Das sind die besten Krankenkassen


Was ist eine gute gesetzliche Krankenkasse? Darauf hat der Gesetzgeber im Sozialgesetzbuch V eine nur auf den ersten Blick klare Antwort gegeben. Danach haben die Krankenkassen als Körperschaften des öffentlichen Rechts den gesetzlichen Auftrag, die Gesundheit der Versicherten zu erhalten, wiederherzustellen oder wenigstens zu bessern. Dabei sollen sie sich als „Solidargemeinschaft“ aus Reichen und Armen und Kranken und Gesunden am Gebot der medizinischen Zweckmäßigkeit und Wirtschaftlichkeit orientieren. Komfortmedizin ist also eigentlich nicht ihr Auftrag.

Die Wirklichkeit sieht – vom Gesetzgeber geduldet und Dank des immer dicker werdenden Sozialgesetzbuchs sogar gefördert – längst anders aus. Zwar gelten die Maximen Zweckmäßigkeit und Wirtschaftlichkeit nach wie vor. Doch die Kassen sind schon lange keine Sparanstalten mehr, deren Funktionäre die Versicherten wie Bittsteller behandeln.


Seit 1996 jeder Bürger das Recht erhielt, seine Kasse frei zu wählen, stehen vor allem die regional oder bundesweit geöffneten Krankenkassen in scharfem Wettbewerb. Und der läuft neben der Höhe des Beitragssatzes vor allem über Wahltarife und Zusatzleistungen, die über den gesetzlichen Leistungskatalog hinausreichen. Restriktiv sind Kassen heute nur noch, wenn es im schweren Krankheitsfall richtig teuer zu werden droht oder bei manchen Reha-Maßnahmen und Mutter-Kind-Kuren.

Neben einem geringeren Zusatzbeitrag gehören verschiedene Bonusprogramme genauso zum Werbeangebot wie Zusatzleistungen, etwa im Bereich der Homöopathie oder der Osteopathie. Das Handelsblatt hat sich die Krankenkassen daher mit einem neuen Test unter die Lupe genommen. „Ziel war es zu ermitteln, inwiefern eine Krankenkasse auch das anbietet, was von den Versicherten nachgefragt wird, unabhängig davon, wie sinnvoll diese Angebote aus Krankenkassensicht oder aus Sicht von Experten sind,“ erläutert Thomas Lemke, Geschäftsführer der Deutsches Finanz-Service Institut GmbH in Köln, der die Studie für das Handelsblatt durchgeführt hat.


Geht man auch vor allem von den Präferenzen der Kunden aus, macht eine bundesweit noch nicht ganz so bekannte Kasse aus Hamburg das Rennen, die HEK: Die Kasse mit rund 500.000 Versicherten kann nicht nur mit einem unterdurchschnittlichen Zusatzbeitrag von 1,1 Prozent punkten. Sie hat auch Zusatzleistungen im Angebot, die von den Kunden stark nachgefragt werden, wie vor allem Homöopathie und Osteopathie.

Das hat sie mit der größten deutschen Kasse, der TK, mit über 10 Millionen Versicherten und der auch eher weniger bekannten Actimonda aus Aachen mit 130.000 Versicherten gemeinsam. Sie haben im Test den zweiten und dritten Platz erreicht.

Homöopathie ist dabei ein gutes Beispiel dafür, dass das am meisten nachgefragte nicht unbedingt auch aus Sicht der Experten das Beste ist. Im vergangenen Jahr sorgte der Vorsitzende des Gemeinsamen Bundesausschusses (GBA) Josef Hecken für Schlagzeilen. Er forderte, Krankenkassen in Zukunft die Bezahlung von Therapiemethoden zu verbieten, für deren Wirksamkeit es keine Belege gibt. Zuvor waren drei Krebspatienten in einer alternativmedizinischen Behandlung im „Biologischen Krebszentrum“ in Brüggen-Bracht gestorben. Der gemeinsame Bundesausschuss ist eine Einrichtung der Selbstverwaltung im Gesundheitswesen, die unter anderem darüber entscheidet, welche neuen Heilverfahren überhaupt von den Krankenkassen bezahlt werden dürfen.


Kunden wollen Globuli, Experten nicht

Das Homöopathieverbot gibt es allerdings bis heute nicht. Und die Nachfrage nach Globuli und anderen alternativen Heilverfahren ist ungebrochen. Experten bleiben skeptisch. Nach einer Sichtung aller bekannten Studien zur Wirksamkeit der Homöopathie gebe es „einheitliche Einschätzung, dass homöopathische Mittel keinen über einen Placebo-Effekt hinausgehenden Nutzen haben“, sagte der Chef der Instituts für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen, Jürgen Windeler.

Doch die Versicherten sehen das ganz offensichtlich anders oder ihnen reicht dieser Placebo-Effekt: „Egal wie man dazu steht, es ist eine Tatsache, dass fast ein Drittel aller Suchabfragen diese Alternativmedizin beinhaltet“, sagt Lemke. „Eine Krankenkasse, die sich einem Leistungswettbewerb stellen will, kommt daher kaum ohne homöopathisches Angebot aus.“


Tatsächlich haben das bis auf die DAK und die SBK alle Krankenkassen, die es unter den bundesweit geöffneten Kassen auf die Plätze eins bis zehn geschafft haben, genau so gesehen. Und noch eines fällt auf: Manches, wovon Kassen oder Politik glauben, dass es gut ankommt, wird gar nicht so geschätzt. Dies gilt etwa für preiswerte Wahltarife mit Selbstbeteiligung. Fast die Hälfte der allgemein geöffneten Krankenkassen bietet so etwas an. Aber nur acht Prozent der Versicherten wollen das auch nutzen.

Ein wesentlich stärker nachgefragter Wahltarif, bei dem es eine Prämie gibt, wenn etwa in einem Jahr keine Leistungen in Anspruch genommen wurden, wird nur von 33 Kassen angeboten. „Hier scheint das Sendungsbewusstsein der Kassen immer noch größer zu sein als die Kundenorientierung“, mutmaßt Lemke.

Eine Rolle könnte allerdings auch eine Einschränkung spielen: Wer einen Selbstbehalttarif wählt, darf anschließend drei Jahre lang nicht die Kasse wechseln. Das macht ein solches Angebot für die Anbieter attraktiv. Beim Prämientarif besteht diese Verpflichtung nicht.


Nach wie vor ist der Preis das wichtigste Kriterium für die Wahl der Kasse. Allerdings geht es den Suchenden weniger um die billigste Kasse. Das ist derzeit unter den bundesweit geöffneten Kassen die HKK mit einem Zusatzbeitrag von 0,59 Prozent – sie steht im Handelsblatt-Ranking auf Platz 13. Zwei Fünftel wünschen sich eine überdurchschnittlich günstige Kasse. 43 Prozent wollen aber nur, dass sie beim Preis nicht über Durchschnitt liegt. „Dem gesetzlich Versicherten ist damit sehr wohl bewusst, dass zusätzliche Leistungen auch etwas kosten“, sagt Lemke.

Das bestätigen auch die Ergebnisse dieser Untersuchung, bei der die 50 am stärksten nachgefragten Leistungen mit dem Leistungsangebot der jeweiligen Kasse abgeglichen wurden. Nicht alle Kassen wurden in den Test einbezogen, sondern nur 76 allgemein geöffnete Krankenkassen. Dabei ergab die nach der Nachfragehäufigkeit gewichtete Summe aller 50 Leistungsangebote das Gesamtresultat. Getestet wurde damit bislang nur, wie gut die Kassen mit ihrem Angebot auf dem Papier sind. Weitere Tests zur Service-Qualität im Alltag und zur finanziellen Stabilität der Unternehmen sollen folgen.

KONTEXT

Vergleich

Methodik

Für den Test wurde das Leistungsangebot von 76 für alle geöffneten Kassen gemessen, deren Daten in der Datenbank der Kassensuche GmbH hinterlegt sind. Der Rang wurde anhand der 50 meistnachgefragten Zusatzleistungen ermittelt.

Rechenweg

Je nachdem, ob ein Angebot voll (1) oder nur im Rahmen eines übergeordneten Budgets (0,8) vorlag, wurde dieser Wert mit der Nachfragehäufigkeit multipliziert. Die Summe der 50 Leistungsangebote ergab das Gesamtresultat, gewichtet nach der Nachfragehäufigkeit.