Bester Filmmoment des Jahres: Die 'Hundeszene' aus 'Dogman'

Willy Flemmer
Freier Autor für Yahoo Kino

Matteo Garrones “Dogman” ist nicht nur ein düsterer Film über das gegenwärtige Italien. Das preisgekrönte Drama hat uns dieses Jahr auch einen der schönsten Filmmomente des Jahres geschenkt.

Bei den Filmfestspielen in Cannes wurde Marcello Fonte dieses Jahr mit dem Darstellerpreis ausgezeichnet. (Bild: Alamode Filmdistribution)

Legendäre Filmmomente

Die Geschichte des Kinos ist auch die Geschichte großer Kinomomente, die großen Filmen nicht selten die Krone aufsetzen und sich für immer ins Gedächtnis ihrer Zuschauer einprägen. “Taxi Driver” wäre auch ohne die legendäre Spiegelszene und dem dazugehörigen Satz Travis Bickles (“redest du mit mir?”) zum Kultfilm geworden, doch ohne sie wäre das großartige Drama aber auch eines i-Tüpfelchens ärmer. “Du sollst mein Glücksstern sein” hätte einen magischen Moment weniger, wenn Gene Kelly nicht in einer Szene “im Regen singen” und tanzen würde. Sie diente einige Jahre später übrigens Stanley Kubrick als Vorbild für einen großartig makabren Moment seines Sci-Fi-Klassikers “Uhrwerk Orange”.

Es ließen etliche weitere Beispiele für legendäre Filmmomente anführen, die sogar zu Synonymen für die Filme wurden, in denen sie vorkommen. Wenn wir an “Psycho” denken, denken wir an die unheimliche Duschszene. Beim Gedanken an “Harry & Sally” landen wir im Restaurant, in dem Sally Harry einen Orgasmus vorspielt. Der Schatten des Vampirs an der Wand ist bezeichnend für Friedrich Wilhelm Murnaus Horror-Meisterwerk “Nosferatu”. Oft sind es auch einzelne Sätze, die zu Stellvertretern ihrer Filme wurden. “Ich schau’ dir in die Augen, Kleines”, “Ich mach’ ihm ein Angebot, das er nicht ablehnen kann”, “Hasta la Vista, Baby!” – es erübrigt sich, den Zitaten die jeweiligen Filmtitel hinzuzufügen. Manche Filme lassen sich sogar auf ein Wort herunterbrechen: “Rosebud”. Auch hier: Jeder weiß, welcher Filmklassiker gemeint ist.

Tierisch gute Szene in “Dogman”

Natürlich war auch dieses Jahr wieder voller magischer Filmmomente, von denen vielleicht mancher in die Filmgeschichte eingehen wird. Ob dies der Szene gelingen wird, für die wir uns als beste des Jahres entschieden haben, wird ebenfalls abzuwarten sein. Denkwürdig ist der Moment aus Matteo Garrones “Dogman” allemal. Das Drama handelt von Marcello, einem Mann im mittleren Alter, der am verwahrlosten Rand irgendeiner heruntergekommenen italienischen Küstenstadt einen kleinen Hundesaloon besitzt. Marcello ist ein herzensguter Mensch, der aus einer längst gescheiterten Beziehung eine Tochter hat. Mit seinen Nachbarn, allesamt Kleinunternehmer wie er, versteht er sich gut. Das Leben des “Hundemanns” wäre trotz der von Gott und Politik verlassenen Gegend, in der er lebt, schön und gut. Wäre da nicht Simoncino.

Marcello (Marcello Fonte) liebt seine Hunde. Szene aus “Dogman” (Bild: Alamode Filmdistribution)

Der brutale Gangster mit der Physiognomie eines Boxers und der Unberechenbarkeit einer tollwütigen Bestie terrorisiert seit Jahr und Tag die Nachbarschaft. Als Druckmittel dient ihm die physische Bedrohung, die von ihm ausgeht. Rücksichtslos weiß er die Angst, die die Menschen vor ihm haben, auszunutzen. Wer ihm nicht gibt, was er haben will, dem tut er Gewalt an. So überschaubar ist die Logik seiner beschränkten Welt. Vor allem Marcello weiß Simone, wie er paradoxerweise liebevoll selbst von seinen Opfern genannt wird, rücksichtslos auszubeuten. Denn er weiß, wie schwach der gutmütige Hundebesitzer ist. Er weiß auch, dass er es ihm nicht abschlagen wird, wenn er ihn für einen Raubzug oder den nächsten Drogendeal einspannt. Und wenn sich bei Marcello dennoch Widerstand regt, dann tut er ihm weh. So wie er ihn eines Tages fast totprügelt.

David schlägt Goliath

Irgendwann ist selbst für Marcello Schluss. Als er wegen und für Simone ins Gefängnis gehen muss und nach seiner Entlassung Ansehen und Freunde verloren hat, beschließt er, zurückzuschlagen. Wie dieser Davids seine Entscheidung, sich endlich Goliath zu stellen, in die Tat umzusetzen beginnt, veranschaulicht Garrone mit einer Szene, die zu den schönsten des Films und dieses Jahres gehört. Marcello besucht eines Abends den Ort, an dem Simone sich für gewöhnlich aufhält. Bei sich hat er ein Päckchen Kokain, das Teil seines Plans ist. Als Simone den Besucher erblickt, nähert er sich ihm einmal mehr wie ein tollwütiger Hund, der drauf und dran ist zuzubeißen. Da holt Marcello das Päckchen hervor. Er hält es dem drogensüchtigen Simone vor die Nase, der sich damit von einer Sekunde zur nächsten verwandelt. Aus der beißwütigen Bulldogge wird plötzlich ein zahmes Schoßhündchen.

Eine wilde Bestie, die gezähmt werden muss: Simone (Edoardo Pesce) bedroht Marcello (Marcello Fonte) in “Dogman”. (Bild: Alamode Filmdistribution)

Die “Hundeszene” überragt andere Szenen dieses großartigen Films deshalb, weil hierin die symbolische Bildsprache Garrones gipfelt. Und weil sie auch von überragenden Schauspielerin getragen wird; tatsächlich ist neben Marcello Fontes auch die Leistung Edoardo Pesces im Film nicht hoch genug einzuschätzen, der mit seiner Darstellung des stämmigen Gewalttäters Simone ein ums andere Mal an Robert De Niros “Raging Bull” erinnert. Und schließlich: Weil die Szene ganz und gar nicht den Auftakt einer Erlösung markiert, doch diese Erkenntnis wird im Zuschauer erst mit den folgenden, nicht weniger großartigen Szenen reifen. “Dogman” ist kein Sinn stiftender Hollywood-Rachethriller. Das in der Anlage düstere, in der Haltung pessimistische Drama bietet seinen Figuren keinen Ausweg aus ihrer Misere durch eigenes Handeln. Das Leben ist kein Zuckerschlecken und erst recht nicht zielgerichtet hin zu einer heilen Welt, will Garrone sagen, das gilt auch und vor allem für das Leben im gegenwärtigen Italien.