Wer bestimmt die Anleiherendite?

Jochen Kauper
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Die Anleiherendite bildet sich frei am Markt durch Angebot und Nachfrage, heißt es. Doch das ist nur die halbe Wahrheit.
"Die Anleiherendite wird mehr oder weniger durch die Intentionen der Notenbank festgelegt. Ich werde es an einem Beispiel verdeutlichen und wähle dazu eine fünfjährige Anleihe in den USA. Derjenige der sich Geld leihen möchte, kann sich entweder für fünf Jahre fest Geld leihen, im Moment zu zwei Prozent - abgerundet wegen der einfacheren Rechnung-. oder er leiht sich fünf Jahre lang zum variablen Zinssatz jeweils zum Tagesgeldsatz. Diese beiden Möglichkeiten an Geld zu kommen müssen letztlich gleich sein. Das heißt, derjenige, der fünf Jahre lang zwei Prozent für sein Kredit bezahlt kommt während der Laufzeit auf zehn Prozent. Derjenige, der zum Tagesgeldsatz variabel leiht, geht damit implizit die Vermutung ein, dass er im ersten Jahr null Prozent, wie vor einigen Monaten, im zweiten Jahr ein, im dritten Jahr zwei, im vierten Jahr drei und im fünften Jahr vier Prozent zahlt. Macht zusammen auch zehn Prozent. Bei einem Tagesgeldsatz von null Prozent und einem fünfjährigen Satz von zwei Prozent, geht der Markt also davon aus, dass in fünf Jahren der Tagesgeldsatz auf vier Prozent gestiegen sein wird", sagt Buchautor Thomas Gebert. 

Die zwei Prozent Rendite für die fünfjährigen Papiere sind also nicht wirklich frei gehandelt, sondern eine Folge der kommunizierten und vermuteten Notenbankpolitik der nächsten fünf Jahre. "Würde die US-Notenbank zum Beispiel verbindlich erklären, dass sie fünf Jahre lang den Tagesgeldsatz bei null Prozent halten wird, werden automatisch die Renditen für fünfjährigen Papiere ebenfalls bei null Prozent sein. Die Rendite für zehnjährige Deutsche Bundesanleihen ist nicht so niedrig, weil die Deutschen Bundesanleihen einen sicheren Hafen bieten oder wegen der Anleihekäufe von Mario Draghi. Die niedrige Rendite beinhaltet einzig und allein die kommunizierte und vermutete Handlungsweise der Europäischen Zentralbank in den nächsten zehn Jahren. Der Markt geht davon aus, dass die EZB den Tagesgeldzinssatz in den nächsten zehn Jahren kaum erhören wird. Würde die EZB vermitteln, dass die Tagesgeldzinsen in den nächsten Jahren deutlich ansteigen werden, sagen wir auf vier Prozent, würden sich die Renditen der Deutschen Bundesanleihen augenblicklich in diese Richtung bewegen. Deshalb befindet sich der Anleihemarkt auch nicht in einer Spekulationsblase, befand sich nie und wird sich auch nie befinden. Er spiegelt nur die Intentionen der Notenbank wider. (So erklärt sich auch, warum die Rendite portugiesischer Anleihen deutlich niedriger als die amerikanischer Papiere ist, was auf den ersten Blich sehr unlogisch erscheint. Beide gehorchen verschiedenen Notenbanken.) So ist auch ein Anstieg der US-Renditen auf 3,5 oder vier Prozent oder gar ein Anleihecrash vollkommen unrealistisch. Im Gegenteil, die US-Notenbank gibt an, dass auf Dauer der Tagesgeldsatz vermutlich höchstens auf 2,9 Prozent steigen werde. Deshalb sollte der Anstieg der US-Renditen, der den Minicrash ausgelöst hat zu Ende sein und die Renditen wieder auf 2,5 oder 2,4 Prozent sinken. Die deutschen Aktien und vor allem die, die aus Renditegründen gekauft werden, sollten davon profitieren", sagt Thomas Gebert.

Thomas Gebert ist Buchautor und freier Redakteur. Mehr Infos zu Thomas Gebert uns seinem Börsenindikator gibt es unter www.gebertbrief.de.