Bilder, Kritik und Pasta

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Bilder, Kritik und Pasta

Vor einem Jahr zerstörte ein schweres Erdbeben Dörfer und Häuser in Mittelitalien. Wie sieht es heute aus? Ist die Hilfe angekommen? Wie weit ist der Wiederaufbau? Und was machen die Menschen?


Um 3:36 Uhr in der Nacht bebt die Erde. Die Wände wackeln, das Bett schlingert und es will nicht aufhören. Das Erdbeben hat Stärke 6, das wird am nächsten Tag bekannt. Es ist schrecklich, ein Alptraum. Und um 4:33 Uhr dann das zweite Beben. Genauso schlimm — an Schlaf ist in dieser Nacht nicht mehr zu denken.

Das war vor einem Jahr, am 24. August 2016. Und obwohl das Epizentrum mehr als hundert Kilometer entfernt in den Abruzzen lag, wurden auch die Bewohner Roms aus dem Schlaf gerissen. Seitdem hat es weitere starke Erdbeben in Italien gegeben. Zuerst im Oktober, dann im Januar. Das letzte war auf Ischia am Montagabend. Dazu kommen viele kleinere Erdstöße zwischendurch, die das Nervenkostüm strapazieren. 67-mal hat die Erde gebebt seit dem vergangenen Sommer mit einer Stärke von mindestens 4, steht in der Statistik des Nationalen Instituts für Geophysik und Vulkanologie INGV. Alle sind schreckhafter geworden seitdem.


Die Bilanz des 24. August 2016: 299 Tote, die Orte Accumuli, Amatrice, Arquata del Tronto und Norcia fast komplett zerstört. 140 Gemeinden sind betroffen. Hunderte von Menschen werden obdachlos. Dazu kommt, dass die Region im Gebirge unzugänglich ist und die abgelegenen Dörfer schwer zu erreichen sind. Die Zahl der Opfer ist so hoch, weil die sonst dünn besiedelte Region in der Sommerzeit voller Touristen ist, die Abkühlung im heißen italienischen Sommer suchen. Deshalb waren unter den Opfern auch viele Römer.

Was bleibt nach einem Jahr? Erinnerungen. Bilder. Und Kritik. Doch auch das Staunen über selbstlose Hilfe, die auch nach Monaten noch ohne Pause weiterläuft.


Das staatliche Fernsehen RAI sendet zum Jahrestag auf allen Kanälen beinahe rund um die Uhr Reportagen aus Amatrice und den anderen Städtchen, erzählt die Geschichte von den Menschen, die wieder von vorne anfangen mussten. Schon am Morgen nach dem Erdbeben liefen Spendenaufrufe und die Italiener gaben, was sie hatten. Freiwillige Helfer mussten zurückgewiesen werden, so zahlreich waren sie spontan nach Accumoli und Amatrice gefahren. Der italienische Zivilschutz, der koordinierte, sprach von 13.000 Freiwilligen.

Und kein Minister – auch der damalige Premier Matteo Renzi nicht — machte Katastrophen-Tourismus, um schöne Fernsehbilder zu produzieren. Nein, die Hilfe war schnell und konkret. Premier Paolo Gentiloni war jetzt kurz vor dem Jahrestag vor Ort, in Arquata. Dort musste er sich auch Kritik anhören.


Die Trümmer sind immer noch nicht weggeräumt


Denn Kritik gehört dazu — das ist bei Katastrophen wie Überschwemmungen in Deutschland nicht anders. Und in Italien ist die Kritik am Staat schon fast ein Reflex. Es dauert zu lange bis die Hilfe ankommt, das Geld reicht nicht, klagen die Bürgermeister. Wortführer des Protests ist Sergio Pirozzi, der Bürgermeister von Amatrice. „Es wird nicht genug getan. Und es ist doch eine Verarschung, dass wir von den Steuern befreit werden”, tönt er im Fernsehen und in großen Interviews, „es gibt nur Steuergutschriften.”

Dagegen seien nur 534 Übergangshäuser fertig von den 3827, die 51 Gemeinden bestellt hätten. Petrucci, sein Amtskollege aus Arquata del Tronto, klagt, dass die Trümmer noch nicht weggeräumt seien. „Nach einem Jahr  haben wir immer noch Notstand“, sagt er, „noch immer können wir nicht ins historische Zentrum der Stadt, weil dort die Trümmer noch liegen. Solange die nicht weg sind, können wir nicht an Wiederaufbau denken.“


Premier Gentiloni nahm ihm in seiner ruhigen Art den Wind aus den Segeln: „Nicht alles läuft mit der notwendigen Geschwindigkeit“, sagte er beim Besuch im Erdbebengebiet, „aber der Hilfsplan steht und er ist gut. Natürlich kann und muss man mehr machen." Schon vor einem Jahr hat die Regierung entschieden, eine andere Strategie als beim Erdbeben in Aquila vor 17 Jahren anzuwenden: Dezentral wird geholfen und wieder aufgebaut, mit Hilfe der örtlichen Verwaltung — nicht zentralistisch von Rom gelenkt. Und ein Wunsch der Bürgermeister wurde realisiert: Die Orte sollen dort wieder aufgebaut werden, wo sie waren. Es sollen keine neue Satellitenstädte entstehen.

Und es gibt das Symbol des Neuanfangs trotz aller Verspätungen und aller Kritik. Und es hat natürlich mit Essen zu tun, selbstverständlich mit Pasta: Der „Tempel der Amatriciana“, das Restaurant Roma in Amatrice, hat Ende Juli wieder aufgemacht. Nicht im Zentrum, wo es stand. Da wurde alles zerstört und es liegen noch die Trümmer überall. Sondern in der brandneuen „Food Area“ ein paar hundert Meter entfernt. Auf der grünen Wiese wurde eine Piazza mit Rathaus, Supermarkt, acht Restaurants und einer Schulkantine nach Plänen des Architekten Stefano Boeri gebaut — moderne Konstruktionen mit viel Holz und Glas.

Das „Roma“ mit seinen 300 Plätzen ist seitdem ständig voll. Alle wollen die „Spaghetti all’amatriciana“ essen, die Nudeln mit der scharfen Tomatensoße mit Speck, Peperoncino und Pecorino, die nach der Stadt Amatrice benannt sind. Auch so kann das Trauma des Erdbebens überwunden werden. Vielleicht wird die „amatriciana“ sogar Teil des Unesco-Weltkulturerbes. Der Bürgermeister hat schon den Vorschlag eingereicht.