Nicht aus Bianchi gelernt? Heftige Kritik an FIA nach Kran-Zwischenfall

Ruben Zimmermann
·Lesedauer: 5 Min.

Charles Leclerc war "etwas geschockt", als er am Samstag im Qualifying in Istanbul zu Beginn von Q2 einen Kran am Streckenrand sah. Sechs Jahre zuvor hatte der Monegasse auf exakt diese Art seinen guten Freund Jules Bianchi verloren. Beim Großen Preis von Japan 2014 kollidierte der Franzose mit einem Kran und verstarb später an den Folgen.

Anschließend war man sich in der Formel 1 einig, dass es solche Szenen nie wieder geben darf. Und doch brachte man die Piloten am Samstag unnötig in Gefahr, als man Q2 freigab, obwohl sich ein Bergungsfahrzeug noch am Streckenrand befand. "Haben wir denn nichts aus der Vergangenheit gelernt?", twitterte Ex-Formel-1-Pilot Marcus Ericsson.

Und tatsächlich muss man die Frage stellen, wie es zu der Situation kommen konnte, bei der viele Zuschauer unweigerlich an jenen Sonntag in Suzuka im Oktober 2014 denken mussten. Doch was war am Samstag genau passiert? Ausgangspunkt war ein Abflug von Williams-Pilot Nicholas Latifi am Ende des ersten Qualifyingabschnitts in Kurve 8.

Der sorgte bereits am Ende von Q1 für Verwirrung. So wurden von der Rennleitung für den Zwischenfall doppelt gelbe Flagge gezeigt. Aus der Onboard von Kevin Magnussen ist allerdings zu erkennen, dass ein Streckenposten fälschlicherweise die rote Flagge zeigte, obwohl die Session gar nicht unterbrochen war. Ein kleines Missverständnis ohne große Folgen.

Stand die Rennleitung unter Zeitdruck?

Der weitaus größere Fehler passierte einige Minuten später. Denn nach dem Ende von Q1 rückte ein Kran aus, um den Williams aus dem Kiesbett zu befreien. Ein normaler Vorgang, weil Latifi es aus eigener Kraft nicht mehr schaffte. Kurz darauf ließ die Rennleitung die Autos für Q2 wieder auf die Strecke - und sorgte damit für heftige Kritik.

Das Problem: Der Kran war noch immer direkt am Streckenrand, als die Boxengasse öffnete. "Es kann unmöglich sein, dass sie das mit Absicht gemacht haben", wundert sich Alexander Albon und erklärt: "Ich hatte erwartet, dass es ein Fünf-Minuten-Signal geben würde. Aber es war nur eine Minute, und dann wurde [die Session gestartet]."

"Ich dachte mir, dass sie den Kran ziemlich schnell bewegt haben müssen. Aber offensichtlich war nicht genug Zeit", so Albon, für den es sich nur um ein "Missverständnis" gehandelt haben kann. Auch Daniel Ricciardo war "ziemlich überrascht" und mutmaßt, dass die Rennleitung möglicherweise Angst vor der einsetzenden Dunkelheit hatte.

Hintergrund: Q1 war zuvor zweimal durch eine rote Flagge unterbrochen worden. Dementsprechend war der Zeitplan in Verzug geraten. Ricciardo glaubt, dass man es deshalb "eilig" hatte, um die Session nicht noch weiter zu verzögern und das Qualifying möglicherweise wegen schlechter Lichtverhältnisse gar nicht mehr beenden zu können.

Masi verließ sich auf eine Fehleinschätzung

Rennleiter Michael Masi betont, dass das nicht der Grund gewesen sei. Vielmehr habe er sich bei der Entscheidung auf die Information des "Clerk of the Course" verlassen, der ihm "versichert" habe, dass der Kran nicht mehr im Gefahrenbereich stehen werde, sobald die ersten Autos Kurve 8 erreichen. Masi vertraute darauf und gab die Session frei.

Dazu muss man wissen: Der "Clerk of the Course" wird bei jedem Rennen vom nationalen Veranstalter und nicht von der FIA bestimmt. "Wir haben die Autos aus der Boxengasse gelassen, während das Bergungsfahrzeug in Richtung des Notausgangs fuhr", erklärt Masi, der sich auf die Einschätzung verließ, dass der Kran schnell genug wegkommen würde.

Das war allerdings nicht der Fall. Tatsächlich dauerte es nach dem Start von Q2 noch fast zwei Minuten, bevor der Kran wirklich wieder hinter dem Sicherheitszaun verschwunden und damit für die Piloten auf der Strecke keine Gefahr mehr war. Bis zu diesem Zeitpunkt "überbrückte" Masi die Situation damit, im entsprechenden Bereich doppelt gelb zu zeigen.

Zusätzlich habe man bereits ab dem Eingang von Kurve 7 doppelt gelb gezeigt, "um die Autos auf ihrer Outlap noch weiter zu verlangsamen", betont Masi. Doch war das ausreichend? "Wir waren auf einer Outlap und sind kein Risiko eingegangen", bestätigt Esteban Ocon. Trotzdem habe man aber auch nicht zu langsam fahren können.

Vettel: Bei solchen Fehlern "keinerlei Toleranz"

Hintergrund: Bei den schwierigen Bedingungen am Samstag war es wichtig, bereits auf der Outlap Temperatur in die Reifen zu bekommen. Deswegen konnten die Fahrer dabei nicht komplett um die Strecke schleichen. Ein Abflug in der Outlap war deshalb zwar nicht sehr wahrscheinlich, auf der nassen Piste aber eben auch nicht ausgeschlossen.

"Natürlich ist das kein Szenario, das wir sehen sollen", weiß daher auch Masi und erklärt: "Rückblickend hätten wir es anders gemacht und die Autos zurückgehalten, bis die Bergung abgeschlossen war." Man wolle den Vorgang jetzt "überprüfen" und daraus "lernen", damit es nicht noch einmal passiert. Das fordern auch die Piloten.

"Wir sind alle Menschen, und Fehler passieren. Aber bei diesem Fehler gibt es keinerlei Toleranz", sagt zum Beispiel Sebastian Vettel und ergänzt: "Das wissen wir alle, und ich glaube nicht, dass es in Zukunft noch einmal passieren wird." Der Ferrari-Pilot fordert nun eine genaue Aufarbeitung der Situation. Ähnlich sieht es auch sein Teamkollege.

"Man muss nicht daran erinnern, was in der Vergangenheit bei solchen Situationen passiert ist. Es sollte nicht passieren, und wir müssen dafür sorgen, dass es nicht wieder passiert", so Charles Leclerc. Glücklicherweise gab es in der entsprechenden Situation am Samstag keinen Unfall. Ein Weckruf für die Formel 1 könnte es trotzdem gewesen sein.

Mit Bildmaterial von Motorsport Images.