Bester deutscher Film des Jahres: Christian Petzolds 'Transit'

Willy Flemmer
Freier Autor für Yahoo Kino

Franz Rogowski und Paula Beer befinden sich in “Transit” zwischen den Welten und Zeiten. Christian Petzold hat mit der Verfilmung von Anna Seghers gleichnamigem Roman den besten deutschen Film des Jahres gedreht.

Bild: good!movies

Um die Filmkunst eines Landes, in dem Filme wie “Transit” entstehen, kann es gar nicht schlecht stehen. Dass Meisterwerke wie dieses dennoch gerne übersehen werden, liegt zum einen daran, dass sie im Franchise-Zeitalter gegen die Anziehungskraft von Superhelden-Filmen und -Serien kaum eine Chance haben, wahrgenommen zu werden. Zum anderen daran, dass sie selbst von offizieller Seite nicht die verdiente Aufmerksamkeit bekommen. Ins Oscar-Rennen für Deutschland zum Beispiel wird dieses Jahr nicht etwa “Transit” geschickt, sondern das pathetische Künstlerdrama “Werk ohne Autor”. Aus berechneten Gründen: Florian Henckel von Donnersmarcks Ich-behandle-alle-wichtigen-Themen-Nachkriegsdeutschlands-Film streift schließlich auch die drei Themen, mit denen man glaubt, die Oscar-Academy immer ködern zu können: Zweiter Weltkrieg, Nationalsozialismus und DDR-Zeit. Prognose: “Werk ohne Autor” wird nicht für den Oscar nominiert werden, “Transit” hätte dagegen gute Chancen.

Und das nicht nur, weil Christian Petzolds Film zu den bemerkenswertesten, weil innovativsten Literaturverfilmungen der letzten Jahre gehört. Als Vorlage diente dem Regisseur und Drehbuchautor eines seiner Lieblingsbücher, Anna Seghers gleichnamiger Roman. Dessen Geschichte erzählt Petzold allerdings nicht werkgetreu nach, wie man so sagt, der Interpretationsansatz ist vielmehr ein sehr freier. Das Besondere dieser Romanadaption: Sie ist in zwei Zeitebenen gleichzeitig angesiedelt. “Transit” spielt einerseits – wie der Roman – im Nazi-besetzten Frankreich der 1940er Jahre, andererseits zugleich im heutigen Marseille. Das Ergebnis ist irritierend: Die Menschen leben im Hier und Jetzt, reden und geben sich aber seltsam gestrig. Schriftsteller verfassen ihre Texte nicht auf Laptops und Computern, sondern noch immer auf Schreibmaschinen. Liebende schreiben ihre Liebesbriefe nicht auf Smartphones, sondern mit der Hand aufs Papier. Und Radiotechniker wie die männliche Hauptfigur in “Transit” sind nicht zugleich Informatiker. Um ein defektes Gerät wieder zum Laufen zu bringen, brauchen sie nicht mehr als einen Schraubenzieher, ein Feuerzeug und etwas Blei.

Paula Beer und Franz Rogowski in “Transit” (Bild: Christian Schulz / Schrammfilm / ZDF)

Vor allem ist diese Welt aus Gestern und Heute eine, in der die Menschen in Europa sich wieder auf der Flucht befinden, und zwar vor einem faschistischen Deutschland. Marseille ist – wie auch bei Seghers – das Nadelöhr zur freien Welt. In der Hafenstadt warten auch viele Deutsche auf die Möglichkeit einer Flucht raus aus Europa. Einer von ihnen ist Georg (Franz Rogowski). Der ehemalige Radiotechniker gelangt in Marseille durch Zufall an die Papiere eines Schriftstellers namens Weidel, der sich vor nicht langer Zeit das Leben nahm. Er nimmt die Identität des Toten an und bekommt so die Chance auf eine Ausreise nach Mexiko. Doch dann lernt Georg die Ex-Freundin Weidels kennen, in die er sich verliebt. Wegen Marie (Paula Beer) wird sich Georgs Aufenthalt im Transit-Ort Marseille verlängern. Wegen ihr wird er bald sogar vor der Frage stehen, ob er überhaupt mit ihr zusammen fliehen sollte.

An “Transit” beeindruckt nicht nur der Innovationswille Petzolds, sondern auch die Vielschichtigkeit des Films. Durch die Verschränkung der Zeitebenen wird der Film dezidiert politisch. In der Flüchtlingsgeschichte, die Petzold erzählt, schimmert die Flüchtlings- und Migrationskrise durch, die Europa seit geraumer Zeit und immer drängender beschäftigt. Dabei kehrt der Regisseur die Vorzeichen um. Heute ist Europa der Sehnsuchtsort vieler Menschen aus ärmeren und konfliktgeladenen Ländern. Früher war es der Kontinent, aus dem geflohen wurde. Versteckt sich hinter dem Motiv ein Plädoyer des Regisseurs? Will Petzold sagen: Wie uns Europäern einst in Krisenzeiten geholfen wurde, so sollten auch wir heute in Not geratenen Menschen Schutz gewähren?

Die vielen Bedeutungsebenen von “Transit” zeigen sich auch in der formalen Behandlung des Stoffs. Wie sich in der Handlung mehrere Zeiten durchdringen, so wechselt die Erzählung zwischen den unterschiedlichen Stilepochen des Kinos. Immer ist Petzold mit seinem Film bei sich und der Ästhetik der Berliner Schule. Die Figuren gleichen allesamt Gespenstern, ähnlich wie die Figuren in Petzolds früheren Filmen, insbesondere seinem Drama “Gespenster”. Dann wiederum versöhnt Petzold seine und die Themen und Motive der Berliner Schule mit dem populären Erzählkino. Das hatte er zuvor schon mit dem kurz nach dem Zweiten Weltkrieg angesiedelten Melodram “Phoenix” getan, diesmal wählt er ein Genre, das heute allgegenwärtig ist, die Verfilmung einer literarischen Vorlage.

Szene aus Christian Petzolds “Transit” (Bild: good!movies)

“Transit” erinnert immer wieder auch an das Kino von gestern und vorgestern. Es ist interessant, wie Petzold Paula Beers Figur einführt. Marie läuft bis zur Mitte des Films durch Szenen und Bilder wie manch ätherische Schönheit aus den Filmen der Nouvelle Vague. Zugleich zitiert Petzold das klassische Hollywood-Kino. In der Dreiecksgeschichte um Georg, Marie und den verstorbenen Schriftsteller steckt die Liebesgeschichte aus “Casablanca”. Manches Bild lässt an die epische Cinemascope-Filme der 1950er Jahre denken. Wie jenes, in dem zu sehen ist, wie ein Schiff den Hafen von Marseille verlässt. Gezeigt wird es aus der Perspektive des Hotelzimmers, in dem sich Marie und Georg gerade befinden. Was sich zwischen den beiden hier abspielt, hat wiederum wenig gemein mit dem prüden Hollywood-Kino der 1950er. Marie und Georg wollen miteinander schlafen. Sie haucht ihm ins Ohr: “Komm! Komm!” – und zieht ihn zu sich ins Bett. Ganz so wie einst Catherine Deneuve Jean Paul Belmondo in François Truffauts “Das Geheimnis der falschen Braut” zum Liebesakt aufforderte.