Betriebsräte appellieren an Familie Siemens


In der Bundespolitik waren die Arbeitnehmervertreter von Siemens vorstellig und auch bei Landespolitikern. Im Streit um den von Konzernchef Joe Kaeser geplanten Abbau von Tausenden Stellen in der Kraftwerkssparte appellieren die Betriebsratschefs nun sogar an die Familie des Firmengründers Werner von Siemens.

„Wir werden ohne wirtschaftliche Not anonymen Aktionärsinteressen und überzogenen Margenzielen geopfert. Sieht soziale Marktwirtschaft in Deutschland heute so aus?“, heißt es in einem am Donnerstag veröffentlichten offenen Brief. Adressiert ist er an Nathalie von Siemens, gerichtet ist er an die „Damen und Herren der Familie von Siemens“. „Wir bitten Sie daher, sich mit uns gegen diese Fehlentwicklung zu stellen. Es geht um Menschen, aber es geht auch um das Ansehen der Marke Siemens.“ Die Familie hält noch sechs Prozent der Anteile.

Konzernchef Kaeser werfen sie Verantwortungslosigkeit vor. Der Vorstandsvorsitzende philosophiere „öffentlich über Elitenversagen und bedingungslose Grundeinkommen“, lasse aber gegenüber den eigenen Beschäftigten „die oft zitierte Verantwortung außer Acht“, heißt es in dem Schreiben. „Wir als Arbeitnehmervertreterinnen fragen uns: Geht man so mit Menschen um, die jahrelang unermüdlich Einsatz für das Unternehmen gezeigt haben? Was ist das für ein Stil, peu à peu Informationen über die Zukunft bedrohter Standorte in der Presse zu streuen?“


Siemens will in der Kraftwerks- und Antriebssparte weltweit 6900 Arbeitsplätze streichen. Rund die Hälfte davon soll in Deutschland weg fallen. Ganze Standorte stehen vor der Schließung, unter anderem Görlitz und Leipzig.

„Helfen Sie uns, die Standortschließungs- und Personalabbaupläne vom Tisch zu bekommen“, appellieren die Arbeitnehmervertreter an die Siemens-Familie: „Unterstützen Sie uns dabei, durch Investitionen und Innovationen zukunftsweisende Produkte und Lösungen in den betroffenen Divisionen auf den Weg zu bringen und damit Standorte und Beschäftigung zu sichern.“ Das Grundverständnis, dass eine Familie besonders in schwierigen Zeiten zueinander halten solle, scheine „in der ‚Siemens-Familie‘ dem Druck der Märkte zu weichen“, schreiben die Betriebsratsvorsitzenden.

Kaeser hatte Anfang der Woche erstmals den umkämpften Standort Görlitz besucht, der geschlossen werden soll. Der Siemens-Chef sprach in der Turbinenfabrik vor mehreren hundert Beschäftigten. Teilnehmer berichten, die Stimmung sei konstruktiv gewesen. Zwar machte Kaeser keine Versprechungen, er sagte jedoch hinterher: „Es wäre echt schade, wenn dieser Standort verloren ginge, nur weil uns nichts Gutes gemeinsam einfällt.“ In Industriekreisen gilt es nicht mehr als ausgeschlossen, dass der Standort in irgendeiner Form zumindest verkleinert doch noch erhalten werden könnte. Das müssten nun aber die Verhandlungen mit den Arbeitnehmervertretern Anfang 2018 zeigen.


Am Mittwoch hatte Kaeser auch Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer getroffen. In einer gemeinsamen Erklärung hieß es am Donnerstag, Kaeser habe „seine Bereitschaft wiederholt, alle Optionen gemeinsam mit Bundes- und Landesregierung zu prüfen, um den Menschen und der gesamten Region eine Perspektive zu geben“. Dazu zähle auch „die Möglichkeit eines Zukunftsfonds, mit dessen Hilfe die digitale Transformation gestaltet werden kann“.

Kaeser hatte in den vergangenen Tagen seine Gesprächsbereitschaft betont, er werde nochmal auf die Gewerkschaften zugehen. Man müsse gemeinsam „üben, wie Transformation mit Sozialpartnerschaft funktioniert“. Der Wert der sozialen Integration müsse auch einmal größer sein als das letzte Quäntchen Marge.

Die Gewerkschaft zeigte sich am Donnerstag weiter kampfbereit: „IG Metall und Betriebsräte sind jedenfalls trotz aller Eventualitäten darauf eingestellt, die Auseinandersetzung nach den Feiertagen weiter zu führen.“

KONTEXT

Was mal alles Siemens war

Ein Konzern im steten Wandel

Was hat Siemens nicht schon alles hergestellt. Telefone, Computer, Halbleiter oder Geldautomaten. Der Konzern, 1847 als Telegraphen-Bauanstalt von Siemens & Halske in Berlin gegründet, hat sich seither gründlich und stetig gewandelt. Geschäfte kamen hinzu, andere verschwanden. Die Liste prominenter Abgänge ist lang. Eine Auswahl früherer Siemens-Geschäfte.

Halbleiter

Die heftigen Turbulenzen auf dem Markt veranlasste Siemens, das Geschäft abzuspalten - der Halbleiterhersteller Infineon wurde 1999 an die Börse geschickt.

Telekommunikation

Zwar war Siemens als Telegraphen-Hersteller gegründet worden, doch der rasche Wandel auf dem Telefonmarkt überforderte den Konzern. Lange bevor Nokia den Anschluss an Apple auf dem Handymarkt verlor, musste Siemens Mobile trotz zunächst großer Erfolge einst Nokia ziehen lassen. Das Geschäft mit Mobiltelefonen gab Siemens 2005 an den BenQ-Konzern ab. Nur wenig später musste der die Produktion einstellen. Das Geschäft mit schnurlosen Telefonen für daheim verkaufte Siemens 2008 an Arques.

Netzwerke

Auch das Ausrüstungsgeschäft für Netzwerke trennte Siemens heraus und brachte das Geschäft 2007 in eine gemeinsame Firma mit Nokia unter dem Namen NSN ein.

Computer

Unter dem Namen Siemens Nixdorf baute Siemens einst nicht nur Geldautomaten, sondern auch Computer. Diesen Teil brachte Siemens in ein Joint Venture mit dem japanischen Hersteller Fujitsu ein und zog sich 2009 daraus zurück. Die Sparte mit Kassensystemen und Geldautomaten wurde zehn Jahre zuvor an Investoren verkauft und wurde 1999 als Wincor Nixdorf weiter geführt und an die Börse gebracht.

Auto

Wechselvoll ist auch die Geschichte, die Siemens als Autozulieferer erlebt hat. So hat der Konzern 2001 den Zulieferer VDO übernommen und mit dem eigenen Autogeschäft zusammengeführt. Nach einer Ein- und wieder Ausgliederung sollte VDO eigentlich an die Börse gebracht werden, ging aber dann 2007 im Wege eines Verkaufs an den Autozulieferer Continental.

Licht

Osram ist das jüngste Beispiel für ein Modell der Trennung. Das traditionsreiche Licht-Unternehmen gehörte lange zu Siemens. Angesichts milliardenschwerer Herausforderungen, etwa für die Entwicklung neuer Produkte nach dem Aus für die Glühbirne, wollte Siemens die Tochter mit einem Börsengang in die Freiheit entlassen - und dafür Milliarden einsammeln. Das klappte nicht, stattdessen buchte Siemens seinen Aktionären Osram-Aktien ins Depot, ein Börsengang light sozusagen. Seit 2013 ist Osram selbstständig.