegeben, die Bildung als entscheidenden Hebel der Entwicklungspolitik ausmacht. Die Diagnose von „Education first!“ ist zunächst eher deprimierend: In den französischsprachigen Ländern der Sahel-Zone unmittelbar am Südrand der Sahara verbinden sich extremes Bevölkerungswachstum, stagnierende Volkwirtschaften und katastrophaler Bildungsstand zu einem Teufelskreis, der durch Islamismus und politische Instabilität noch zusätzlich angeheizt wird.




In Niger (Platz 187 von 188 auf der HDI-Entwicklungsrangliste) bekommen Frauen im Schnitt 7,15 Kinder, von denen mehr als die Hälfte nie eine Schule besuchen. Mit einem BIP pro Kopf von 978 US-Dollar ist es selbst für afrikanische Verhältnisse besonders arm. In den anderen Sahel-Ländern Senegal, Mauretanien, Mali, Burkina Faso, Tschad, sieht es nur wenig besser aus. Auch in Nigeria, dem mit 5.867 Dollar BIP pro Kopf deutlich wohlhabenderen, bevölkerungsreichsten Land Afrikas (190 Millionen Einwohner), konnten 2015 in den nördlichen Regionen zwischen 54 und 75 Prozent der Frauen und 17 bis 48 Prozent der Männer nicht lesen und schreiben.

Gründe für die Bildungsmisere sind vielfältig

In allen genannten Ländern gingen im Jahr 2015 immer noch 32 Millionen Kinder im Grundschulalter nicht zur Schule. Damit lebt mehr als die Hälfte der Kinder weltweit, die keinen Zugang zu elementarer Bildung haben, in Subsahara-Afrika. Ein Viertel der 15- bis 24-Jährigen kann nicht lesen und schreiben.

Die Gründe für die Bildungsmisere sind vielfältig. Einerseits fehlt es besonders in den extrem armen Ländern wie Mali und Niger an finanziellen Möglichkeiten, außerdem halten es immer noch viele Eltern für überflüssig, ihre Kinder auf Schulen zu schicken, dazu kommen schlecht organisierte öffentliche Bildungssysteme. Und die prekäre Sicherheitslage.




Die Bildungssituation innerhalb Nigerias zeigt ein steiles Gefälle, das kennzeichnend für Afrika insgesamt ist: Die nördlichen Landesteile, die zur Sahelzone gehören, fallen deutlich ab gegenüber den südlicheren Provinzen. Es sind die Regionen, in denen die islamistische Terrorgruppe „Boko Haram“ ihr Unwesen treibt. Ihr Name bedeutet übersetzt: „Westliche Bildung ist Sünde“. Nach Angaben von Human Rights Watch hat Boko Haram zwischen 2009 und 2015 etwa 600 Lehrer ermordet und 19.000 vertrieben. Die Terroristen zerstörten 900 Schulen, 1500 weitere mussten zeitweise schließen.

„Bildung ist der zentrale Hebel, um einen sozioökonomischen Wandel einzuleiten und die Staaten südlich der Sahara auf einen positiven Entwicklungspfad zu bringen“, heißt es in der Studie. „Besser gebildete Frauen entscheiden sich für deutlich kleinere Familien und haben damit einen erheblichen Einfluss auf die Bevölkerungsdynamik und die ökonomischen Möglichkeiten ihrer Länder.“ Ein höheres Bildungsniveau bei sinkenden Kinderzahlen eröffne den Staaten südlich der Sahara die Aussicht auf eine „demografische Dividende“ und damit auf einen Entwicklungsschub, wie ihn einst die asiatischen Tigerstaaten erlebt haben.


Kann Südkorea ein Vorbild sein?

Als Vorbild nennen Klingholz und Kollegen Südkorea, das nach dem Bürgerkrieg 1953 ärmer als manche afrikanischen Länder war. „Die südkoreanische Regierung investierte gezielt in Bildung und Familienplanungsprogramme und erreichte auf diesem Wege, dass die durchschnittliche Kinderzahl pro Frau binnen 30 Jahren von 6,3 auf 1,6 sank. Ausländische Investoren schufen zudem Tausende von Arbeitsplätzen in der Massenfertigung und sorgten so dafür, dass die vielen, halbwegs gut gebildeten Erwerbsfähigen bezahlte Arbeit fanden. Mit steigendem Wohlstand investierten Eltern und Staat wiederum mehr in die Bildung der kleiner werdenden Nachwuchsjahrgänge. Diese konnten dann Schritt für Schritt in produktivere Industriebereiche mit höherer Wertschöpfung aufsteigen.“  Selbst Länder wie Bangladesch, Vietnam oder Kambodscha, die allesamt schlechtere Startbedingungen hatten als viele afrikanische Staaten heute, haben so einen Ausweg aus dem Kreislauf von hohem Bevölkerungswachstum, Armut und Perspektivlosigkeit gefunden.




Die Sahel-Staaten zeigten sich allerdings, so Klingholz, zunehmend überfordert, aus eigener Kraft der wachsenden Zahl ihrer Kinder einen Schulplatz zu garantieren „geschweige denn für ein Mindestmaß an Qualität zu sorgen“. Das Berlin-Institut vermutet ein „Effizienzproblem im Bildungssektor, denn die staatlichen Ausgaben für Bildung sind in den meisten Sahelländern vergleichsweise hoch“.

Bis auf Mauretanien und Tschad erfüllen sie die Empfehlungen der Vereinten Nationen, vier bis sechs Prozent des BIP in Bildung zu investieren. Daher empfiehlt Klingholz nicht nur eine Steigerung des Anteils der Ausgaben für Bildungszwecke an den Gesamtausgaben Deutschlands und anderer Industriestaaten für Entwicklung. Von den insgesamt 8,3 Milliarden US-Dollar an Entwicklungshilfe für die Sahelregion kamen nur sechs Prozent Bildungszwecken zugute.




Ausgaben für Bildung nahmen im Budget der deutschen Entwicklungszusammenarbeit 2015 mit etwa zwölf Prozent den drittgrößten Posten ein. Weit hinter den Ausgaben für die Versorgung von Flüchtlingen in Deutschland und Investitionen im Bereich Finanzdienstleistungen und Geschäftsunterstützung. Etwa die Hälfte der Bildungsausgaben entfiel auf die Förderung ausländischer Studierender, die meist an deutschen Universitäten eingeschrieben sind.

Es sei zu betonen, so die Studie, „dass Migration keine Lösung für strukturelle Entwicklungshemmnisse darstellt – schon gar nicht irreguläre Migration ohne Bleibeperspektive. Nur eine bessere Bildung der jungen Bevölkerung birgt Chancen für die Entsendestaaten, die Empfängerländer sowie die Migranten selbst.“ Denn nur wenn Menschen aus Afrika auf Grund ihrer Fähigkeiten und auf legalem Wege einen Arbeitsplatz im Ausland fänden, könnten sie durch Rücküberweisungen und Wissenstransfer zum Fortschritt ihrer Heimatländer beitragen.