"Bevor sie sich abschieben lassen, bringen sie sich lieber um"

Elvira Bittner haben wir auf einer Demonstration gegen Abschiebungen nach Afghanistan auf dem Münchner Franz-Josef-Strauß-Flughafen getroffen. Bittner ist eine Helferin, unterstützt privat Geflüchtete. In ihrem Bekanntenkreis sind auch mehrere Afghanen. Elvira Bittner hat Angst, dass die Namen ihrer Schützlinge eines Tages ebenfalls auf einer "Abschiebeliste" stehen könnten. Euronews-Reporter Hans von der Brelie sprach mit Elvira Bittner kurz vor Abflug eines Flugzeuges, das 69 abgelehnte Asylbewerber nach Afghanistan zurückbrachte . Einer der Abgeschobenen beging kurz nach der Landung in Kabul Selbstmord .

Euronews: "Warum helfen Sie Geflüchteten?"

Elvira Bittner: "Flüchtlinge kommen hierher, weil sie Hilfe brauchen. Ich helfe gerne, bin weltoffen, habe keine Berührungsängste. Ich bin in einem offenen Haus aufgewachsen. Und als dann 2015 die große Welle kam, da war es eben mein Anliegen zu helfen."

Euronews: "Sie kennen selber viele Geflüchtete aus Afghanistan. Jetzt häufen sich Abschiebungen zurück nach Kabul. Wie wirkt sich das aus auf die Menschen, die Sie persönlich kennen?"

Elvira Bittner: "Was ich grauenhaft finde: Viele der Afghanen geraten immer mehr in Angst und Panik. Das mitzuerleben ist schlimm. Es macht sich eine Stimmung der Angst breit. Wir Helfer können gar nicht fassen, was hier in Deutschland passiert, vor allem in Bayern. Da wird Gewalt ausgeübt. Und man verhindert mit allen Mitteln Integration. Dabei gibt es ja beispielsweise auch Unternehmer, die sagen, wir brauchen Leute. Gerade bei Afghanen sagen die Arbeitsagenturen: Hier haben wir gute Erfahrungen gemacht, die sind motiviert, die lernen schnell Deutsch, integrieren sich vorbildlich. Und dann holt man die Leute, nachdem sie oft jahrelang gearbeitet haben, zum Teil Berufsintegrationsklassen durchlaufen haben, in Ausbildung sind oder gehen wollen, hier raus, dann schiebt man sie ab - und zwar ganz brutal."

Abschiebung - ein Akt der nackten Gewalt

Euronews: "Welche Folgen hat das für die Geflüchteten?"

Elivra Bittner: "Es wird immer in den öffentlichen Medien behauptet, die Mehrheit der Deutschen sei für Abschiebungen. Doch wenn die Deutschen wüssten, wie so eine Abschiebung abläuft. Das ist ein Akt der nackten Gewalt. Die Polizisten kommen in der Nacht, holen die Leute aus den Unterkünften. (...) Wir haben von Sozialarbeitern gehört, dass Geld der Geflüchteten auf deutschen Konten liegen bleibt. Die werden wie Verbrecher deportiert. Ich weiß von vielen Afghanen, die sagen, wir haben wahnsinnig Angst. Wenn wir nach Afghanistan zurückkommen, sind wir wirklich gefährdet."

Euronews: "Wieso gefährdet?"

Elvira Bittner: "Es ist ja nicht nur so, dass in Afghanistan Zivilisten zufällig von einer Bombe getötet werden. Das auch. Aber es werden auch gezielt diese abgeschobenen Afghanen bedroht, von den Taliban, von dem IS, von islamistischen Gruppierungen, eben weil sie aus dem Westen zurückkommen. Man wirft denen vor, sie hätten vielleicht Alkohol getrunken, Schweinefleisch gegessen, nach westlichem Vorbild gelebt. Familien sind in Gefahr, entführt zu werden, Geld wird erpresst. Aber vor allem diese alleinstehenden jungen Männer, die man jetzt zuerst abschiebt, sind in Afghanistan besonders gefährdet."

Euronews: "Sie kümmern sich um einen der Geflüchteten besonders. Was meint denn ihr Schützling?"

Elvira Bittner: "Ich begleite den schon lange, die ganzen Schritte durch den Alltag, Behördenbegleitung und so weiter. Ich habe meinen Schützling einmal gefragt, was wäre, wenn du abgeschoben würdest? Wie ist die Stimmung auch bei den anderen Afghanen, die in der Unterkunft leben? Dort herrsche eine ganz schlechte Stimmung, hat er mit gesagt. Mehrere Menschen sind in der Psychiatrie gelandet oder sind verschwunden, keiner weiß, wohin - untergetaucht oder verhaftet. Also mein Schützling ist noch im Verfahren, trotzdem habe ich ihn gefragt, was wäre, wenn du jetzt abgeschoben würdest? Dann würde ich am liebsten aus dem Flugzeug springen, war seine Antwort. Das habe ich schon von mehreren Afghanen gehört: Bevor sie sich abschieben lassen, bringen sie sich lieber um."